Pläne von Handelskammer und Wirtschaftsbehörde Bremens Norden soll aufgewertet werden

Bremen. Der Strukturwandel durch den Niedergang der Werften- und Textilindustrie in den 80er- und 90er-Jahren in Bremen-Nord ist brutal. Das Revier mit seinen 100.000 Einwohnern hat wirtschaftlich an Bedeutung verloren. Das wollen Handelskammer und Wirtschaftsbehörde nun ändern.
29.03.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Günther Hörbst

Bremen. Der Strukturwandel durch den Niedergang der Werften- und Textilindustrie in den 80er- und 90er-Jahren in Bremen-Nord war brutal. Bremer Vulkan, BTF Textilwerke, Bremer Wollkämmerei, Norddeutsche Steingut - all diese Betriebe verloren massiv an Bedeutung und Jobs. Und damit auch das Revier im Norden Bremens. Ein Stadtbezirk, der mit knapp 100.000 Einwohner Großstadtausmaße aufweist und dennoch ein wenig vergessen ist. Jetzt wollen die Handelskammer Bremen und die Wirtschaftsbehörde das Potenzial wieder stärker hervorheben.

"Bremen-Nord droht von der Entwicklung in Bremen und Bremerhaven abgehängt zu werden", warnt Handelskammer-Präses Otto Lamotte. "In Bremerhaven ist in den vergangenen 25 Jahren mit erheblicher Unterstützung der Politik sehr viel geschehen. Dasselbe Engagement muss die Politik nun auch in Bremen-Nord an den Tag legen, um den Wirtschaftsstandort dort zukunftstauglich zu machen."

Lamotte beklagt, dass mit dem Niedergang des bis in die 70er-Jahre erfolgreichen Industriestandorts Bremen-Nord - allein der Vulkan beschäftigte mehr als 20.000 Menschen, die Bremer Wollkämmerei war mit 5000 Mitarbeitern bis in die 60er-Jahre der größte Betrieb weltweit in seiner Branche - keine wirtschaftliche Wende wie in Bremerhaven verbunden war. "Bremen-Nord wurde vernachlässigt", sagt der Präses.

Damit soll nun aber Schluss sein. Die Kammer fordert vom Senat eine offensive Industriepolitik für den Stadtbezirk in Bremens Norden. Die Zeit drängt, findet Lamotte. Wegen seiner langgestreckten Form fehle dem Revier ein Mittelzentrum, vor allem das Gebiet nördlich von Vegesack sei abgehängt. "Dort fehlen vor allem Jobs und eine vernünftige Anbindung an die Stadt Bremen", beklagt Lamotte. "Das führt zu weiterer sozialer Schieflage." Insgesamt verliert Bremen-Nord Einwohner, rund 600 pro Jahr. Bis 2020 erwartet eine Studie einen weiteren Bevölkerungsrückgang von fünf Prozent.

Die Kammer fordert deshalb, die bestehenden Wirtschaftspotenziale deutlich stärker zu fördern und zu nutzen, um wieder neue Jobs in die Region zu bringen. Im Zentrum steht dabei das Gebiet der Bremer Wollkämmerei (BWK). Es sei unabdingbar, "dass hier planungsrechtlich weiterhin industrielle Nutzungen zulässig bleiben", heißt es in dem Positionspapier "Strukturanalyse Bremen-Nord", das Lamotte heute bei einer Veranstaltung in der Strandlust Vegesack präsentieren wird. "Außerdem muss der besondere Standortvorteil am seeschifftiefen Wasser genutzt werden, der das Gelände insbesondere für Zulieferfirmen der Offshore-Windenergiebranche attraktiv machen kann", heißt es dort weiter. Die Voraussetzung dafür sei jedoch, dass das BWK-Gelände nicht wie vorgesehen zum Teil als Wasserschutzgebiet ausgewiesen werde.

Kammer-Präses Lamotte betont, dass gerade das BWK-Gelände größte Potenziale habe, um als Wirtschaftsstandort zu fungieren. "Es ist alles da, was dazu benötigt wird: Die Wasseranbindung, die Nähe zur Autobahn, Gleisanschluss."

Auch Wirtschaftssenator Martin Günthner sieht die Notwendigkeit, Bremen-Nord zu entwickeln. "Es gibt eine große Übereinstimmung dazu, was in Bremen-Nord zu tun ist. Die programmatischen Aussagen sind zu allen wichtigen Punkten deckungsgleich", sagt er. Er wehrt sich jedoch gegen den Vorwurf, die Politik habe den Standort im Norden Bremens vergessen.

"In den letzten vier Jahren ist der Strukturwandel sowohl im Bereich Industrie und Gewerbe aber auch im Tourismus und Einzelhandel massiv vorangetrieben worden", sagt der Senator. Im "Zukunftsprogramm Bremen Nord", das er in der vergangenen Woche in der Deputation vorgestellt habe, sei nachzulesen, dass zwischen 2006 und 2010 bislang rund 44 Millionen Euro an wirtschaftsstrukturpolitischen Projektmitteln nach Bremen-Nord geflossen seien.

Bremen-Nord, sagt Günthner weiter, habe viel zu bieten. "In der Firmenlandschaft gibt es herausragende Unternehmen mit viel Potenzial für die Zukunft. In Bremen-Nord gibt es hervorragende Wohnbereiche. Und dennoch wird bisweilen ein Image der Zweitklassigkeit gepflegt, das für einen ambitionierten Strukturwandel nicht gerade förderlich ist. Bremen-Nord muss als Stadt- und Standortmarke wahrgenommen werden, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Wir arbeiten daran, den Standort in Zukunft werblich besser zu präsentieren, um eine bessere Außenwirkung entfalten zu können."

Die Handelskammer sieht das ähnlich. Allerdings glaubt Präses Lamotte, dass eine einladende Wohnstruktur, ein attraktiver Einzelhandel sowie eine lebendige Kulturlandschaft nur dann entstehen, wenn zuvor die Grundlage für Industriearbeitsplätze gelegt werden. "Und wir sind der Überzeugung, dass es dafür einen großen Anker in Bremen-Nord gibt: Das BWK-Gelände und das damit verbundene Potenzial für Offshore-Arbeitsplätze."

Weitere große Jobpotenziale bestehen nach dem Kammer-Papier in der Gesundheitswirtschaft und im sogenannten Science Park, einem Technologiezentrum auf dem Gelände der ehemaligen Roland-Kaserne in Nachbarschaft zur Jacobs University Bremen. Dort sollen sich innovative Unternehmen, Gründer und Institute ansiedeln können. Der Park stelle eine "Schlüsselinvestition für den Strukturwandel in Bremen-Nord da", stellt das Kammer-Papier fest.Die Gesundheitsbranche habe im Gesundheitspark Friedehorst große Chancen. Mit dem Klinikum Nord (780 Mitarbeiter) und der Stiftung Friedehorst (1400 Beschäftigte) geben es bereits wichtige Arbeitgeber der Branche. Auf einem neun Hektar großen Gelände der ehemaligen Wilhelm-Kaisen-Kaserne in der Nähe der Stiftung Friedehorst gebe es deshalb das Potenzial, verschiedene Anbieter aus der Branche zu versammeln. Um die Ziele zu erreichen, müsse Bremen-Nord "stärker in den Fokus der bremischen Wirtschaftspolitik gerückt werden", fordert Lamotte.

Dialog-Forum: Arbeiten in Bremen-Nord. Zwischenbilanz und Diskussion. 29. März, 18.30 Uhr, Strandlust Vegesack, Rohrstraße 11.

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