Geschäftsführer einer Schiffsgesellschaft Bremer arbeitet seit 23 Jahren im Irak

Ölboom im Irak: Für den Bremer Andreas Mohr und seine Firma Martrade bedeutet dies einen willkommenen Auftragszuwachs am Hafen im Süden des Zweistromlandes.
14.03.2019, 19:51
Lesedauer: 4 Min
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Bremer arbeitet seit 23 Jahren im Irak
Von Birgit Svensson

Andreas Mohr ist ein Gemütsmensch. Nur so ist zu erklären, dass der Deutsche schon seit Jahren im Nahen Osten arbeitet. Genauer gesagt seit 23 Jahren. Man muss Geduld haben. „Es ist völlig unberechenbar hier, du weißt nie, was passiert.“ Besonders im Irak, wo ein Krieg den nächsten, eine Terrorwelle die andere ablöst. Doch jetzt geht es aufwärts. Zumindest da, wo Herr Mohr und seine Firma Martrade sich niedergelassen haben: im Hafen von Khor al Zubair, 70 Kilometer südlich von Basra.

„Wir bauen gerade die Kapazitäten aus“, sagt der sichtlich erleichterte Geschäftsführer der Schiffsgesellschaft, die ihren Sitz in Düsseldorf hat und stolz darauf ist, ein rein privates Unternehmen zu sein. Mohr selbst ist in Lübeck geboren, wohnt aber seit Langem in der Nähe von Bremen. „Ich bin Bremer aus vollem Herzen“, gesteht er.

Der eine von zwei Söhnen studiert in Bremerhaven, die Familie ist in den ganzen Jahren, seitdem der fast 60-Jährige im Irak ist, in Moordeich geblieben. Er selbst ist jahrelang als Matrose zur See gefahren, hat dann die Fachoberschule Nautik in Bremen besucht und ist dem Meer treu geblieben. „Der Job nimmt mich voll in Beschlag“, antwortet er auf die Frage nach dem Privatleben.

Von den Folgen der Terrorbande betroffen

Nach Dubai, wo die Firma ihre Niederlassung aufgebaut hat, kommen Frau und Söhne ab und zu. „Irak erschien ihnen bisher zu unsicher, obwohl der Süden ja eigentlich kaum von Terroranschlägen betroffen war“, erklärt Mohr seine familiäre Situation. Doch die Berichterstattung über den Irak klammert meistens die Region aus, in der die Firma Martrade arbeitet.

Der Norden des Landes ist zum Fokus deutscher Medien geworden, wo die Terrormiliz „Islamischer Staat“ wütete, verbrannte Erde und jede Menge Scherben und Trümmer hinterließ, als das Kalifat bekämpft wurde. In den Süden verirrte sich kaum ein Journalist, weil dort der IS gar nicht erst hinkam. Und doch waren Mohr und seine 66 angestellten Iraker von den Folgen der Terrorbande betroffen. „

Wir haben gerade mal so die Kurve gekriegt“, erzählt der Bremer von der Situation von vor zwei Jahren, als die Kapazitäten von Martrade im Hafen von Khor al Zubair gerade mal zu fünf Prozent ausgelastet waren. Niemand investierte mehr, vor allem nicht die Regierung. Der Ölpreis war 2013 um fast die Hälfte gefallen, ein Jahr später wurde das Kalifat ausgerufen.

Anfrage aus Bagdad

Bagdad musste einen rigiden Sparhaushalt verabschieden, der vom Internationalen Währungsfonds (IWF) verordnet wurde, um dessen Kredite zu bekommen. Inzwischen hat der Ölpreis sich wieder erholt, der Irak pumpt jetzt so viel Öl wie niemals zuvor und das Kalifat ist Vergangenheit, auch wenn verbliebene IS-Kämpfer wieder vermehrt Anschläge im Norden verüben.

Gleich nach dem Sturz Saddam Husseins im April 2003 erhielt Mohrs Firma eine Anfrage aus Bagdad, ob sie mit ihren Erfahrungen nicht helfen könnten, einen Hafen zu betreiben. Martrade war bekannt. Schon in den 1980er-Jahren arbeitete die Firma im Irak. Mit einem irakischen Joint-Venture-Partner bot man den Düsseldorfern einen Vertrag von bis zu zwölf Jahren an.

Die Firma investierte 20 Millionen US-Dollar und wurde zum bislang einzigen deutschen Hafenbetreiber im Irak. Während der große Ölhafen Umm Qasr unmittelbar am Golf liegt, ist Khor al Zubair fast schon ein Binnenhafen, eingebettet ins Shatt al-Arab, zu erreichen nach fünf Stunden Flussfahrt. Seit einem Jahr ist Martrade jetzt auch in Umm Qasr tätig. Beide Häfen sind ganzjährig uneingeschränkt zu nutzen, wenngleich Umm Qasr zuweilen wegen schlechten Wetters ausfällt und die Ölschiffe nicht beladen werden können.

Unberechenbare Situation im Irak

Doch Martrades Geschäft liegt im Umschlag und Transport von Ladung, die für die Öl- und Gasgewinnung gebraucht wird: Rohre, Turbinen und alles, was man braucht, um eine Pipeline zu bauen. Dafür dienen die Kapazitäten in Khor al Zubair. Schiffe mit bis zu 25 000 Bruttoregistertonnen können hier anlegen und gelöscht werden. Die Deutschen bauten Lagerhallen, kauften technisches Gerät zum Be- und Entladen der Schiffe, Zugmaschinen und Lkws für den Weitertransport. Das Terminal von Martrade umfasst 100 000 Quadratmeter.

Wie unberechenbar die Situation im Irak ist, was Andreas Mohr eingangs erwähnt, macht das Beispiel Khor al Zubair deutlich. Während der kleine Bruder von Umm Kasr in den letzten Jahren eher ein bescheidenes Dasein verzeichnete, soll der Hafen jetzt vergrößert, vertieft und ausgebaut werden. Zwar werden hier nicht die großen Öltanker erwartet, wohl aber kleinere Tankschiffe, die Flüssiggas aufnehmen können. Irak hat seit Kurzem damit begonnen, das bis dahin durch die Ölproduktion abgefackelte Gas zu fördern und zu verarbeiten. Auch Martrade wird davon profitieren.

Der beste Monat in der Ölgeschichte des Landes

Mohr hat die Errichtung von Lagertanks ins Auge gefasst. Die Ölproduktion selbst wuchs in den letzten Jahren, auch zu Zeiten des Kalifats, beständig an. Momentan verzeichnet der Irak ein noch nie da gewesenes Rekordhoch. Täglich werden über fünf Millionen Fass Öl gepumpt, 4,16 Millionen davon exportiert. Irak ist jetzt nach Saudi-Arabien und Russland der drittgrößte Ölproduzent der Welt.

Wie das Internetportal „Iraq Oil Report“ erfahren konnte, war der Dezember 2018 der beste Monat in der Ölgeschichte des Landes, seitdem am 14. Oktober 1927 zum ersten Mal eine riesige Ölfontäne aus dem Bohrloch Baba Gurgur im nordirakischen Kirkuk in den Himmel schoss. Den bedeutendsten Produktionsanstieg verzeichnen die Ölfelder im Süden Iraks.

Während Anfang 2018 dort noch knapp über vier Millionen Fass täglich gefördert wurden, stieg der Ausstoß im Laufe des Jahres auf 4,5 Millionen Fass an. Herr Mohr freut sich also auf gute Geschäfte und darüber, dass seine Mühen belohnt werden. Wenn er in Rente geht, möchte er sagen können, sein Engagement habe sich gelohnt. „Vor allem auch für die Iraker.“

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