Alternative Antriebe und 3D-Druck

Eine Zukunft für das Bremer Bahnwerk

Lange sah es düster aus um das Bahnwerk in Sebaldsbrück. Doch die Kooperation des Senats und der Deutschen Bahn soll dazu beitragen, dass die 300 Beschäftigten die Zugtechnik zukunftssicher machen.
12.07.2021, 19:37
Lesedauer: 4 Min
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Eine Zukunft für das Bremer Bahnwerk
Von Florian Schwiegershausen
Eine Zukunft für das Bremer Bahnwerk

Sie und ihre Kollegen sollen im Bremer Bahnwerk die Züge auf alternative Antriebe umstellen.

Frank Thomas Koch

Lange sah es nicht gut aus für das Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn in Sebaldsbrück. Doch nun hat es eine Zukunft, sie soll in der Entwicklung von klimafreundlichen Antrieben bestehen. Dazu hat am Montagvormittag Bahn-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla mit den zuständigen Mitgliedern des Bremer Senats eine gemeinsame Absichtserklärung unterschrieben. Pofalla war am Morgen mit dem Zug aus Berlin angereist. Der Betriebsratsvorsitzende Manuel Freire Stelljes des Bahnwerks sagte über die gemeinsame Unterzeichnung: "Die Erklärung haben wir jetzt, nun müssen wir sie mit Leben füllen."

Das mit der Zukunft stellen sich Bahn und Senat in Sebaldsbrück so vor: Wo momentan noch Dieselloks ausgebessert werden, soll das Instandhaltungswerk in absehbarer Zeit zur Entwicklung von klimafreundlichen Antrieben mit ebenso klimafreundlichen Kraftstoffen beitragen. Dabei soll 3D-Druck zum Einsatz kommen. Die Beschäftigten sollen die alten Dieselmotoren der Loks in Antriebe mit Wasserstoff oder anderen umweltfreundlicheren Kraftstoffen umbauen.

Momentan werden in Bremen nicht nur die Motoren der Loks der Deutschen Bahn ausgebessert. Hinzu kommen auch die Triebfahrzeuge von Bahnunternehmen unter anderem aus den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien, Schweden und Polen. Pofalla gab als Bahnvorstand zu, dass der Umgang mit dem Bremer Bahnwerk alles andere als eindeutig war. An Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD), Mobilitätssenatorin Maike Schaefer (Grüne) und Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) gerichtet sagte er: "Das hat Ihnen als Senatoren in den letzten Jahren viel Kopfzerbrechen bereitet. Da gibt es nichts dran herumzureden."

Das Werk ist eines der zwölf Bahninstandhaltungsstätten, die in der Bundesrepublik übrig geblieben sind. Vor Jahrzehnten gab es mehr als 60 dieser Werke. Doch über die Jahre hat die Deutsche Bundesbahn und dann später die Deutsche Bahn die Zahl dieser Werkstätte reduziert. Um beispielsweise ihr Werk zu retten, traten im Rheinland am Standort Leverkusen-Opladen Mitarbeiter in den Hungerstreik. Die Aktion damals erzeugte ein großes Medienecho. Doch die Bahn ließ sich von ihren Plänen nicht abbringen.

Auch am Standort in Sebaldsbrück, der mehr als 100 Jahre alt ist, waren es einst 500 Beschäftigte – zusammen mit der Lokhalle. Darauf machte Bürgermeister Bovenschulte in seiner Rede aufmerksam, dass auch das nicht unvergessen bleibe "in der wechselvollen Geschichte". Heute sind es noch 300 Beschäftigte. Sie sollen nun mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass die Bahn schneller klimaneutral wird. Bremen soll mit seinen Forschungsinstituten und seiner Hochschullandschaft dem Bahnwerk mit entsprechendem Wissen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Pofalla ergänzte: "Dafür wird Bremen gegebenenfalls Fördermittel bereitstellen." Für Fördermittel seitens des Bundes und der Europäischen Union ist eine Kooperation von Unternehmen und Forschungseinrichtungen von Vorteil. Denn viele Fördertöpfe schreiben eine solche Zusammenarbeit vor.

Das Konzept für die Ausrichtung des Bahnwerks auf alternative Antriebe hatte der Betriebsrat erarbeitet. Wirtschaftssenatorin Vogt dankte in ihrer Rede ausdrücklich den Kollegen dafür, dass sie sich so eingebracht hatten. Vom Werksleiter war zu hören, dass in diesem Jahr noch 20 weitere Mitarbeiter eingestellt werden. Dass die Beschäftigten in den Bahnwerken in den kommenden Jahren nicht um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen, begründete Infrastrukturvorstand Pofalla dem WESER-KURIER so: "Wir investieren Milliarden in neue Fahrzeuge. So verdoppeln wir beispielsweise  bis Mitte 2025 die Zahl der ICE-Züge. Das gilt aber für alle Fahrzeugflotten gleichermaßen. Deshalb ist die Kapazität, die wir in den Instandhaltungswerken benötigen, gewachsen - gegenüber Berechnungen, die noch vor fünf Jahren vorgenommen wurden."

Im Oktober 2016 fürchteten die damals 420 Beschäftigten noch um den Standort. Nach der Hiobsbotschaft schaltete sich der damalige Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) ein, um die Beschäftigten zu unterstützen. Am Ende wurden 120 Arbeitsplätze abgebaut.

Nun hat das Bahnwerk wieder eine Zukunft, bis spätestens ab 2025 soll es zu 100 Prozent mit Ökostrom arbeiten. Den Dampf für die Arbeit produziert das Werk übrigens selbst. Pofalla gab zum Schluss den Beschäftigten ein indirektes Kompliment: "Durch die zuverlässige Instandhaltung in Bremen bringen wir unsere Züge noch schneller zurück auf die Schiene."

Als der Besuch Sebaldsbrück schließlich verlassen hatte, konnten die Beschäftigten auch wieder regulär arbeiten. Denn das bedeutet auch Lärm, und der sollte vermieden werden, so lange Bahnvorstand und Senat zur Unterzeichnung der Absichtserklärung in den Reparaturhallen waren. Nach dem Werksbesuch ging es für Pofalla weiter ins Rathaus. Dort sollten  weitere Gespräche mit Regierungsvertretern stattfinden.

Zur Sache

Weniger Lärm und mehr Sicherheit bei der Bahn

Mehr Klimaschutz, mehr Sicherheit, weniger Lärm - all das will die Deutsche Bahn mit neuen digitalen Tests unter realen Bedingungen erforschen. Ein sogenanntes offenes digitales Testfeld soll am Dienstag in Cottbus im Beisein von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), dem DB-Netz-Vorstandschef Frank Sennhenn und Brandenburgs Verkehrsminister Guido Beermann (CDU) an den Start gehen. Auf dem bestehenden Streckennetz soll nach Angaben aus dem Bundesverkehrsministerium zum Beispiel das autonome Fahren erprobt werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Erprobung neuer Lärmschutzsysteme, dafür wird das Lärm-Lab 21 eingerichtet. Union und SPD hatten 2018 im Koalitionsvertrag ein solches Pilotprojekt vereinbart, um in lärmbelasteten Regionen ein Verfahren für mehr Lärmschutz zu testen. Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung (DZSF) soll das Testfeld zwischen Halle an der Saale, Cottbus und Niesky in Sachsen, Brandenburg und Sachsen ein Netz von 350 Kilometern umfassen.

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