Geschäft hat auch in Bremen gelitten

Schrumpfende Dönerspieße

Döner und Rollo nimmt man klassisch außer Haus auf die Hand. Doch in den vergangenen Wochen hatten die Bremer weniger Appetit darauf. Welche Imbiss-Institution deshalb zum ersten Mal in 40 Jahren zu hatte.
23.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Anne Pollmann und Florian Schwiegershausen

Das Geschäft mit dem Döner hat in all den Wochen des Corona-Shutdowns stark gelitten. Der Umsatz mit den Fleischdrehspießen sei um etwa 75 Prozent zurückgegangen im Vergleich zum Normalbetrieb, teilte ein Sprecher des Vereins türkischer Dönerhersteller in Europa (Atdid) mit.

Die Imbiss- und Restaurantbetreiber würden nun eher kleinere Spieße bestellen, das durchschnittliche Dönergewicht sei von etwa 25 Kilogramm auf rund zehn Kilogramm zurückgegangen. Besonders Restaurantbetreiber mit Sitzplätzen und ohne Straßenverkauf habe die Krise hart getroffen, sagte der Sprecher. Bei Imbissbetrieben mit viel Fußgängerverkehr seien die Folgen nicht so stark bemerkbar.

Läden in der Stadt stärker betroffen

Der Hersteller Alan Döner berichtete von einem Umsatzrückgang um 50 Prozent zu Beginn der Corona-Beschränkungen. Mittlerweile sei die Nachfrage wieder leicht gestiegen, aber noch nicht auf dem ursprünglichen Niveau. Unter den Kunden seien die Verkäufer mit Läden in der Stadt tendenziell stärker betroffen als die auf dem Land, sagte ein Sprecher. In der Stadt werde mehr an Laufpublikum inklusive Touristen verkauft. In ländlichen Gebieten hätten viele Läden feste Kunden und zudem ohnehin einen Lieferservice. Atdid vertritt insgesamt 28 Hersteller von Döner- und Drehspießen, Imbissbetreiber gehören nicht dazu. 24 der Betriebe seien in Kurzarbeit gegangen. Die Hersteller liefern den Angaben zufolge zu 70 Prozent innerhalb von Deutschland und den Rest ins europäische Ausland, vorwiegend nach Italien, Spanien und Skandinavien. Spanien und Italien waren besonders stark von der Corona-Krise betroffen, in beiden Ländern galten scharfe Ausgangssperren.

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In der Bremer Innenstadt bei Kismet New Generation an der Sögestraße bei den Schweinen hat sich in den vergangenen Wochen auch weniger Fleisch gedreht. Besitzer Ayhan Gülec sagt: „Wir haben kleinere Spieße gemacht.“ Denn Gülec stellt die Spieße selbst her. Die ersten drei Wochen des Corona-Shutdowns hatten Gülec und sein Team ganz geschlossen. Der Imbiss lebt vom Laufpublikum, das in die Innenstadt möchte. „Danach haben wir aufgemacht, aber nicht die gewöhnlichen Öffnungszeiten.“ Anfangs ging es nur bis 18 Uhr, jetzt gibt es Döner und Pommes wie gewöhnlich wieder bis 22 Uhr. Was laut Gülec weiterhin fehlt, sind die Touristen, denn die seien immer eine zuverlässige Laufkundschaft. So langsam werde es wieder mehr, auch dank der Stammkunden, aber momentan ist er skeptisch, ob er den Umsatz erreicht, wie er ihn sonst hat.

Alle in Kurzarbeit

Vom mangelnden Appetit auf den Brot-Fleisch-Salat-Mix wurde Bodrum Döner in Bremen-Walle voll erwischt. Das Unternehmen, das vor vier Jahren gegründet wurde, stellt die Dönerspieße für Imbissbetriebe in Bremen her und hat 40 Mitarbeiter. „Bei uns sind leider alle in Kurzarbeit“, sagt Safiye Aydin. „Jetzt melden sich die Kunden wieder, aber das ist noch weit entfernt von den Anfragen vor Corona.“ In den vergangenen Wochen hätten die Kunden auch keinen Bedarf an kleineren Spießen gehabt.

Dass die Bremer in den vergangenen Wochen viel weniger Hunger auf Essen außer Haus hatten, hat zu etwas geführt, was kaum einer für möglich gehalten hat: Zum ersten Mal in 40 Jahren war Tandour an der Sielwallkreuzung geschlossen – und das gleich für drei Wochen. Dies war einem Stammkunden auf der Facebook-Seite des Imbissbetriebs sogar einen wehmütigen Eintrag wert. Der Laden gilt als Institution. Der Legende nach soll Pizzabäcker Hossain Saravi hier das Gyros Rollo erfunden haben. Der Deutsch-Iraner suchte damals nach einer Alternative zum Gyros Pita, das Anfang der 1980er-Jahre gerade in Mode kam. So experimentierte er mit einem dünnen Fladenbrot, das er aus seiner Heimat kannte. Dazu entwickelte er Saucenmischungen, für die er sich in den Küchen der Welt umschaute. Der Klassiker heute ist immer noch das Rollo mit Arabic-Sauce.

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Doch in Zeiten von Corona haben in den vergangenen Wochen auch nicht die besonderen Saucen geholfen. „Auch die Werder-Heimspiele ohne Publikum machen sich bemerkbar“, sagt Muru Karalasingam von Tandour. Denn für viele gehöre es eben dazu, sich vor oder nach dem Spiel im Weserstadion ein Rollo zu holen. Dennoch ist Karalasingam froh, dass sie nun wieder bis mindestens Mitternacht geöffnet haben. „Bei dem guten Wetter an Christi Himmelfahrt hatten wir gut zu tun.“ So könne es ruhig weitergehen. Derzeit arbeiten sie meist zu zweit im Tandour.

Ob nun Rollo oder Döner – es braucht anscheinend noch Zeit bis die Deutschen wieder an alte Zahlen anschließen werden. Denn laut dem Verein Atdid isst jeder Deutsche pro Jahr fünf Döner. Damit sind die Deutschen Spitze. Laut Marktforschung werden in der Bundesrepublik normalerweise pro Sekunde gut sieben Döner verzehrt. Diesen Schnitt werden die knapp 16.000 Dönerbuden in Deutschland in diesem Jahr wohl kaum erreichen. Dabei liege der Vorteil doch auf der Hand, wie der Bremer Ayhan Gülec scherzt: „Nur Döner macht schöner.“

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