Künstliche Intelligenz "Elon Musk unterstellt ein Drama"

Der Unternehmer Elon Musk hat Künstliche Intelligenz wiederholt als ernste Bedrohung bezeichnet. Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz sieht dagegen große Chancen.
15.03.2018, 01:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Ina Bullwinkel

Der Unternehmer Elon Musk hat Künstliche Intelligenz (KI) gerade wiederholt als „sehr ernste Bedrohung“ und „gefährlicher als Atomwaffen“ bezeichnet. Müssen wir uns fürchten?

Reinhard Karger: Es ist schon das dritte Mal, dass sich Elon Musk mit dieser These medienwirksam in Szene setzt. Ich muss sagen, seine Aussage ist überpointiert alarmistisch, seine Argumentation sprunghaft. Ja, die maschinellen Leistungen bei Schach und Go sind für sich genommen außerordentlich beeindruckend. Aber Musk schließt aus diesen Erfolgen auf eine bevorstehende digitale Superintelligenz und Singularität. Das sind Konzepte, bei denen man davon ausgeht, dass ein Computer in sämtlichen Dimensionen leistungsfähiger ist als ein Mensch.

Und so weit ist die Künstliche Intelligenz heute noch nicht?

Bei weitem nicht. Natürlich weiß das auch Elon Musk. Er sagt aber, die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz sei exponentiell. Er tut so, als könnte man die fundamentalen Erkenntnislücken durch leistungsfähigere Hardware schließen und unterstellt ein Drama. Wer so argumentiert, lenkt ab, dass Künstliche Intelligenz heute nur in einzelnen Anwendungsbereichen mehr leisten kann als der Mensch. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, aber die Summe der einzelnen KI-Anwendungen ergibt eben kein integriertes Ganzes, sondern bleibt eine Ansammlung von nützlichen Spezial-Assistenten. Alle Fähigkeiten vom Menschen auf Maschinen zu übertragen, ist heute noch nicht möglich.

Wo begegnet uns bereits heute Künstliche Intelligenz im Alltag?

In ganz vielen Bereichen. Ob das die Spracherkennung für Diktiersysteme ist, Dialogsysteme in Kundenzentren oder auf dem Smartphone, maschinelle Übersetzung, die hilft, Texte von einer Quellsprache in eine Zielsprache zu übersetzen oder auch die automatische Angriffserkennung von Cyberkriminalität.

Woran arbeiten Sie am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Bremen?

Wir arbeiten zum Beispiel an Mensch-Roboter-Kollaboration für die Industrie 4.0, sodass Werker zusammen mit Robotern in der Produktion arbeiten können. Außerdem entwickeln wir autonome Systeme, die bei der Wartung von Unterwasserpipelines unterstützen können. Das sind Roboter, die selbst entscheiden und erkennen müssen, was zu tun ist. Sie prüfen etwa, ob eine Pipeline Materialschäden hat. Wir arbeiten auch an Robotern, die autonom bei zukünftigen Marsmissionen eingesetzt werden sollen. Und am Baall (Bremen Ambient Assisted Living Laboratory) forschen wir daran, wie künstliche Intelligenz in Wohnungen eingesetzt werden kann. Auch mit dem Ziel, dass Menschen im Alter ein selbstbestimmtes Leben zu Hause führen können.

Ist es nicht gefährlich, wenn die Algorithmen von selbstlernenden Systemen Entscheidungen treffen können?

Deswegen lernen die Systeme in der Trainingsphase, aber nicht mehr im Produktiveinsatz. Sie sind natürlich adaptiv, weil sie in neuen Situationen Aktionen auslösen, die nicht gespeichert sind. Aber es ist das „eingefrorene“ neuronale Netz, das produktiv eingesetzt wird. Würde ein System für autonomes Fahren aktiv lernen, könnte das als unbeabsichtigte Nebenwirkung die Art und Weise wie Aktionen im Straßenverkehr ausgeführt werden, fundamental ändern. Mit möglicherweise katastrophalen Folgen für die Verkehrsteilnehmer. Und für die Hersteller. Solche Systeme wird man vorab testen, so wie man heute Autos testet, bevor sie auf den Markt kommen. Wenn es ein sicherheitskritisches Update gibt, müssen die Autobesitzer die neue Version installieren – ähnlich wie bei Smartphones.

Brauchen wir dann nicht eine Regulierung von Künstlicher Intelligenz, damit die Algorithmen nur das tun, was sie wirklich sollen?

Momentan ist das DFKI im Gespräch mit dem Tüv Süd, um eine Kontrolle für das autonome Fahren einzuführen. Dabei geht es um die Frage, wie man sicherstellen kann, dass der Hersteller seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen ist, und nur das installiert, was er darf. Das könnte bedeuten, dass man einen Tüv hat, aber auch eine Aufsichtsbehörde des Bundes, die Systeme evaluiert, Algorithmen und alle Trainingsdaten in einem digitalen Safe ablegt, bevor die Hersteller eine Zulassung bekommen.

Wer kontrolliert das Ausmaß Künstlicher Intelligenz heute?

Die heutigen Kontrollmechanismen kommen aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Einerseits: Weil wir vieles noch nicht wissen, begrenzt das die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz von alleine. Das Andere ist die Gesetzgebung, die unter anderem Datenschutz und Privatsphäre bei der Verarbeitung von personenbezogenen Daten regelt. Das schränkt viele mögliche Anwendungen ein. Zum Beispiel im Kontext von medizinischen Daten. Man könnte viel mehr auswerten, aber das wollen wir als Gesellschaft nicht.

Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung festgelegt, Deutschland solle „zu einem weltweit führenden Standort bei der Erforschung von künstlicher Intelligenz“ werden. Wieso wird künstlicher Intelligenz seitens der Politik solch eine hohe Bedeutung beigemessen?

Wegen der Hebelwirkung. Wenn man große Datenmengen, Big Data, mit smarten Technologien auswerten kann, macht das alle großen Industrien deutlich leistungsfähiger. Es verändert die Geschäftsmodelle grundsätzlich. Firmen können durch intelligente Datenanalyse sämtliche Prozesse verbessern. In der Medizin kann KI den Arzt bei der Diagnose unterstützen. Je besser diese ausfällt, desto erfolgreicher kann die Therapie sein. Das kann das Gesundheitssystem deutlich effizienter machen. KI wird eine immense volkswirtschaftliche Bedeutung haben.

Sie sehen also mehr Chancen als Gefahren durch Künstliche Intelligenz?

Für den Endverbraucher gibt es viele Anwendungen, die das Leben angenehmer und sicherer machen. Derzeit sterben im Straßenverkehr Menschen, weil sie während des Fahrens eine SMS schreiben. Sie wissen, dass sie das nicht sollen, dass es strafbar ist, tun es aber trotzdem. Durch Spracherkennung und Dialogsysteme reduziert man solche Risiken. Das geht schon heute, wird allerdings eher in der Oberklasse angeboten. In der Gesundheitsbranche könnte man durch die Auswertung anonymisierter Daten neue Diagnosen und bessere Medikamente entwickeln. Und auch die Mobilität durch autonome Fahrsysteme wird ein großer Fortschritt für die Menschheit sein. Vor allem für diejenigen, die auf dem Land leben.

Trotzdem läuft die Künstliche Intelligenz häufig als Algorithmus im Hintergrund und ist für die meisten Menschen im Alltag nicht durchschaubar. Deswegen fordern Verbraucherschützer mehr Transparenz. Sollten Unternehmen wie Automobilhersteller ihre Algorithmen offen legen?

Ich kann Unternehmen verstehen, die sich sträuben, ihre Algorithmen offenzulegen, in deren Entwicklung sie viel Geld gesteckt haben. In der Forschung ist das teilweise anders. Das DFKI und die Universität Bremen sind Weltmeister im Roboterfußball. Bei diesem wissenschaftlichen Wettbewerb ist es immer so, dass die Steuerungsalgorithmen der Roboter nach dem Turnier offengelegt werden. Das Teilen von Algorithmen ist wichtig, damit man Durchbrüche erzielt und die Entwicklung vorantreibt.

Das Gespräch führte Ina Bullwinkel.

Zur Person:

Reinhard Karger arbeitet seit 1993 am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. Seit Februar 2017 ist er MINT-Botschafter des Saarlandes.

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