Immer mehr Firmen stellen um

Fair Gehandeltes erobert den Massenmarkt

Bremen. Fairer Handel hatte lange Zeit das Image, ein allzu idealistisches Projekt zu sein. Heute ist gehandelte Ware weiterhin ein Nischenprodukt, allerdings steigt die Nachfrage. Das wiederum stellt das Konzept vor ganz neue Herausforderungen.
24.12.2011, 05:00
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Von Sebastian Manz
Fair Gehandeltes erobert den Massenmarkt

Vietnamesische Bauern lassen sich im Umgang mit Kaffeepflanzen schulen.

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Bremen. Fairer Handel hatte lange Zeit das Image, ein allzu idealistisches Projekt zu sein. Das lag unter anderem daran, dass die Idee in Deutschland vor allem über die Aktivisten der Friedensbewegung in den 1970er-Jahren bekannt gemacht wurde. Heute ist gehandelte Ware zwar weiterhin ein Nischenprodukt, allerdings steigt die Nachfrage beständig. Das wiederum stellt das Konzept vor ganz neue Herausforderungen.

Nicola Oppermann hat schweißtreibende Tage hinter sich. Eine Woche lang war die Managerin in den tropischen Höhenzügen Vietnams unterwegs, um sich ein Bild von den Bedingungen des dortigen Kaffeeanbaus zu machen. Oppermann ist verantwortlich für die Nachhaltigkeitsstrategie bei Kraft Foods Deutschland. Die Konzernleitung hat in diesem Jahr entschieden, bis 2015 sämtliche Kaffeebohnen, die für die Produktion der europäischen Marken des Unternehmens benötigt werden, aus nachhaltigem Anbau zu beziehen. Nicola Oppermanns Aufgabe ist es nun, geeignete Produzenten für dieses Vorhaben aufzutun. Ihr Arbeitgeber möchte künftig ausschließlich mit Partnern zusammenarbeiten, deren Betriebe von Organisationen wie Rainforest Alliance, Fairtrade oder der 4C-Association zertifiziert wurden.

Oppermann ließ sich nun vor Ort erklären, welche Maßstäbe die einzelnen Zertifizierer anlegen. Mit vielen Dingen, die sie auf ihrer Reise gesehen hat, ist sie zufrieden. "Die Organisationen bringen den Bauern ganz neues Farmmanagement näher", berichtet sie. So lernten die Leute etwa erfolgreich zu wirtschaften, ohne auf Monokulturen zu setzen. Grundsätzlich würden die Farmer für den sensiblen Umgang mit Ressourcen geschult.

Aus Sicht von Kraft Foods sprechen ganz pragmatische Gründe dafür, verstärkt auf nachhaltigeren Kaffeeanbau zu setzen. Das Unternehmen kauft pro Jahr für rund elf Milliarden US-Dollar Lebensmittelrohstoffe ein. "Als Markenartikel-Hersteller sind wir darauf angewiesen, gleichbleibend gute Qualität zu beziehen", erklärt Oppermann. Für die konventionelle Landwirtschaft wird es künftig schwieriger, dieses Kriterium in allen Bereichen zu erfüllen. Viele Länder, in denen Kaffee angebaut werde, hätten mit dem Phänomen der Landflucht zu kämpfen, berichtet Nicola Oppermann. Weil die Arbeit in den Plantagen nicht genug Einkommen abwerfe, suchten viele Menschen ihr Glück in den Städten. "Zum nachhaltigen Anbau gehört es unter anderem, dass die Bauern höhere Erträge erhalten und damit eine Perspektive haben", sagt die Managerin.

Auch die Konsumenten hat Kraft Foods im Blick, wenn es um fairen Handel geht. "Unsere Kunden interessieren sich für die Vorteile, die ihnen die Zertifizierung bietet - das ist gut für das Geschäft", sagt Hubert Weber, der das europäische Kaffeegeschäft des Konzerns leitet.

Dass fair Gehandeltes bei der Kundschaft im Trend liegt, zeigt der Blick auf die Umsatzentwicklung des Segments. So wächst etwa das Geschäft mit Ware, die mit dem Siegel des Zertifikationsunternehmens "TransFair" gekennzeichnet ist, seit Jahren im zweistelligen Bereich. Bei 400 Millionen Euro liegt der Umsatz allein 2011. "Ein solcher Anstieg des Umsatzes wie bei Fair Trade-Produkten seit 2004 ist im Konsumgüterhandel schon einmalig", sagt der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Hans Heinrich Bass.

Der Weg des Fair-Trade-Konzepts führte von einem Nischenmarkt, in dem eine Handvoll politischer Aktivisten tätig war, zu einem beachtlichen Marktsegment im Nahrungsmittelhandel. 500 spezialisierte Importunternehmen und mehr als 100.000 Verkaufsstellen für Fair-Trade-Produkte hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit zuletzt gezählt. In Deutschland sind fair gehandelte Produkte demnach im Sortiment von rund 30.000 Einzelhandelsgeschäften und in mehr als 15.000 gastronomischen Betrieben erhältlich - bei steigender Tendenz. Nach Meinung von Hans Heinrich Bass ist ein Ende der Erfolgsgeschichte nicht in Sicht. "Vom Verbraucher akzeptierte Qualitätssiegel führen zu einem sich selbst verstärkenden Prozess", sagt der Professor. Immer mehr Anbieter möchten an diesem wachsenden Marktsegment teilhaben. Dadurch nähme sowohl die Menge des Angebotes als auch seine Vielfalt zu. "Darauf wiederum werden die Nachfrager reagieren: Der Griff ins Regal führt dann öfter zu dieser Marke - was wieder mehr Anbieter auf den Plan ruft", erklärt Bass.

Allerdings mischen sich auch mahnende Stimmen in die allgemeine Fair-Trade-Euphorie. So beklagt etwa das Forum Fairer Handel, in dem sich Organisationen und Akteure der Bewegung zusammengeschlossen haben, dass es keine gesetzlich fixierte Definition davon gibt, was fairer Handel eigentlich ist und was nicht. So setze etwa das Zertifikat der Rainforest Alliance vor allem auf umweltschonenden Anbau, vernachlässige aber soziale Ansätze. Letztere wiederum betone das 4C-Siegel. Allerdings weise auch dieses Zertifikat Mängel bei seiner entwicklungspolitischen Ausrichtung auf. Verbraucherschützer fürchten aufgrund der Vielzahl unterschiedlicher Siegel und Zertifikate, dass Transparenz verloren gehen könnte und fordern deshalb, die Maßstäbe für fairen Handel EU-weit einheitlich zu regeln.

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