Investitionen in Bremens Baubranche

Firma Justus Grosse: Ein Geschäft mit Fundament

Seit mehr als 70 Jahren entwickelt die Firma Justus Grosse Immobilien – und wächst dabei rasant. Bis zu 200 Millionen Euro peilt das Unternehmen in diesem Jahr an.
11.06.2018, 06:00
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Firma Justus Grosse: Ein Geschäft mit Fundament
Von Jürgen Hinrichs
Firma Justus Grosse: Ein Geschäft mit Fundament

Wollen die stillen Reserven der Stadt beleben: Justus-Grosse-Geschäftsführer Joachim Linnemann und Clemens Paul (v.l.)

Frank Thomas Koch

Zuletzt die Ankündigung, 240 Millionen Euro investieren zu wollen – für 1200 Wohnungen und 14000 Quadratmeter Bürofläche. So ist es auf dem Gelände der ehemaligen Tabakfabrik Brinkmann im Bremer Stadtteil Woltmershausen geplant. Davor die Meldung, das Mondelez-Gelände am Eingang zur Neustadt und direkter Lage am Fluss erworben zu haben, um dort im großen Stil Wohnungen zu bauen. Und sowieso das milliardenschwere Engagement in der Überseestadt mit Dutzenden von Projekten, die wie der Landmark-Tower und die Flusshäuser längst fertig sind, gerade gebaut werden oder noch in Planung sind. Das ist das und noch längst nicht alles, was ein Unternehmen stemmt, das sich nach wie vor zum Mittelstand zählt, fest in Bremen verankert ist, die hanseatischen Tugenden von Fleiß, Stolz, aber auch Bescheidenheit hochhält und dessen Name ein Name ist: Justus Grosse.

Fünf Männer, die am Tisch sitzen, und ihr Geschäft erklären. Dass es ausnahmslos Männer sind – nun ja, sagen die Herren, mehr als die Hälfte der Belegschaft seien Frauen, darunter eine Prokuristin und die Personalchefin. Fünf Geschäftsführer, von denen der eine hervorsticht und der andere auch ein bisschen: Joachim Linnemann ist Chef vom Ganzen, er hat die Holding unter seinen Fittichen. Ihm zur Seite steht im Bereich der Projektentwicklung seit 16 Jahren Clemens Paul. Die beiden, der eine mehr, der andere weniger, gaben dem Unternehmen in der Vergangenheit ein Gesicht. Als dritter Gesellschafter ist unlängst Burkhard Bojazian hinzugekommen, auch er kümmert sich um die Bauprojekte.

Es sind so viele Vorhaben und nicht nur die großen: Mehr als 500 Wohnungen, die gerade in Bremen entstehen, 250 in Hamburg, 300 in Wolfsburg und 200 in Bremerhaven. Aktuell in Bau sind außerdem 22.000 Quadratmeter Büroflächen, darunter das Projekt "Bömers Spitze" schräg gegenüber vom Weser-Tower. Es wird entwickelt, aber auch verkauft: Im vergangenen Jahr hat Justus Grosse Wohn- und Gewerbeobjekte im Wert von mehr als 200 Millionen Euro losgeschlagen. Ein Rekord in der Firmengeschichte.

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Fünf Männer – Volker Behrens noch, der Mann für die Finanzen, und Sven Pluschke, zuständig für das Immobilienmanagement. Das Quintett wirkt im Gespräch eingespielt, Ergebnis langjähriger Zusammenarbeit. Bojazian zum Beispiel, 38 Jahre alt, hat in dem Unternehmen als Auszubildender angefangen. Clemens Paul verdingte sich Anfang der 1990er-Jahre zunächst als Praktikant. Sven Pluschke stieß 1997 dazu, Volker Behrens vor zwölf Jahren.

Einmal in der Woche sitzen sie zusammen und besprechen, was zu besprechen ist. In dem Konferenzraum hängen großformatige Bilder von den Gebäuden, die Justus Grosse hochgezogen hat. An einer Stelle sind sie dutzendfach an die Wand gelehnt, ein Angebot zum Auffächern. Es gibt ein Modell aus Styropor, das "Bömers Spitze" und das angrenzende Weinkontor zeigt, das zu Büros umgebaut wurde. Einige Urkunden noch als Auszeichnung für gelungene Baukunst, ein paar Steinproben für die Fassaden, ein Spaten vom ersten Spatenstich irgendwo in Bremen, er trägt den Namen "Britta", und ein kleines Steuerrad, das Joachim Linnemann vor elf Jahren als Bremer Unternehmer des Jahres bekommen hat. Auf dem Tisch Wasser, Kaffee und etwas, das nie fehlen darf, erklären die Geschäftsführer: Früchtetee mit einer satten roten Farbe und kräftigem Aroma. Der Tee hat Tradition im Hause Justus Grosse.

Eingespieltes Quintett

Das Unternehmen sitzt in der Langenstraße, einer Gasse, die zum Marktplatz führt und zu den ältesten in der Stadt gehört. Sehr praktisch, dieser Ort: Das Bauressort in der Nähe, zum Wirtschaftssenator nur einmal über die Martinistraße, und das Rathaus ist auch nicht weit. Die Grosse-Leute kennen die Planer und politischen Akteure, mehr noch aber die Stadt selbst, ihre Gebiete, Straßen, Plätze und Wege: "Wir könnten Taxifahrer werden", sagt Linnemann. Wichtig für Unternehmer, die Projekte entwickeln und sofort wieder mit dem Suchen anfangen, wenn sie eines gefunden haben. Paul sagt es so: "Wir beleben die stillen Reserven der Stadt." So könne Zersiedlung verhindert werden. Innenverdichtung, das Gebot der Stunde.

Den Schuppen 3 hätten sie gerne gehabt, ein Objekt in der Überseestadt, das größtenteils abgerissen wird, um Platz vor allem für Wohnen zu schaffen. Am Kellogg-Gelände, das nach dem Auszug der Amerikaner neu genutzt werden kann, waren sie auch dran. In beiden Fällen kamen andere Investoren zum Zuge. Mal gewinnt man und mal eben nicht. Was als nächstes, sind sie weiter am Ball? "Definitiv!", sagt Paul, er ruft es fast. Linnemann, der neben ihm sitzt, schluckt, das ist ihm zu forsch. Die anderen grinsen.

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"Wir betreiben ein solides Geschäft", betont Linnemann. Nicht zu viel Risiko, sagt er, keine offene Positionen, wenn sie nicht mehr überschaubar sind. Und wer will da widersprechen? Paul auf keinen Fall, auch er ist ja kein Hasadeur. "Wir streben eine gute, nachhaltige Entwicklung an. Größenwahnsinng werden wir bestimmt nicht." Unterschiedliche Akzente in dem Gespann, im Grundsatz aber die gleiche Richtung: wachsen, aber mit Bedacht.

Es hat deshalb auch ein wenig gedauert, bis sie sich an den Hafen getraut haben. "Wir waren skeptisch", erzählt Paul. Die Punkte auf der Entwicklungsachse in Bremen sahen sie woanders: Technologiepark an der Universität, Innenstadt, Airport-City. Der Hafen schien fernab zu liegen. Doch dann passierte etwas, das Paul und Linnemann zum Grübeln brachte. Bremen hatte seine alte Feuerwache, ein schönes Gebäude am Kopf des Holz- und Fabrikenhafens, für einen Euro an einen Investor verkauft. "Da sind wir zur Stadt gegangen und haben gefragt, ob wir nicht auch etwas bekommen könnten."

Entwicklung und Verwaltung

Kurze Zeit später, es war das Jahr 2005, besaßen sie den Speicher I, einen 226 Meter langen und 30 Meter breiten Koloss mit einer Lagerfläche von 36.000 Quadratmetern. Zunächst sollte davon für Büros und Gewerbe nur ein kleiner Teil entwickelt werden. Die Nachfrage nach den Lofts mit ihren alten Holzböden, den hohen Decken und rau verputzten Wänden war speziell bei jungen Firmen aus der Kreativbranche aber so groß, dass schnell der komplette Speicher auf Vordermann gebracht und vermietet wurde. Ein sehr gutes Geschäft, das noch besser wurde, als das knapp 70 Jahre alte Gebäude an der Konsul-Smidt-Straße vor zwei Jahren zu besten Konditionen an einen Fonds veräußert wurde, hinter dem diverse deutsche Sparkassen stehen. Linnemann: "Das eine oder andere müssen wir verkaufen, um unser Wachstum zu finanzieren."

Zu der Zeit, als der Speicher I gebaut wurde, hatte der Grundstücksmakler Justus Grosse kurz nach dem Krieg gerade sein Immobilienunternehmen gegründet. Er verlegte sich anfangs auf den Bau von Eigentumswohnungen, später kamen Gewerbeobjekte und Mehrfamilienhäuser hinzu. 1951 stieg Reinhard Linnemann in die Firma ein, der Vater von Joachim Linnemann. "Justus Grosse war mein Patenonkel, er hatte sonst keine Familie", erzählt Linnemann. Als der Firmengründer starb, ging das Unternehmen auf seine Ersatzfamilie über.

In diesem Jahr wird Justus Grosse mit seinen mehr als 100 Mitarbeitern nach eigenen Angaben einen Umsatz von bis zu 200 Millionen Euro erwirtschaften. Zum Geschäft gehört neben der Projektentwicklung seit Jahrzehnten maßgeblich auch die Hausverwaltung. Rund 18.000 Einheiten mit einem Gesamtwert von zwei Milliarden Euro, die von Justus Grosse bewirtschaftet werden. Kein privates Unternehmen in Norddeutschland, das mehr im Bestand hat. Die Hamburger Versicherungsgesellschaft Hanse-Merkur zum Beispiel hat ihren gesamten Immobilienbestand an die Fachleute in Bremen vergeben.

Und dann sind da noch die Hotels, der dritte Bereich des Unternehmens. Joachim Linnemann hatte sich 1992 mit dem Bremer Unternehmen Kurt Zech zusammengetan und für die spätere Atlantic-Kette in Vegesack ein erstes Haus eröffnet. Heute sind es 13 Hotels, ein weiteres ist in Bau, es entsteht in Münster und wird mit 230 Zimmern das größte der Gruppe sein. Stetes Wachstum, auch im Bestand: Das Atlantic-Grand-Hotel am Bredenplatz feiert in diesen Tagen die Einweihung eines großen Anbaus.

Bei den Arbeiten am Grand-Hotel kam es zu Verzögerungen. Auf den Punkt fertig werden mussten sie trotzdem. Es gab keine Wahl, keinen Ausweichtermin. Der Grund, ganz einfach: Die neuen Zimmer sind alle vom ersten Tag an gebucht, nur die Suiten noch nicht. Justus Grosse hat auf Risiko gespielt und gewonnen. Ganz ohne diesen Kitzel geht es offenbar doch nicht.

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