Kommentar über nachhaltige Forschungsprojekte

Forschung hilft aus der Komfortzone

Der Weg in eine klimafreundliche Zukunft erscheint unattraktiv und beschwerlich. Doch Klimaschutz bedeutet nicht nur Verzicht, er beflügelt Innovationen in Wirtschaft und Wissenschaft, meint Elena Matera.
13.01.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Forschung hilft aus der Komfortzone
Von Elena Matera
Forschung hilft aus der Komfortzone

Das Stahlwerk soll bis 2050 klimaneutral sein und kooperiert dafür mit Forschern aus der Universität Bremen.

Christian Walter

Klimafeind, Flugscham, Greta-­Effekt – die Klimaschutz-­Debatte hat eigene Begriffe hervorgebracht und Konsequenzen: Dieselfahrzeuge wurden bereits von einigen Straßen verbannt, Verbote für Autos in Innenstädten sind geplant, auch von einer Klimasteuer auf Fleisch oder auf Flugreisen ist die Rede. Wie es scheint, fehlt vielen Menschen noch das Verständnis für solche Maßnahmen. Vor ihrem inneren Auge sehen sie nichts als riesige Verbotsschilder. Der Weg in eine klimafreundliche Zukunft erscheint unbequem, beschwerlich und unattraktiv.

Diese negative Verknüpfung ist alles andere als förderlich. Sie stiftet Unzufriedenheit, Unsicherheit und spaltet die Gesellschaft. Die Debatte muss positiver und lösungsorientierter geführt werden, um die Bevölkerung auch für größere Veränderungen zu gewinnen. Es muss deutlich werden, dass der Wille zu umfassenderem Klimaschutz nicht nur Verzicht des Einzelnen bedeutet, sondern auch Innovationen in Wirtschaft und Wissenschaft beflügelt.

Nachhaltige Projekte in Bremen und Bremerhaven

Der Forschung kommt in dieser Hinsicht eine Schlüsselrolle zu. Sie zeigt, dass gute Ideen für nachhaltige Projekte existieren. Allein in Bremen und Bremerhaven gibt es zahlreiche Forschungsteams, die zukunftsweisenden Antworten auf aktuelle Klimafragen suchen. Die Projekte reichen von vertikalen Farmen (eine Form der Landwirtschaft, bei der Obst und Gemüse in mehreren Ebenen übereinander angebaut werden), über nachhaltigen Mineralölersatz aus Algen bis hin zur Entwicklung von plastikfreien Behältnissen.

Vertikale Farmen? Was soll das? Das soll viel: eine Antwort auf die begrenzten Ressourcen dieses Planeten geben. Die Weltbevölkerung steigt stetig an, bis 2050 werden etwa 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Aber landwirtschaftliche und Waldflächen, aber auch fossile Energien sind nicht unendlich verfügbar. Angesichts des Bevölkerungswachstums werden sie bald aufgebraucht sein. Ein Umdenken ist also nötig, Stichwort: Nachhaltigkeit. Das zu beachten muss künftig die Regel, nicht die Ausnahme sein.

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Für eine nachhaltigere Zukunft stehen Deutschland große technologische und wirtschaftliche Umbrüche bevor. Die Wissenschaft und Teile der Wirtschaft seien zu radikaleren Schritten bereit als die Politik, sagt Torben Stührmann, Umweltwissenschaftler im Artec-Forschungszentrum Nachhaltigkeit an der Univer­sität Bremen. Er kooperiert in ei­nem ­Forschungsprojekt mit dem Bremer ­Stahlwerk, das mithilfe von Wasserstoff bis ins Jahr 2050 klimaneutral produzieren will.

Klimaschutzpaket gefährdet Projekte

Das Land Bremen und die Bundesrepublik können in Sachen Klimaschutz wegweisend sein, eine Vorreiterrolle einnehmen, neue Arbeitsplätze schaffen, zum Beispiel im Bereich der erneuerbaren Energien. Doch die Forschungsförderung ist nicht immer vorbildlich. Das im September beschlossene Klimaschutzpaket ist zwar ein Anfang, denn es enthält eine generelle Erhöhung der Fördermittel. Dennoch hat der Haushaltsausschuss des Bundestages unter anderem die Mittel für die Energieforschung gekürzt – eine fatale Entscheidung. So stellte der Hauptgeschäftsführer des Verbands der chemischen Industrie, Wolfgang Große Entrup, fest: „Damit setzt die Politik die Axt an wichtige laufende Forschungsprogram­me, die dadurch auszutrocknen drohen. So gerät auch das Projekt Energiewende in Gefahr.“

Innovationen können teuer sein, doch die Auswirkungen des Klimawandels werden vermutlich noch sehr viel teurer werden. Statt zu kürzen, muss die Politik fördern und investieren. Allerdings kann technischer Fortschritt nicht die einzige Antwort sein. Innovationen wie umweltfreundliche Alternativen für Plastik, Mineralöl und Flugbenzin unterstützen die Menschen zwar dabei, Nachhaltigkeit und Klimaschutz selbstverständlicher und bequemer in ihr Leben zu integrieren. Aber technische Fortschritte, innovative Lösungen und zukunfts­weisende Erfindungen werden eines nicht verhindern: Niemand wird auf Dauer so weiterleben können wie bisher.

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