Mobilfunk auf See Funklöcher auf den Meeres-Autobahnen

Seit Jahren fordern die Lotsenbrüderschaften besseren Mobilfunk für die deutsche Küste – passiert ist bislang nichts. Dabei geht es um die Sicherheit in einem der viel befahrensten Schiffs-Reviere.
22.08.2019, 19:06
Lesedauer: 3 Min
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Funklöcher auf den Meeres-Autobahnen
Von Peter Hanuschke

Bremen/Hamburg. Wo liegen welche Schiffe in der Deutschen Bucht, wie viele Containerschiffe befahren momentan die Elbe, wie sind die aktuellen Wassertiefen? Für Lotsen sind solche Informationen sehr hilfreich, um die sicherste Route fürs Schiff noch besser planen zu können. Doch diese Daten stehen häufig gar nicht zur Verfügung: Funklöcher auf See verhindern die mobile Übertragung. Seit Jahren fordern die Lotsenbrüderschaften besseren Mobilfunk für die deutsche Küste – passiert ist bislang nichts.

Bevor ein Schwerlasttransporter auf die A1 von Bremen nach Hamburg fahre, hole sich der Fahrer Informationen über die Verkehrslage oder darüber, ob die Raststätte für seine Zwangspause frei und geeignet sei – das mache er mit seinem Handy oder Laptop über das Mobilfunknetz. „Dieses Beispiel kann man gut auf die Schifffahrt übertragen“, so Ben Lodemann, Ältermann der Lotsenbrüderschaft Elbe. „So wie der Fahrer würden auch gerne die Lotsen vorab die Informationen für die gelotsten Schiffe einholen.“ Nur funktioniere das nicht. „Südöstlich vor Helgoland, dort, wo die beste Route für die Schiffe, die die Elbe befahren wollen, schön sinnvoll geplant werden sollte, sind die Lotsen im Funkloch – mobile Daten können nicht genutzt werden.“ Dieses Problem gebe es auch an anderen Stellen. „Die Forderung nach einem Mobilfunkausbau gibt es seit Jahren“, so Lodemann. „Die maritime Transportkette ist offenbar nicht interessant genug.“ Und dabei gehe es um die Sicherheit in einem der viel befahrensten Reviere weltweit sowie um die Produktivität einer für die Exportnation Deutschland so wichtigen Verkehrsader.

Vor dem Hintergrund des in Deutschland geplanten Mobilfunkausbaus haben sich der Verband Deutscher Reeder (VDR) und die Bundeslotsenkammer (BLK) nun erneut dieses Themas angenommen und fordern gemeinsam eine Verbesserung der maritimen Breitbandkommunikation in Nord- und Ostsee. „Deutschland diskutiert aktuell zu Recht über 5G-Standards, um fit für den digitalen Wandel zu werden“, so Ralf Nagel, Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des VDR. Dazu gehöre untrennbar auch eine vernünftige Breitbandkommunikation auf See. „Da haben wir Nachholbedarf.“ Eine digitale Infrastruktur sei jedoch Voraussetzung, um den Hafen- und Schifffahrtsstandort Deutschland im deutschen Küstenbereich zukunftsfähig zu machen.

„Hunderte Schiffe passieren jeden Tag allein die Deutsche Bucht“, sagt BLK-Vorsitzender Erik Dalege. „Insbesondere für die Sicherheit auf den viel frequentierten Meeres-Autobahnen vor der deutschen Küste ist es dringend nötig, dass wir Lotsen die für die Nutzung moderner Software nötige Mobilfunkversorgung bekommen.“

Die Geräte und entsprechende Software gibt es, und zwar aus dem Hause der Bremer Trenz AG. Das Unternehmen hat schon vor sechs Jahren eine Software speziell für die Anforderungen der Lotsen entwickelt. Die Tablets enthalten unter anderem digitale Karten, die in Echtzeit die aktuelle Position des Schiffes und die Pegelstände angeben. Das Unternehmen hatte die Software im Auftrag der deutschen See- und Hafenlotsen entwickelt. Mit im Projektteam waren auch Lotsen, um eine Software zu entwickeln, die den Arbeitsalltag erleichtert.

Zum Einsatz kommen die Geräte. Und einzig bei der Lotsenbrüderschaft Weser I können sie in der Regel auch immer genutzt werden. „Das liegt am Revier auf der Weser“, sagt Ältermann Peter Marcus. Das Gebiet erstreckt sich über 33 Seemeilen von der Geestemünde in Bremerhaven bis nach Bremen. „Wir haben inzwischen genügend Datenvolumen mit LTE-Geschwindigkeit“, so Lotse Marcus. Bei der Lotsenbrüderschaft in unmittelbarer Nachbarschaft WeserII/Jade sieht das schon wieder anders aus. Da gebe es wie bei den Kollegen von der Brüderschaft Elbe Probleme mit den Mobilfunklöchern, weiß Marcus.

„Überall dort, wo wirtschaftliche Aktivitäten stattfinden, ist eine Breitbandanbindung unabdingbar", sagt Dominik Eisenbeis, Vorsitzender vom Maritimen Cluster Norddeutschland (MCN). Sie sei grundlegend für digitale Innovation und damit auch für die Erhaltung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. "Auf See fehlen diese Grundlagen heute jedoch in großen Teilen." Das MCN als Innovationstreiber unterstütze die politischen Forderungen des VDR und der BLK deshalb mit Nachdruck.

Die für eine maritime Digitalisierung notwendige Breitband-Infrastruktur sei derzeit noch stark unterentwickelt, so der VDR. „So ist der Handy-Empfang beispielsweise im 200-Meilen-Bereich der sogenannten Ausschließlichen Wirtschaftszone großenteils nur lückenhaft oder gar nicht vorhanden.“ Dort werde über UKW-Funk oder per Satellitentelefon kommuniziert. „Unsere Seeleute auf den Schiffen wären froh, wenn sie in Küstennähe zumindest einigermaßen flächendeckend Handy-Empfang hätten„, sagte Nagel. Nord- und Ostsee und sogar der Nord-Ostsee-Kanal seien in Teilen noch Funklöcher. „VDR und BLK haben schon in der Vergangenheit mehrfach eine Verbesserung der dafür nötigen Infrastruktur thematisiert“, so Eisenbeis. Es sei höchste Zeit, dass das Thema etwa in einem Bund-Länder-Arbeitskreis mit vereinten Kräften angegangen wird.“

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