Wohin mit dem Ersparten?

„Gold ist ein sicherer Hafen“

Wie geht es nun an den Aktienmärkten weiter? Welchen Unterschied gibt es zur Krise vor zehn Jahren? Und was sollten Anleger tun? Dazu spricht der Experte der Bank Berenberg.
18.03.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Gold ist ein sicherer Hafen“
Von Lisa Boekhoff

In unserer Serie sollte es in dieser Ausgabe um Gold gehen. Doch die Aktienmärkte rücken nun in den Fokus. Wie sehr beunruhigt Sie, was dort gerade passiert? Der Dax liegt unter 9000 Punkten.

Bernd Meyer: Die Entwicklungen an den Märkten sind sehr extrem, und zwar nicht nur im Ausmaß des Kursverfalls, sondern insbesondere in der Kürze des Kursverfalls.

Haben Sie solche Turbulenzen je beobachtet?

In dieser Geschwindigkeit nicht. Es sind seit dem Allzeithoch der Aktienmärkte in den USA nicht einmal vier Wochen vergangen. Wir haben innerhalb von 16 Handelstagen im Aktienindex S&P 500 einen Bärenmarkt bekommen. Davon spricht man, wenn der Rückgang des Allzeithochs bei mehr als 20 Prozent liegt. Dies ist der schnellste Bärenmarkt, den man historisch messen kann.

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Ist ein Ende in Sicht? Die Unternehmen werden stark unter den Einschränkungen durch das Coronavirus leiden.

Die Realwirtschaft erlebt zwei massive Schocks gleichzeitig: Sowohl Angebot als auch Nachfrage werden über Monate massiv belastet. Denn zum Coronavirus-Schock kommt auch noch der Preiskrieg ums Öl. Selbst wenn sich die Ansteckungsraten stabilisieren, ist die Frage: Wie kann die Normalität des öffentlichen Lebens wieder zurückkehren? Die natürliche Immunisierung in der Bevölkerung reicht ja bei Weitem nicht aus, eine erneute Verbreitung zu verhindern. Gewisse Einschränkungen werden vermutlich länger bestehen, bis wir einen Impfstoff haben.

Und was heißt das für die Märkte?

In einer gewissen Konstellation bekommen Sie an den Märkten eine Stabilisierung. Dafür müssen vier „Ps“ gegeben sein: Positionierung, Profitabilität, Politikunterstützung und Panik. Das reicht womöglich für eine volatile Bodenbildung, aber noch nicht zwingend für eine Erholung.

Warum ist Panik wichtig?

Panik löst etwa bei der Politik eine starke Reaktion aus. Und dass es eine Panik gab, hat sich ja an den Kursstürzen gezeigt. Zudem führt Panik zur finalen Kapitulation weiterer Anleger und erst wenn diese durch ist, erscheint eine Bodenbildung möglich.

Die Fed hat ihren Leitzins gesenkt. Haben Notenbanken viel Spielraum?

Sie können nur dafür sorgen, dass Unternehmen, die nun unter Umsatzeinbußen leiden, genügend Liquidität haben und nicht zahlungsunfähig werden. Die Notenbanken ergreifen dafür im großen Stil Maßnahmen. Doch durch eine Zinssenkung wird nicht die Aktivität in der Wirtschaft beschleunigt. Denn wenn die Menschen zuhause sitzen und nicht draußen konsumieren, hilft sie nichts. Die Notenbankpolitik kann es in Wirklichkeit nicht richten. Christine Lagarde (Präsidentin der EZB) hat selbst gesagt: Nun ist die Zeit der Fiskalpolitik. Da sehen wir zunehmend Zeichen in den USA, Europa und Deutschland, dass diese Unterstützung kommt.

Wie steht es um die Positionierung und Profitabilität?

Wir sehen bereits eine deutliche Reduktion an riskanten Aktienpositionen. Daneben meint Profitabilität: Was preist der Markt schon ein? Wir haben Anfang des Jahres eine deutliche Konjunkturerholung im Aktienmarkt eingepreist. Nun ist die Frage, wie tief die Rezession eingepreist werden muss. Wenn sie lange dauert, ist das vermutlich noch nicht genug von den Märkten berücksichtigt worden.

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Never catch a falling knife: Greif nicht in das fallende Messer. Was heißt das alles für Anleger? Aussteigen? Einsteigen?

Wir werden an den Aktienmärkten auf mittlere bis lange Sicht attraktive Niveaus für Anleger haben. Der Bewertungsvorteil gegenüber Anleihen war niemals höher als aktuell. Wir gehen ja zudem davon aus, dass das Coronavirus zwar ein schwerer Schock für die Ökonomie ist, aber letztlich ein vorübergehender. Ein Teil des Konsums wird im Zuge einer Normalisierung nachgeholt – vielleicht nicht gerade der Osterurlaub. Außerdem werden die fiskal- und geldpolitischen Impulse greifen. Der niedrige Ölpreis stützt die Kaufkraft. In diesem Szenario ist eine Erholung mit ordentlichen Wachstumsraten nach dem Abebben der Corona-Welle vorstellbar.

Diese Entwicklung könnte im zweiten Halbjahr beginnen. Das Aktienniveau heute ist dann auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten ein interessanter Einstiegszeitpunkt, wenngleich es in den nächsten Monaten noch erheblich Unsicherheiten geben kann. Anlegern ist also zu raten, nun nicht auszusteigen. Einsteigen sollten sie in kleinen Schritten mit langfristiger Perspektive.

Wir haben vor zehn Jahren eine Krise erlebt, die von den Finanzmärkten ausging. Nun sind Unternehmen sofort betroffen. Was heißt das?

Die Krise greift sehr viel schneller um sich. Ökonomen sprechen hier von einem „Sudden stop“, weil Angebot und Nachfrage sofort zurückgehen. In der Finanzmarktkrise kam das dagegen ganz schleichend. Das Gute ist: Wir haben in der Realwirtschaft diesmal keine Exzesse, etwa eine zu hohe Verschuldung und zu hohe Kapazitäten wie damals beim Häusermarkt. Die Chance ist, dass die Erholung schneller kommt.

Gold gilt über alle Zeiten hinweg als sichere Bank. Ist das nur eine Illusion oder sollten Anleger gerade jetzt auf das Edelmetall setzen?

Gold ist schon ein sicherer Hafen – auch in diese Krise hinein. Gold und Staatsanleihen sind die einzigen Klassen, die seit Anfang des Jahres nichts verloren haben. Zwar ist Gold jüngst auch unter Druck geraten. Letztlich gehört es aber aus meiner Sicht als absicherndes Element in ein Portfolio. Doch man muss schauen: Wo kommt es her? Gold war 2019 eine der besten Anlageklassen und hat über 20 Prozent zugelegt. Heute würde ich es noch nicht kaufen.

Warum?

Wir glauben ja an eine Bodenbildung am Aktienmarkt. In diesem Umfeld steigen die Anleiherenditen. Gold gehört dann nicht unbedingt zu den besten Anlageklassen.

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Schmuck oder Barren: Welche Möglichkeiten gibt es überhaupt, in Gold anzulegen?

Es gibt natürlich das physische Gold, also Barren und Schmuck. Damit sind aber meist hohe Transaktionskosten verbunden. Und sie müssen das Gold sicher verwahren. Häufig sind Stückelungen unter einem Kilo zudem teurer als größere Volumina. Deswegen glauben wir an Fonds, die physisch hinterlegt sind: Sie investieren dabei in einen Teil eines Bergs Gold, müssen es aber nicht selbst verwahren.

Gibt es andere interessante Edelmetalle?

Die meisten anderen Edelmetalle haben eine industrielle Nutzung. Das gilt für Silber, aber auch für Platin und Palladium, die in der Autoindustrie eine Rolle spielen. Wer hier investiert, hat es jedoch schwer, denn er muss die Entwicklungen in der Branche berücksichtigen. Besser sollten Anleger dann auf Gold setzen.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Bernd Meyer ist seit 2017 als Chefstratege für das Wealth and Asset Management von Berenberg zuständig. Die Privatbank mit Hauptsitz in Hamburg betreut aus Bremen heraus Kunden in Norddeutschland.

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Zur Sache

Gold in Zeiten der Krise

Der Goldpreis hat nicht von der weiteren Zuspitzung der Krise wegen des Coronavirus und jüngsten Notmaßnahmen führender Notenbanken profitieren können. Zu Beginn der neuen Handelswoche war der Preis für das Edelmetall wie bereits in der Vorwoche gesunken. Als Ursache für den fallenden Goldpreis gelten Verkäufe durch spekulative Finanzanleger, die Verluste in anderen Anlageklassen ausgleichen müssen. In der vergangenen Woche habe Gold mit einem Minus von etwa neun Prozent den stärksten Wochenverlust seit 2011 verzeichnet, sagte Rohstoffexperte Daniel Briesemann von der Commerzbank.

Nach Einschätzung des Experten scheinen die Zwangsverkäufe auch auf Wertpapiere durchzugreifen, bei denen physisches Gold hinterlegt wird. Die von der Nachrichtenagentur Bloomberg erfassten Gold-ETFs hatten am Freitag mit 17 Tonnen den größten Tagesabfluss seit Dezember 2016 gezeigt. „Ein ähnliches Verhaltensmuster bei Gold gab es während der Finanzkrise 2008“, kommentiert Daniel Briesemann. Die Feinunze Gold (31,1 Gramm) wurde am Dienstagnachmittag in London mit 1537 Dollar gehandelt. Das waren 23 Dollar mehr als am Vortag.

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