Interview zur Zukunft von Airbus in Bremen

IG-Metall-Chefin Buggeln: „Die Angst ist sehr real“

Bremens IG-Metall-Chefin Ute Buggeln teilt die Sorgen der mehr als 5000 Mitarbeiter am Airbus-Standort. Im Gespräch erklärt sie, warum Gewerkschaft und Belegschaft damit jetzt an die Öffentlichkeit gehen.
14.02.2021, 22:23
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IG-Metall-Chefin Buggeln: „Die Angst ist sehr real“
Von Maren Beneke
IG-Metall-Chefin Buggeln: „Die Angst ist sehr real“

Die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Bremen, Ute Buggeln, sorgt sich um die Zukunft des Bremer Airbus-Standorts.

Frank Thomas Koch

In wenigen Wochen wollen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite ihr Zukunftsbild für den Standort Bremen vorstellen. Warum machen Sie die Flügelausrüstung nun so kurz vorher noch zu einem gesonderten Thema?

Ute Buggeln: Weil die Flügelausrüstung und die daran hängende Prozesskette eine zentrale Kernkompetenz und damit ein Garant für die Zukunft des Bremer Standorts ist. Das Unternehmen signalisierte uns nun mehrfach, dass sie beabsichtigen, den Flügel mittelfristig aus Bremen abzuziehen, und im Tausch bieten sie ein Arbeitspaket an, das Bremen an einer direkten Beteiligung am Flugzeugbau zukünftig ausschließen würde. Das akzeptieren wir nicht und nehmen daher die Debatte um den Standort öffentlich auf.

Ist die Lage denn tatsächlich so dramatisch, wie die Bremer Betriebsräte sie zeichnen – sprich: Ein Aus der Flügelausrüstung in Bremen könnte zu einem Ende des gesamten Standorts führen?

Ich teile das ausdrücklich. Die Flügelausrüstung und das enge Zusammenspiel zwischen Engineering und Produktion garantieren die Bedeutung des Bremer Standorts im Airbus-Konzern. Daher ist die Angst, ohne diese Kernkompetenz bei der nächsten Umstrukturierung einfach ausgetauscht zu werden, sehr real. Und wenn das passiert, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann die Arbeitspakete der anderen Betriebe auf dem Prüfstand stehen. Der Luft und Raumfahrtstandort Bremen lebt von seiner Vielfalt. Diese zu erhalten, dafür setzen wir all unsere Kraft ein.

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Es gibt verschiedene Punkte, die gegen die Flügelausrüstung in Bremen sprechen. Zum Beispiel die langen Transportwege von Broughton über Bremen nach Toulouse oder die Produktionskosten, die an anderen Standorten günstiger sein können. Beide Argumente lassen sich doch nicht von der Hand weisen.

Das sind keine starken Argumente. Zum einen finden sich immer Länder, wo die Lohnkosten billiger und die Arbeitsbedingungen schlechter sind. Zum anderen arbeitet Bremen in diesem Segment effizient, profitabel und erfolgreich – sowohl bezogen auf Kosten als auch Qualität und Zuverlässigkeit. Und das Argument zu hoher Transportkosten hat jetzt in der Belegschaft eine Jahrzehnte alte Debatte über einen Tausch mit dem A320-Flügel aus England wieder aufkommen lassen. Demzufolge könnten nicht nur die Transportkosten, sondern auch CO2-Emissionen erheblich gesenkt und der Bremer Standort sogar noch gestärkt werden. An diesem Beispiel zeigt sich, das Vorhaben des Konzerns ist keineswegs alternativlos.

Bei den Gesprächen über die Zukunft des Standorts sitzen auch der Konzernbetriebsratsvorsitzende Holger Junge und COO Michael Schöllhorn mit am Tisch. Warum reicht es nicht, dass Standortleitung und örtliche Betriebsräte gemeinsam ein Konzept erarbeiten?

Verhandlungen nur auf der örtlichen Ebene reichen bei Konzernbetrieben nicht mehr aus. Daher haben wir unsere Forderung nach einem Zukunftskonzept für den Bremer Standort auf Konzernebene durchgesetzt. Und wenn der gemeinsame Prozess erfolgreich und stabil verlaufen soll, braucht es die Einbeziehung der zentralen Entscheidungsebenen im Konzern.

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Sollte die Flügelausrüstung tatsächlich an einen anderen Standort verlagert werden: Welcher käme aus Ihrer Sicht in Frage und von welchem Zeithorizont würden Sie ausgehen?

In beiden Fragen bleibt das Unternehmen vage. Wir vermuten eine Verlagerung innerhalb der nächsten drei Jahre an den englischen Standort Broughton, der ebenfalls auf dieses Arbeitspaket spezialisiert ist. Aber noch mal: Das alles ist für uns noch lange nicht in Stein gemeißelt. Und auch die Politik hat in dieser Frage ein Wort mitzureden. Schließlich ist Airbus ein europäisches Unternehmen, das mit Steuergeldern aufgebaut und nach wie vor aktiv unterstützt und gefördert wird. Da müsste das Unternehmen auch der Bundesregierung mal genauer erklären, warum in Bremen eine Kernkompetenz nach England verlagert werden soll, was zugleich bedeutet, dass der Luft- und Raumfahrtstandort Deutschland eine systemrelevante Fähigkeit im Flugzeugbau verliert. Genau diese Debatte führen wir jetzt.

Das Gespräch führte Maren Beneke.

Info

Zur Person

Ute Buggeln machte bei der Lloyd-Werft eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten und ist mit 16 Jahren in die IG Metall eingetreten. Seit Februar 2020 ist sie Erste Bevollmächtigte der Gewerkschaft in Bremen.

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