Künstliche Intelligenz Kreuzfahrtbranche setzt auf Roboter

Die Kreuzfahrtbranche ist laut dem Tourismusexperten Alexis Papathanassis von der Hochschule Bremerhaven innovationsfreudig. Die Corona-Krise wird dem Einsatz von Robotern einen zusätzlichen Schub geben.
25.07.2020, 05:00
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Kreuzfahrtbranche setzt auf Roboter
Von Silke Hellwig

Pepper hebt den Kopf, blinzelt und fragt sein Gegenüber nach seinen Wünschen: „What can I do for you?“, sagt er. Der einem Menschen nachempfundene Roboter gehört der Hochschule Bremerhaven, genauer gesagt, dem Cruise Tourism Lab. Alexis Papathanassis hat Pepper vor wenigen Monaten für die Arbeit mit den Studenten beschafft. Denn der Einsatz von Robotern auf Kreuzfahrtschiffen oder in Reisebüros ist nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart.

Im Jahr 2018 berichtete das Branchen-Portal „Worldwidewave“: „Tui hat einen humanoiden Roboter als regulären Mitarbeiter eingestellt: Pepper 2E wird als Assistent arbeiten und dem neuen Team für Data Analytics und Machine Learning von Tui angehören. Tui ist damit der weltweit erste Reisekonzern, der Robotik auf diese Art und Weise integriert.“ Seither haben andere Veranstalter und Reedereien nachgezogen, sagt Tourismusexperte Papathanassis. Nicht nur Pepper wird auf Kreuzfahrtschiffen eingesetzt, sondern auch weniger menschenähnliche Roboter, die andere Arbeiten verrichten. „Das wird man jetzt vermehrt sehen.“

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Papathanassis erklärt, wie Pepper an Bord oder beim Einchecken helfen kann. Eine Reihe von Funktionen, der Hochschulprofessor spricht von „Dienstleistungsszenarios“, bietet der Hersteller bereits mit der Auslieferung an. Pepper kann Menschen erfassen, ihnen sein Gesicht zuwenden, sie begrüßen, Texte vorlesen, Daten sammeln, Fotos machen, sie mit dem Tablet vor seiner Brust informieren, Hilfe herbeirufen oder „als Beschwerdestelle fungieren“. Er ist mehrsprachig.

Roboter wie er werden Menschen selbstverständlich niemals vollends ersetzen, stellt Papathanassis fest. Aber sie könnten helfen, die Reisenden zufriedenzustellen. Urlaubszeit sei kostbar, viele Menschen ärgerten sich über die verschwendete Zeit, wenn sie warten müssten, bis ein Ansprechpartner frei ist.

Keine Infektionsgefahr

Die Pandemie, da ist sich Papathanassis sicher, wird den Einsatz von Pepper, seinen zahllosen Geschwistern und ähnlichen Exemplaren seiner Gattung beschleunigen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Peppers haben keine Atemwege. Sie können sich nicht infizieren, und sie können niemanden anstecken. Sie schlafen nie und essen nicht. Der Einsatz von Desinfektionsrobotern sei denkbar. In Restaurants könnten Peppers oder ihre Verwandten den Service übernehmen, um die Infektionsgefahr zu minimieren.

„Josie Pepper“ unterstützt Passagiere auf dem Flughafen München. In Pflege- und Senioreneinrichtungen sind sie als Assistenten im Einsatz. Die „Welt“ berichtete 2017: „Roboter sind im Tourismus ein großes Thema. In einem Hotel in Belgien ist ein Roboter zum Beispiel am Empfang tätig. In Japan ist man noch einen Schritt weitergegangen: Dort haben Roboter, die wie Menschen aussehen, fast alle Aufgaben übernommen – sogar beim Tragen der Koffer helfen sie. Nun kommen sie auch auf Kreuzfahrtschiffe.“

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Alexis Papathanassis zeigt ein Video der „Dancing Bionic Bar“ auf der „Anthem of the Seas“, ein Schiff der Reederei Royal Caribbean International. Zwei „robotische Barmixer“ kommen dort den Wünschen der Passagiere nach. „Sie sorgen für die Show und die Getränke“, sagt der Professor. Ihr Leistungsvermögen ist beeindruckend: Sie mixen nach Angaben der Reederei etwa zwei Getränke pro Minute, etwa 1000 an einem Abend. So spart die Reederei Barkeeper aus Fleisch und Blut und sorgt obendrein für höheren Umsatz. Selbst kostenintensive Technik amortisiere sich rasch, sagt Papathanassis.

Weniger Personal aus Fleisch und Blut beanspruche weniger Platz, der wegen der Pandemie und der Abstandsgebote kostbarer sei denn je. Da das Virus die Reedereien bis auf Weiteres zu einer deutlich geringen Auslastung ihrer Schiffe zwinge, sei nicht nur jeder Euro Umsatz, sondern auch jeder Meter Platz wichtig. „Es gibt nur zwei Möglichkeiten, um der Pandemie zu begegnen: Entweder man muss größere Schiffe haben oder man muss für mehr Platz sorgen.

Schiffe smarter machen

Man kann eine Menge Platz schaffen, indem man die Schiffe smarter macht.“ Der Weg dorthin sei längst beschritten. Passagiere würden beispielsweise mit RFDI-Armbändern ausgestattet, mit denen über Radiowellen Daten erfasst und Leistungen abgerechnet werden oder man sich Zutritt zu Räumen verschaffen könne.

„Robotic Entertainment“ wird in Showprogramme eingebaut. Damit Innenkabinen besser vermarktet werden können, werden sie mit virtuellen Balkonen samt Aussicht ausgestattet. Die „Navigator of the Seas“ – ebenfalls von der Royal Caribbean – verfügt seit 2014 über wandfüllende Bildschirme in an die 100 Kabinen. „Passagiere genießen den Ausblick auf das Meer und den Hafen per Live-Video, obwohl sie gar keine Außenkabine gebucht haben“, heißt es in der Werbung.

Augmented- und Virtual-Reality-Techniken werden ebenfalls in der Branche eingesetzt. So lassen sich die Schiffe der „Mein Schiff“- oder der Aida-Flotte vor einer Buchung quasi besichtigen, indem potenzielle Kunden eine entsprechende Brille aufsetzen und an Bord virtuell spazieren gehen. Papathanassis geht davon aus, dass diese Techniken auf den Schiffen selbst mehr und mehr zum Einsatz kommen werden, „beispielsweise für Themenabende“. 3-D-Drucker für Speisen seien in nicht allzu ferner Zukunft vermutlich ebenfalls an Bord zu finden. „Was wir heute sehen, ist nur der Anfang“.

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Das Jahr 2021, prophezeit der Tourismusforscher, werde – beflügelt durch die Corona-Krise – zu einem Wendepunkt im Einsatz von Robotern und Künstlicher Intelligenz im Alltag werden. Bis Ende des Jahres 2021 werde man in jeder Stadt Peppers oder ähnlichen Robotern begegnen. Die Kreuzfahrtbranche sei ein großer Innovationsmotor. „Sie hat sich immer wieder neu erfunden und erfinden müssen“, sagt Papathanassis. Nur so habe sie ihre erste größte Krise überwinden können, als der Flugverkehr ihr den transatlantischen Transport streitig gemacht hat.

Alexia Papathanassis schaltet Pepper aus, die beleuchteten Augen erlöschen, der Roboter senkt den Kopf. Müde wird er nie, aber unverwüstlich ist er nicht. Die „Welt“ berichtete: „Auf der ,Costa Diadema‘ bekam Pepper zuletzt zu spüren, wie beliebt er ist. Ein paar Kinder umarmten ihn zu heftig, Pepper fiel um und musste ins Roboterkrankenhaus.“

Info

Zur Sache

Umfrage zur Akzeptanz

Was Kunden vom Einsatz von Robotern in der Reise- und Tourismusbranche halten, wurde 2016 durch eine Umfrage erhellt. Nach Angaben des Internet-Unternehmens Travelzoo nahmen rund 6000 Reisende in Asien, Europa, Nordamerika und Südamerika teil. Ergebnis: Zwei Drittel der Befragten gaben an, sich mit dem Einsatz von Robotern anfreunden zu können.

„Deutsche und französische Befragte waren am abgeneigtesten, während Chinesen und Brasilianer am positivsten beurteilten, wie Robotik und Künstliche Intelligenz einen Urlaub oder eine Reise im Allgemeinen verbessern könnten“, so das Fazit. Als Vorteil wurde unter anderem gesehen, dass Roboter nichts vergessen und andere Sprachen besser beherrschen könnten. Die Nachteile: Roboter hätten keinen Sinn für Nuancen, für Ironie und Humor.

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