Interview mit Tourismusforscher

„Die Krise wirkt wie ein Beschleuniger“

Alexis Papathanassis ist Tourismusforscher an der Hochschule Bremerhaven. Im Interview schildert er, was aus der Branche durch und nach der Corona-Krise wird.
06.07.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Die Krise wirkt wie ein Beschleuniger“
Von Silke Hellwig

Herr Papathanassis, wie sieht der Tourismus der Zukunft aus? Wird er jemals so sein, wie er war oder bildet das Jahr 2020 eine Zäsur?

Alexis Papathanassis: Der Tourismus wird nicht mehr derselbe sein. Das hängt aber nicht nur mit der Corona-Krise zusammen. Die Krise wirkt nur wie ein Beschleuniger. Es gab schon vorher Entwicklungen – zu den Themen Umweltschutz und ökonomische Nachhaltigkeit beispielsweise –, die den Massentourismus infrage gestellt haben.

Manche Orte und Regionen leben doch mehr oder weniger vom Tourismus, müssen sie nicht alles dafür tun, damit es wieder wird wie zuvor?

Man muss sich anschauen, wer eigentlich wirklich vom Tourismus profitiert. Die Ausgaben sagen nichts über den Nettoeffekt aus. Denn den Einnahmen stehen meist hohe Kosten in die Infrastruktur gegenüber, oft von Steuerzahlern finanziert. Das sieht man beispielsweise auch an postkommunistischen oder Schwellenländern, die im Tourismus wirtschaftlichen Erfolg suchen. Doch meist sind es einige große Unternehmen, die richtig verdienen, nicht die Leistungsträger, also diejenigen, die die Dienstleistung liefern, wie Hotelinhaber und Gastronomen.

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Inwiefern?

Viele Länder haben in den vergangenen Jahren sehr große Kapazitäten aufgebaut, die nur mit Pauschalreisenden ausgefüllt werden können. Die großen Reiseveranstalter bestimmen die Preise, steuern die Touristenströme und profitieren von einer Infrastruktur, die die Steuerzahler finanziert haben. Das meiste Geld der Touristen bleibt damit in den Ländern, in dem die Reiseveranstalter ihren Sitz haben, weil sie das größte Stück vom Kuchen abbekommen.

Wenn jemand sagt, dass Länder wie Spanien, Griechenland oder die Türkei froh sein können, dass deutsche Touristen dort Geld ausgeben, muss man anfügen: Und die Touristen können sich glücklich schätzen, dort so günstig Urlaub zu machen, auf Kosten von spanischen, griechischen und türkischen Steuerzahlern.

In diesem Jahr profitiert der inländische Tourismus besonders, viele Deutsche machen in Deutschland Urlaub. Ist das von Vorteil?

Grundsätzlich schon. Von Deutschland heißt es immer, es sein ein Autoland. Aber die Wirtschaftsleistung von Freizeit und Tourismus ist höher als die des Autostandorts, die Branche hat mehr Beschäftigte und führt zu mehr Einnahmen. Das wird oft unterschätzt. Es hat sich gezeigt, dass sich die Gäste in touristisch erfolgreichen Staaten zu 70 Prozent aus Einheimischen und zu 30 Prozent aus internationalen Besuchern speisen.

Warum ist das von Vorteil?

Viele Faktoren – wie zum Beispiel Saisonalität – und einige makro-ökonomische Bedingungen spielen dabei eine Rolle. Ein wesentlicher Faktor sind die Geldflüsse. Wenn die Bevölkerung im eigenen Land verreist, werden Reisen meist direkt gebucht. Das heißt, das Geld landet direkt bei den Leistungsträgern, wie zum Beispiel Hotels oder Anbietern von Ferienwohnungen. Aber auch die kulturelle und geografische Nähe hat positive Auswirkungen.

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Was hat die Corona-Krise konkret verändert?

Die Kapazitäten sind deutlich geringer geworden, weil man nicht mehr so viele Menschen in ein Hotel, in ein Restaurant, auf ein Schiff buchen kann. Die Preise werden entsprechend steigen. Besonders schwierig ist die Lage für Reiseveranstalter und -büros. Wenn viele Menschen innerhalb des eigenen Landes Urlaub machen oder zunächst erst einmal Verwandte und Bekannte besuchen, buchen sie diese Leistungen meist selbst. Sie brauchen keinen Veranstalter. Das heißt, dass die Veranstalter eine andere Rolle in der gesamten Kette einnehmen werden. Ich glaube auch, dass in einigen Destinationen durch die wochenlange Zwangspause ein Umdenken einsetzt.

Wie meinen Sie das?

Es gibt Orte, die im Frühjahr von Touristen überschwemmt werden, aber in diesem Jahr von der Außenwelt praktisch abgeschnitten waren. Die Einwohner werden gemerkt haben, wie sie damit klargekommen sind. Wer gut über die Krise gekommen ist, entwickelt eine neue Art von Selbstbewusstsein. Das wird die Verhandlungen mit Veranstaltern beeinflussen, hoffentlich nachhaltig.

Haben Sie nicht den Eindruck, dass die Menschen reisehungrig sind wie eh und je und dass das Fernweh wächst?

Doch, das sehe ich genauso. Tourismus ist nicht optional oder überflüssig. Eine Reise ist zwar etwas, das man streichen kann, wenn man wenig Geld hat, aber der Wunsch zu reisen ist quasi so alt wie die Menschheit. Tourismus ist nicht nur ein Geschäft, sondern ein soziales Phänomen, eine kulturelle Errungenschaft und hat sehr viele positive Effekte.

Schon vor der Corona-Krise gab es Klagen, dass der Tourismus an seine Grenzen stoße und besser reguliert werden müssen, ob in Venedig, auf Mallorca oder in Prag. Man redet seit ein paar Jahren von Overtourism, also vollkommen überbordendem Tourismus.

Ja, das ist sehr kurios: Meine Kolleginnen, Kollegen und ich beschäftigen uns schon seit Jahrzehnten mit diesem Phänomen, ohne große Wirkung in der Gesellschaft und in den Medien. Dann nennt ein Blogger das Overtourism und alle springen darauf an. Dieses Phänomen wird durch die Corona-Krise automatisch angegangen. Es darf nicht mehr zu solchem Massenandrang kommen, weil das gesundheitlich nicht vertretbar wäre.

Man kann nur hoffen, dass Lösungen gefunden werden, die fortdauern, auch wenn keine Infektionsgefahr mehr besteht. Vielleicht werden wir wieder zu einer Normalität zurückfinden, also nicht zu dem, was man vor der Krise für normal hielt, sondern zu einem Tourismus in vertretbaren Ausmaßen.

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Was wird aus dem Kreuzfahrttourismus?

Um die Branchenriesen mache ich mir keine Sorgen. Die Branche hat sehr gute Jahre hinter sich, sie ist finanziell sehr robust. Dort gibt es mächtige Rücklagen und – aufgrund von den enormen Werten der Schiffe – unglaubliche Kreditlinien.

Aber die Schiffe werden vermutlich weniger Passagiere aufnehmen können.

Ja, das wird vielleicht für einige Zeit so ein. Aber die Branche ist ungemein innovativ. Dort wird schon sehr viel mit Robotern experimentiert, um Personal zu entlasten oder zu ersetzen. Die Innenkabinen werden mit virtuellen Balkonen ausgestattet, um sie besser vermarkten zu können und ähnliches mehr. Die Digitalisierung, ich nennen das Kreuzfahrt 4.0, wird einiges auffangen können.

Wie sieht es mit dem Tourismus unter Corona-Vorzeichen in Bremerhaven aus?

Ich vermute, dass dieser Sommer sehr erfolgreich wird für Bremerhaven, auch weil viele Menschen in Deutschland Urlaub machen. Man erreicht Bremerhaven gut mit dem Auto, es bietet sich für einen Tagesausflug an.

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Ist Bremerhaven gut aufgestellt, was das Tourismusmanagement betrifft?

Die Infrastruktur ist gut. Aber es reicht nicht, in Beton zu investieren. Auch in Menschen muss investiert werden. Es reicht nicht, Tourismus nach außen zu vermarkten, sondern man muss auch nach innen, in die eigene Stadt, für ihn werben. Es fehlt in Bremerhaven jedoch an Erlebnisangeboten und entsprechenden Veranstaltungen.

Auch die Dienstleistungsmentalität ist nicht so ausgeprägt, wie sie sein könnte. Dienstleistung sollte kein Schimpfwort sein, sondern mit Stolz ausgeübt und als Profession ernst genommen werden, übrigens auch von der Politik.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Alexis Papathanassis ist Tourismusexperte. Seit 2005 ist er Professor für Kreuzfahrttourismus-Management an der Hochschule Bremerhaven. Bevor er sich der Wissenschaft zuwandte, hat er bei der Tui AG gearbeitet.

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