Made in Bremen: Nordcap Wie man im Rentenalter eine Firma mit 400 Mitarbeitern übernimmt

Nordcap ist auf Kühlen, Kochen und Spülen in der Gastronomie spezialisiert. Geschäftsführer Klaus Ziegler ist 68 und denkt nicht an Rente: Gerade hat Nordcap eine Firma mit 400 Mitarbeitern übernommen.
22.05.2022, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Wie man im Rentenalter eine Firma mit 400 Mitarbeitern übernimmt
Von Florian Schwiegershausen

Mit Kühlen, Kochen und Spülen kennt Klaus Ziegler sich aus. Denn sein Unternehmen Nordcap, ein wenig unscheinbar im Industriegebiet von Bremen-Mahndorf, beliefert seit vielen Jahren Hotels, Gastronomie und den Lebensmitteleinzelhandel mit Geräten und Vitrinen – und kaum ein Gast wird wissen, dass bei seinem Lieblingsitaliener häufig die Pizza aus einem Ofen kommt, den Nordcap geliefert hat.

Nun ist Ziegler mit 68 Jahren in einem Alter, in dem andere längst ihren Ruhestand genießen, vielleicht auf eine längere Kreuzfahrttour gehen oder im Bus für einen Tag auf Kaffeefahrt. Bei Ziegler ist das anders: Er hat vor Kurzem zusammen mit seinen Partnern aus Hamburg und Düsseldorf die Mehrheit an einem Hersteller für Gastronomiegeräte mit 400 Beschäftigten in Österreich übernommen. Dieser Schritt wird auch zum Fortbestand seines eigenen Lebenswerks hier in Bremen beitragen.

Wie es dazu gekommen ist: Erst mal erzählt Ziegler hanseatisch bodenständig, dass er die Übernahme ja nicht allein, sondern zusammen mit seinen beiden anderen Geschäftsführern Christian Zöger und Oliver Frosch über die Bühne gebracht hat. „Vor vier oder fünf Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass wir auch noch zum Produzenten werden“, sagt Ziegler. Denn „die“ Nordcap kommt eigentlich aus dem Großhandel und vertreibt Kühlgeräte und auch Warmhaltevitrinen für die Gastronomie. Ziegler ist in der Bremer Kaufmannschaft nicht unbekannt, für die FDP saß er sogar mehrere Jahre als Abgeordneter in der Bremischen Bürgerschaft.

Anfangs Zündkerzen und Bosch-Hausgeräte

Ursprünglich hatten sein Vater und Großvater als Bosch-Großhändler für Autoteile und Hausgeräte begonnen. Als Klaus Ziegler mit im Unternehmen war, glaubte er nicht mehr so recht an Zündkerzen und Autobatterien. Sein Vater verkaufte den Autobereich, nachdem Bosch bereits über die Jahre die Zahl der Händler durch Fusionen minimiert hatte. Zur gleichen Zeit hatte das Unternehmen aber bereits mit der gewerblichen Kühltechnik begonnen: Nordcap lieferte Kühlschränke und Kühltruhen in der notwendigen Größe über den Fachhandel an Restaurants und Hotels.

Es folgten weitere Fusionen und Ziegler und seine Firma waren weiter mit von der Partie. Nach all den Jahren blieben am Ende die Standorte Bremen, Hamburg, Düsseldorf übrig. 2010 kam der letzte Schritt: Ziegler schloss sich mit dem Hamburger und dem Düsseldorfer Teil zusammen. Nun führt er die Geschicke zusammen mit Christian Zöger in Hamburg und Oliver Frosch in Süddeutschland, den sie für Nordcap als neuen geschäftsführenden Gesellschafter gewinnen konnten.

"Kühlschrankverkauf allein reicht nicht"

In den letzten Jahren kam Ziegler und seinen Geschäftspartnern die Erkenntnis: „Wir haben erkannt, dass wir von einem reinen Kühlschrankverkauf allein nicht mehr leben können.“ Sie müssen heutzutage Gesamtkonzepte anbieten und mehr entlang der Lieferkette denken. „Nur noch ein Gerät über die Rampe schubsen, damit ist es nicht mehr getan“, sagt der Bremer mit einem Lächeln. Immerhin hatte sich Nordcap bereits 2014 an einem holländischen Vertriebsunternehmen zu 50 Prozent beteiligt, das das gesamte Nordcap-Programm nun auch in den Niederlanden vertreibt.

Und auch wenn das Schubsen allein nicht mehr reiche: Jeden Tag verlassen 150 Geräte die Läger in Bremen und Erkrath bei Düsseldorf. In Bremen sind das jeden Tag allein zwischen zwei und vier Lkw. „Darin sind Eiswürfelbereiter und bis zu drei Meter lange Freikühltheken, wo der Joghurtbecher drinsteht.“ Dennoch sagt sich Ziegler: „Im Fachhandel stehen wir in Konkurrenz zu anderen – auch zu Internethändlern und zu ausländischen Händlern, die direkt auf den Markt gehen.“

Als Partner für Ketten wie Coffee Fellows

So wandelte sich Nordcap immer mehr vom Verkäufer zum Anbieter für Konzepte und Problemlösungen. Immer mehr Ketten aus der Systemgastronomie vertrauen auf die Expertise der Bremer. So nennt Ziegler als Beispiel die Kette Coffee Fellows: „Da sind wir stark vertreten.“ Sie suchte nach einem Gerät, das überall gleich sein muss. Bei Nordcap wurden sie fündig. Auch die Glasvitrinen im Rewe To Go bei Aral, in denen die Sandwiches und andere Frischeprodukte liegen, stammen von Nordcap.

Bei der Gastronomie in Bahnhöfen ist das Unternehmen ebenso gefragt: „Die haben zwischen sechs und 15 Quadratmeter Platz in ihrer Verkaufsstelle und müssen den ganzen Tag über ein Programm anbieten.“ Morgens Brötchen und Bagels, mittags Wraps und Salate und nachmittags das Kuchenstück und abends wieder die Bockwurst. Nordcap plant, wie und mit welchen Konzepten und Geräten dies auf engstem Raum möglich ist. Die Kantinen der Sparkasse im Technologiepark und auch die von Mondelez in der Überseestadt sind mit Technik von Nordcap ausgestattet – ebenso die Thekenanlagen in der Elbphilharmonie. „Die wollten einen schwarzen Speziallack statt Edelstahloptik – das konnten anscheinend nur wir liefern“, erklärt Ziegler.

"Wir wurden gefragt"

Dann kam die Gelegenheit zur Übernahme des österreichischen Geräteherstellers Ideal und AKE. „Es begab sich vor einem Jahr…“, beginnt der Geschäftsführer zu erzählen. Bei den beiden Firmen, die zueinander gehören, stand ein Gesellschafterwechsel an. Erst wollte nur einer seine Anteile verkaufen, dann schlossen sich zwei weitere an. „Ideal war für uns seit Jahren der größte Lieferant vom Umsatz her. Umgekehrt sind wir aber auch deren größter Kunde. Wir kennen uns seit 20 Jahren und auch die handelnden Personen.“

Nordcap wurde gefragt, ob man die Mehrheit übernehmen wolle. „Wir waren nicht die einzigen, die gefragt wurden“, weiß Ziegler. Bis Ende September gaben er und seine Geschäftsführungspartner ein erstes Angebot ab. Zusammen mit Wirtschaftsprüfern schauten sie in die Zahlen und Bilanzen, um überhaupt ein Gefühl zu bekommen, was für eine Summe man nennen sollte. Zusammen mit Bremer Geldinstituten stemmten sie die Finanzierung.

Kauf bremisch per Handschlag besiegelt

Während er davon berichtet, wirft er mit Wörtern wie "non binding offer", "binding offer" und "due diligence" um sich, und man merkt: Ein Handschlag, um das Geschäft zu beschließen, scheint ihm lieber zu sein. Und er gibt ehrlich zu: „So was hatten wir alles noch nie gemacht.“ Mit Unterstützung des Bremer Wirtschaftsprüfers Fides und eines österreichischen Wirtschaftsprüfers kam man zu einem realistischen Preis. Der lag doch spürbar unter dem angedachten Kaufpreis. In der entscheidenden Gesprächsrunde ist es laut Ziegler so gewesen: „Meine Partner sagten, Klaus, verhandel Du mal. Ich habe das wohl sehr knurztrocken gemacht.“ Der Preis stimmte, Ziegler besiegelte es wie ein Bremer Kaufmann mit Handschlag. Sie sollten 52 Prozent bekommen.

Doch dann zog es sich erneut in die Länge. Die Anwälte verhandelten um den Kaufvertrag. Es ging unter anderem um Regelungen der Garantie sowie den Bestandsschutz der Werke. Am 4. März, gut zwei Monate später, war Zieglers und Christian Zögers Geduld am Ende mit dem Ping-Pong-Spiel zwischen den Anwälten. Sie setzten sich direkt mit dem Gesellschafter zu einem Sechs-Augen-Gespräch zusammen. Nach eineinhalb Stunden hatten sie die Kuh vom Eis – so würde man es wohl angesichts von Nordcaps Geschäftstätigkeit bezeichnen.

Österreich und Deutschland besser verzahnen

Dann stand noch ein weiteres wichtiges Gespräch an, wie Ziegler sagt: „Wir hatten ins Unternehmen reingehört, und so hatte ich dem Geschäftsführer in Österreich eröffnet, dass wir die Zukunft ohne ihn planen.“ Gleichzeitig holte Nordcap einen altgedienten Vertriebler dort in die Firma zurück. Nordcap-Geschäftsführer Oliver Frosch ergänzt nun vorübergehend die Geschäftsleitung in Österreich. Nun geht es darum, die beiden Werke stärker zu vernetzen und auch die IT mit der von Nordcap zu verbinden. „Es geht um eine stärkere Verzahnung.“

Nordcap selbst sieht sich gut aufgestellt. Die Firma mit ihren insgesamt 120 Beschäftigten, davon 50 in Bremen, ist längst auch im Internet in Social Media aktiv. So will man auch junge Menschen ermutigen, eine Ausbildung oder ein duales Studium im Unternehmen zu beginnen, um zu zeigen, dass sie hier etwas erreichen können. Ziegler selbst macht die Arbeit Spaß und er möchte sie noch einige Jahre fortführen.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass er sich als Rentner auf eine Kaffeefahrt begibt, würde er sich im Landgasthof während der Werbeverkaufsveranstaltung sowieso eher für die Wärmevitrinen als für die Heizdecken interessieren. Doch dafür hätte er gerade eh keine Zeit: Momentan sitzt er oft im Auto auf der Strecke nach Österreich ins Salzburger Land zu Ideal und AKE. An den Raststätten, an denen er Pause macht, wird er immer irgendwo eine Vitrine sehen, die ihm aus seinem Lager in Bremen irgendwie bekannt vorkommt.

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