Bremer Öko-Stricklabel Mode kann fair, nachhaltig und trotzdem hip sein

Birte Manz macht Strickmode, die fair, nachhaltig und hip ist. Mit ihrem Label Sickman Knitwear will sie Öko-Kleidung vom schnöden Kratzpullover-Image befreien. Warum das den Modekonsum verändern könnte.
17.07.2019, 18:37
Lesedauer: 3 Min
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Mode kann fair, nachhaltig und trotzdem hip sein
Von Imke Wrage

Ganz oder gar nicht. Das ist Birte Manz von Anfang an klar. Es ist ein Tag im April 2018, als die Designstudentin in der Bremer Hochschule für Künste (HfK) sitzt, und ihr die Professoren raten, sich von ihrem Traum zu verabschieden.

Der heißt Sickman Knitwear, also so viel wie „total abgefahrene Strickmode“, und ist das Modelabel, das Manz als Masterabschluss-Projekt gegründet hat. Sie will Strickoberteile produzieren, die nachhaltig, fair, gleichzeitig aber auch schön und bezahlbar sind. Manz muss sich eingestehen: Das ist gar nicht so einfach.

Ein Oberteil zu stricken dauert zwischen 30 und 60 Arbeitsstunden. Möchte Manz nicht nur die Strickerinnen, sondern auch sich selbst fair bezahlen, müsste ein Pullover um die 4000 Euro kosten. Doch Manz hängt an ihrer Idee der eigenen Öko-Mode. Sie will nachhaltig „von A bis Z“ herstellen, dafür aber nicht am Lohn oder Material sparen. Es muss doch eine Möglichkeit geben, sagt sie sich. Sie findet eine.

Man müsste einen Pullover bloß schneller stricken können, überlegt sie, dann würde das Geschäftsmodell aufgehen. Manz probiert Stricknadeln und Garn aus, die so dick sind wie Euromünzen. Pro Oberteil braucht sie damit nur noch sechs bis acht Stunden. Wenn sie insgesamt 160 Strickwaren pro Jahr verkauft, rechnet sie aus, und den Strickerinnen mindestens neun Euro die Stunde zahlt, dann könnte sie davon leben. „Plötzlich war mein eigenes Modelabel keine wirre Idee mehr, sondern real und umsetzbar.“

Für sie, sagt Manz, sei Mode eine Möglichkeit, sich auszudrücken und immer wieder neu zu erfinden. Mit Sickman Knitwear will sie zu einem Umdenken in der Modewelt beitragen. Dazu gehöre, sich über die Herstellung der Kleidung, aber auch über die Arbeitsbedingungen und die Löhne der Näherinnen und Strickerinnen zu informieren. Manz findet: „Wir müssen lernen, Qualität wertzuschätzen und Verantwortung für unseren Konsum zu übernehmen."

Weg vom Kratzpullover-Image

Damit steht sie nicht allein da. Mit dem wachsenden Bewusstsein, dass die Ressourcen der Erde begrenzt sind, wächst auch der Markt für nachhaltige Mode. Auch andere Fair-Fashion-Labels – etwa Armedangels aus Köln oder Recolution aus Hamburg – wollen Öko-Kleidung vom schnöden Kratzpullover-Image befreien. Die Kollektionen und Schnitte zeigen: Verantwortung ist ziemlich gut tragbar.

Die Idee, die hinter dem Trend steht, nennt sich Slow Fashion. Sie steht für einen bewussteren Umgang mit Mode und lässt sich als Gegenbewegung zu Modekonzernen wie H&M verstehen. Deren Geschäftsmodell baut darauf auf, stetig neue Kollektionen zu Billigpreisen anzubieten. Dafür müssen Menschen meist unter katastrophalen Arbeits- und Produktionsbedingungen schuften. Slow Fashion will die Mode entschleunigen. Das bedeutet, dass sie zeitlos und lange tragbar ist. Gleichzeitig rechtfertigt die Langlebigkeit einen höheren Kaufpreis, wodurch die Produktion verlangsamt und die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter verbessert werden können.

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Birte Manz hat Talent. Das zeigt ihre erste Kollektion, das sagen ihre Professoren, das findet sogar die Modezeitschrift „Vogue“. Als die Studentin ihre gestrickten Oberteile Anfang des Jahres gemeinsam mit anderen HfK-Absolventen auf der Berliner Fashion Week vorstellt, wird die „Vogue“ auf sie aufmerksam, hebt Sickman Knitwear in einem Artikel als vielversprechend heraus. Vermutlich könnte Manz für Labels in Berlin arbeiten, vielleicht sogar in Mailand oder Paris. Aber die Designerin will lieber in Bremen bleiben.

Produktion in Deutschland

Vor wenigen Wochen ist sie zum zweiten Mal Mutter geworden, mit ihrem Mann hat sie ein Haus in Grolland gekauft. Doch in Bremen, sagt Manz, gebe es vor allem klassische Modeläden, die nicht ihrer Idee von Nachhaltigkeit entsprächen. Mit Öko-Strickmode macht sie deshalb lieber ihr eigenes Ding. Als Material verwendet sie portugiesische Merinowolle, die Wollfaser des Merinoschafs. Schnell stellt sie jedoch fest: Die Wolle flust schon nach kurzem Gebrauch. Sie sucht deshalb nach einem anderen Hersteller. Sobald das Garn da ist, sagt sie, will sie in die Produktion gehen und die Mode dann über einen Online-Shop verkaufen.

Die Oberteile will Manz in Deutschland produzieren lassen. Auch in Bangladesch oder China werde zwar teilweise schon zu recht guten Bedingungen gearbeitet, sagt sie. „Aber wie soll ich das kontrollieren?“ Sie wolle genau wissen, wo und wie ihre Kleidung entsteht. „In Deutschland kann ich mir die Produktion vor Ort anschauen. Das gibt mir Sicherheit."

Mögliche Strickerinnen hat Manz schon über ein Internetportal gefunden. Viele von ihnen würden die Arbeit eher als bezahltes Hobby verstehen. „Sie fordern drei Euro die Stunde.“ Die Designerin will das nicht annehmen, sagt sie. Sie wolle fair bezahlen – mindestens den Mindestlohn. „Wie soll ich das meinen Kunden sonst transparent machen?“ Genau das sei nämlich das Ziel: Transparenz.

In ihrem Online-Shop will Manz detailliert offenlegen, wie der Preis der Strickoberteile zustande kommt. Für jedes Kleidungsstück wird sie dort auflisten, welche Strickerin das Produkt für wie viel Lohn gefertigt und wie lange das gedauert hat, was das Garn kostet und was sie selbst an einem Stück verdient. Nur so, sagt die Jung-Designerin, können die Kunden verstehen, warum Pullover oder Mäntel zwischen 265 und 865 Euro kosten können – dafür aber schön, fair und lange haltbar sind.

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