Kraftwerk länger am Netz Kohlestrom in Bremen über 2023 hinaus

Bremens Energieversorger SWB richtet sich darauf ein, sein Kohlekraftwerk länger am Netz zu halten. Wie lang das sein soll, um dadurch Gas zu sparen, auf das Firmen wie Mercedes und Tchibo angewiesen sind.
20.06.2022, 19:25
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Kohlestrom in Bremen über 2023 hinaus
Von Florian Schwiegershausen

Das Kohlekraftwerk des Bremer Energieversorgers SWB in Hastedt wird noch mindestens bis 2024 am Netz bleiben. Wenn die Welt dann immer noch Kopf stehe, sei auch 2025 möglich, betont SWB-Sprecher Friedhelm Behrens. Auf diese Weise wolle man angesichts der Gas-Situation die Versorgungssicherheit gewährleisten. Ursprünglich sollte 2023 an der Weser das letzte Jahr der Kohleverstromung sein.

Dafür baut der Energieversorger gerade ein Gas-Kraftwerk, das eigentlich Ende dieses Jahres in Betrieb gehen soll. Doch ohne das russische Gas hat es wegen der Versorgungssicherheit nun eine Kehrtwende gegeben. Auch wenn Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Wochenende seine Entscheidung publik gemacht hat, bei Strom und Wärme nun doch weiter auf Kohle zu setzen, hatten die SWB und die Oldenburger Konzernmutter EWE bereits länger diesen Plan durchgespielt. "Das entscheidet man ja nicht so mal eben. Wir machen uns dann ja auch Gedanken, was man an Geld in die Hand nehmen muss, um das Kraftwerk weiter zu betreiben", sagte Konzernsprecher Behrens.

Beschäftigte vom Kraftwerk für andere Aufgaben

Der Chef der EWE, Stefan Dohler, hatte diesen Schritt auf der Bilanzpräsentation Ende April bereits  angedeutet: Um sich aus der Abhängigkeit vom russischen Gas zu lösen, schloss er schon damals nicht aus, dass das Kohlekraftwerk der Bremer SWB länger laufen werde. Das mit der Technik sei die eine Sache, schwieriger sei aber die Sache mit den Mitarbeitern. Denn auf eine Reihe der mehr als 50 Beschäftigten aus der Erzeugung, die rund um die Uhr in drei Schichten im Block 15 arbeiten, haben sich bereits andere Unternehmensteile gefreut wie beispielsweise Wesernetz. Dort waren sie eigentlich schon für andere Aufgaben eingeplant gewesen. "Dieses Hin und Her ist für die Kollegen nicht einfach. Es gibt dennoch eine hohe Bereitschaft, nun weiter beim Block 15 zu arbeiten", stellt Behrens fest.

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Ohne Habecks Pläne könne die SWB das Kohlekraftwerk dennoch nicht einfach so abbauen, weil es nun eventuell systemrelevant sei. "Sehr wahrscheinlich würde der Block bei einer Abmeldung auf Anordnung der Bundesnetzagentur in die Reserve gehen“, mutmaßte EWE-Chef Dohler im April.

Neue Fernwärmeleitung schneller fertigbauen

Durch die verlängerte Laufzeit will die SWB nun am liebsten die neue Verbindung ihre Fernwärmeleitungen vom Müllkraftwerk zur Vahr und nach Hastedt noch schneller umsetzen. Denn der Müll muss verbrannt werden, weil das gesetzlich vorgeschrieben ist. "Je schneller die Leitungen fertig sind, desto eher sparen wir Steinkohle und CO2 ein", erläutert Behrens.

Auf diese Weise werden auch Gaskapazitäten nicht benötigt, die man anderweitig einsetzen kann. Dieses Gedankenspiel ist für die Industrie von großer Bedeutung. So sagte beim Bremer Unternehmerforum Anfang Mai der Mercedes-Benz-Vorstandsvorsitzende Ola Källenius, dass im Werk in Sebaldsbrück für die Lackierung der Fahrzeuge Gas zum Heizen notwendig sei. Sollte Gas nicht mehr zur Verfügung stehen, dann gehe es nicht nur um etwas weniger Gewinn für Mercedes. „Dann steht das ganze Werk, und die Wirtschaftsleistung ist null“, sagte Källenius. Das habe zugleich Folgen für alle Zulieferer in der Region. „Dann ist hier die Hölle los.“ Mercedes prüfe selbst Möglichkeiten, Energie einzusparen.

Röstung von Kaffee "systemrelevant"

Ebenso macht sich Tchibo Gedanken. Denn die großen Röstmaschinen in Hamburg, Berlin und in Polen werden mit Gas betrieben. "Wir haben da in den vergangenen Jahren 30 Millionen Euro investiert, um auch den Verbrauch bestmöglich zu minimieren", sagte Tchibo-Sprecher Arnd Liedtke dem WESER-KURIER. Das Unternehmen überlege nun wie auch andere Branchen, wo ansonsten alternativ das Gas herkommen könne. Sollte es bei zu wenig Gas darum gehen, wer denn für seine Produktion Vorrang habe, sieht Liedtke es so: "Kaffee ist ganz klar systemrelevant - der ist nicht nur für die Arbeit von Krisenstäben von Bedeutung."

Zur Sache

Strom und Fernwärme aus Hastedt

Das Kohlekraftwerk mit dem Namen Block 15 in Bremen-Hastedt hat elektrisch eine Leistung von 130 Megawatt und thermisch, also für die Fernwärme, von 150 Megawatt. Täglich versorgen zwei Binnenschiffe den Standort mit Steinkohle. Die wird dort in vier großen Silos gelagert, was für mehrere Tage reicht. "Das Kraftwerk braucht täglich rund 1000 Tonnen Kohle am Tag", erläutert SWB-Sprecher Friedhelm Behrens. Das neue Gas-Kraftwerk neben dem Block 15 würde gegenüber der Steinkohle eigentlich jährlich rund 550.000 Tonnen CO2 einsparen, was bis spätestens 2025 nicht der Fall sein wird. Für Bremens Klimabilanz bedeutet das wiederum eine neue Bewertung. Durch den Anschluss des Bremer Müllkraftwerks ans Fernwärmenetz der Vahr ließe sich laut SWB 40.000 Tonnen CO2 einsparen.

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