Made in Bremen Nichts auf Lager, alles lieferbar

Fräsmaschine oder Toilettenpapier – das Start-up Profishop bietet Unternehmen ein Sortiment von 300.000 Artikel an. Geliefert wird direkt vom Hersteller. Die Gründer wollen Europas Nummer eins werden.
14.10.2017, 21:46
Lesedauer: 5 Min
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Nichts auf Lager, alles lieferbar
Von Lisa Schröder

Für Anna Hoffmann und Arasch Jalali ist der Küchentisch ein Möbelstück, das für sie vermutlich etwas magischer ist als für andere. In ihrem Leben jedenfalls hat er eine entscheidende Wendung gebracht. Denn schließlich hat das Ehepaar sein Start-up Profishop an ihm gegründet. Das war noch in Regensburg. Fünf Jahre ist das her.

Damals haben Hoffmann und Jalali 5000 Euro Startkapital und vor allem eine Idee: Sie wollen einen Onlinehandel für industrielle Gebrauchs- und Verbrauchsgüter aufbauen. Und das ganz ohne eigenes Lager, die Produkte sollen direkt von den Herstellern geliefert werden. Wirtschaftsingenieur Jalali arbeitete nach seinem Studium in Bremen für einen Betrieb in Regensburg. Dort merkte er, dass viele Prozesse zur Materialbeschaffung veraltet waren. „Wir wollten mit unserm Start-up neu ansetzen und das hat gleich funktioniert.“

Meeting stößt auf Skepsis

Die ersten möglichen Geschäftspartner nehmen kurz nach der Gründung am Küchentisch Platz. Doch das unkonventionelle Meeting stößt auch auf Skepsis. „Die Außendienstmitarbeiter haben sich angeschaut mit einem Blick, der sagte: Wo sind wir hier denn gelandet?“, erinnert sich Jalali. „Die haben uns manchmal schon belächelt.“

Mittlerweile fragen die Skeptiker, die das Angebot damals ausschlugen, wie sie denn nun doch ihre Produkte auf Profishop platzieren können. „Das spiegelt uns wider, dass das, was wir machen, richtig ist. Der Markt passt sich an. Das Verständnis und die Bereitschaft der Hersteller hat sich verändert“, sagt Jalali.

Küchentisch gegen Büros tauschen

Vor fünf Jahren sei das noch ganz anders gewesen, erinnert sich Betriebswirtin Hoffmann, da sahen einige Unternehmen noch keine große Notwendigkeit für Onlinelösungen. „Als wir angefangen haben, war das die verbreitete Meinung zum Thema Digitalisierung in unserem Markt. Das ist total interessant, was innerhalb der Zeit passiert ist.“ Größte Hürde sei, den Herstellern klarzumachen, dass kein Produkt zu erklärungsbedürftig für das Netz ist.

Den Küchentisch konnten Anna Hoffmann und Arasch Jalali längst gegen Büros eintauschen. 50.000 Kunden hat ihr Start-up heute. Dazu gehören vor allem kleine und mittlere Unternehmen aus der Industrie, aber auch Handwerker. Auf ihrer Seite www.profishop.de bieten die beiden 300.000 Artikel an. „Vom Toilettenpapier bis zur komplexen Fräsmaschine gibt es bei uns wirklich alles. Wenn es etwas nicht gibt, machen wir uns auf die Suche“, sagt Jalali.

In 48 Stunden werde dann spätestens mit einem Angebot auf Anfragen reagiert. Die seien manchmal überraschend. Jüngst recherchierte das Team nach Sägewerken, denn ein Kunde bat um sehr große Mengen Lerchenholz. „Verkaufst du auch nicht jeden Tag“, sagt Hoffmann und lacht. Nur eins ist all den verschiedenen Produkten, ob Bohrmaschine, Spaten, Aktenvernichter oder Lerche gemeinsam: Profishop sieht sie nie.

Erneut in ein größeres Büro

Im vergangenen Jahr erst sind Hoffmann und Jalali mit ihrem Unternehmen von Regensburg wieder gen Heimat nach Bremen gezogen. Berlin oder Hamburg schwebten den beiden anfangs noch vor. Dort sei es ja bekanntlich leichter für ein Start-up, Risikokapital und neue Mitarbeiter zu gewinnen. Doch Bremen bekam den Zuschlag – wegen der Familie.

Zumindest die Suche nach Personal sei hier dann ihrer Erfahrung nach ebenfalls unproblematisch gewesen, sagt Geschäftsführer Jalali: „Wir haben richtig gute Mitarbeiter gefunden, top ausgebildete junge Leute, die in Bremen gerne bleiben wollen. Wir sind hier total happy.“ Junge Leute – das klingt als zähle Jalali sich selbst nicht mehr dazu.

Dabei sind er und seine Frau erst 32 Jahre alt. Im Team aber sind die beiden damit bereits die Ältesten. Ob sich das bald ändert? Anfang des Jahres geht es für Profishop erneut in ein größeres Büro im Speicher XI in der Überseestadt. Das ist nötig, denn die Belegschaft von zehn Mitarbeitern soll bis Ende 2018 auf mehr als dreißig wachsen.

Unter anderem Namen gestartet

Das Portfolio soll sich in diesem Zeitraum mehr als verdreifachen auf die magische Zahl von eine Million Produkte. Das heißt, dass unzählige Daten und Fotos aufbereitet werden müssen. Das langfristige Ziel für das Start-up ist gesetzt. Jalali: „Wir möchten in Europa in diesem Markt das größte Portfolio haben mit dem breitesten und tiefsten Sortiment.“

Gestartet sind die Gründer noch unter einem anderen Namen: Crowdshop. Doch den haben sie immer wieder buchstabieren und am Telefon erklären müssen, dass nicht das Kraut gemeint ist. Profishop mache eindeutiger klar, worum es geht. Der neue Titel erleichtere auch den Weg ins Ausland.

„Wir wollen einen Namen, der überall funktioniert – und auch von Franzosen oder Niederländern verstanden wird. Die Leute sollen mit dem Namen sofort assoziieren, dass wir Profimaterial liefern.“ Österreich, Frankreich, Großbritannien, die Beneluxländer – dort Profishop einzuführen gehört zu den nächsten Aufgaben.

100 Marken konnte das Ehepaar bis jetzt gewinnen

In Europa sei der Markt insgesamt 135 Milliarden Euro groß. Weil in der Regel jeder schon wisse, was er brauche, gebe es wenige Retouren, anders als im Textilgeschäft. Trotz der Potenziale werde das digitale Business-to-Business-Geschäft in diesem Segment jedoch noch sehr stiefmütterlich behandelt. „Es fahren immer noch Außendienstmitarbeiter mit ihren Katalogen im Kofferraum durch die Gegend“, sagt Hoffmann.

Derzeit seien es nur fünf Prozent der Geschäfte, die online abgewickelt werden. In den nächsten Jahren werde sich das aber massiv verschieben. Darauf soll Profishop vorbereitet sein. 100 Marken konnte das Ehepaar bis jetzt gewinnen. Die Zusammenarbeit mit den Herstellern funktioniere dabei: Haben Kunden doch Nachfragen zum Produkt, werden sie an diese weitergeleitet.

Andersherum sei Profishop für die Hersteller das Ohr am Markt. Denn die Suchanfragen der Kunden verraten zugleich ihre Wünsche. Das seien Vorteile für die Produktentwicklung. Von konkreten Umsatzzahlen wollen die beiden nicht sprechen. Doch so viel: Das monatliche Wachstum liege bei 30 Prozent. Derzeit gehe es um den weiteren Aufbau der Plattform. Die Suche nach weiteren Investoren für die Firma sei noch nicht zu Ende.

Hoffmann und Jalali ergänzen sich

Ambitionierte Ziele, neue Aufgaben – Hoffmann und Jalali wirken gelassen und zugleich gespannt, wenn sie von ihren Plänen erzählen. Und sie scheinen überzeugt zu sein, dass sie die Pläne als Team auch umsetzen. „Wir sind gerne zusammen. Wir können uns gut über einen langen Zeitraum ertragen“, sagt Jalali. „In guten wie in schlechten Zeiten“, sagt seine Frau.

Dabei ergänzen sie sich: Während Hoffmann als CTO alles Technische verantwortet, kümmert Jalali sich um Marketing, Vertrieb und Auftr agsabwicklung. In ihren gemeinsamen Gesprächen ist das Start-up auch außerhalb des Büros oft Thema. „Das macht einfach Spaß. Nur in den Flitterwochen haben wir uns ein Arbeitsverbot erteilt.“ Vor ein paar Wochen haben Anna Hoffmann und Arasch Jalali ihren Küchentisch verschenkt. Vielleicht an die nächsten Bremer Start-up-Gründer.

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