Kölner Karneval

Nordlicht managt rheinischen Frohsinn

Wenn „Moin“ auf „Alaaf“ trifft: Der Bremerhavener Marcel Beyersdorf leitet das Festkomitee des Kölner Karnevals. Uns hat er erzählt, wie es dazu kam.
12.02.2018, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Nordlicht managt rheinischen Frohsinn
Von Florian Schwiegershausen
Nordlicht managt rheinischen Frohsinn

Markenbotschafter für die tollen Tage: Marcel Beyersdorf mit dem Erkennungszeichen des Festkomitees Kölner Karneval.

Florian Schwiegershausen

Wenn an diesem Montag der Kölner Rosenmontagszug an ihm vorbeiläuft, dann hat Marcel Beyersdorf dabei Gänsehaut. Das sei jedes Mal so, wie er sagt – wenn sich alle Zahnräder für den größten Umzug Europas mit einer Million Besucher zusammenfügen. In den vergangenen Tagen ist er wie alle anderen im Festkomitee gefühlt 24 Stunden im Einsatz.

Dabei ist er nicht aus Köln, sondern in Bremerhaven aufgewachsen. Als Nordlicht arbeitet er seit 2008 im Festkomitee Kölner Karneval – seit mehr als sieben Jahren als hauptamtlicher Geschäftsführer der Gemeinnützigen Gesellschaft Kölner Karneval. Das ist eine hundertprozentige Festkomitee-Tochter. Das Festkomitee wurde 1823 gegründet und vertritt die Interessen von mehr als 120 Kölner Karnevalsgesellschaften.

Zu den Aufgaben gehört, die Tradition und Kultur des Karnevals zu pflegen sowie seine kölsche Eigenart und Ursprünglichkeit zu erhalten. Es ist verantwortlich für den Kölner Rosenmontagszug und die Auswahl und Betreuung des Kölner Dreigestirns und Kölner Kinderdreigestirns. Hinzu kommen die Unterstützung der karnevalistischen Jugendarbeit in den Mitgliedsgesellschaften sowie Förderung des Schulkarnevals.

Abitur in Bremerhaven, Studium in Köln

Dass Beyersdorf dort arbeitet, ist einer dieser Zufälle. In Bremerhaven hat er Abitur am Schulzentrum Carl von Ossietzky gemacht. Nach seiner Ausbildung zum Steuerfachangestellten begann er sein BWL-Studium an der Universität zu Köln. So kam er ins Rheinland. „Die Kölner im Studiengang haben uns damals an die Hand genommen, so dass ich im Wintersemester zum ersten Mal in meinem Leben am 11.11. Straßenkarneval gefeiert habe“, erinnert sich der 40-Jährige und ergänzt: „Aber das Schöne ist ja: Der Karneval heißt jeden herzlich willkommen. Jeder kann den Karneval auf seine eigene Art feiern, ob mit Pappnas oder Kostüm."

Zwischendrin unterbrach er sein Studium. Denn 2005, als der Confederations Cup in Deutschland stattfand, und 2006 die Fußball-WM konnte er zunächst als Volunteer, später als „Assistant Volunteer Manager“ Erfahrungen sammeln. Für seine Diplomarbeit untersuchte der eingefleischte Werder-Fan danach, wie zielführend ehrenamtliche Strukturen in zeitlich begrenzten Organisationsformen sein können.

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Und Beyersdorf fragte sich, warum Traditions-Fußballvereine wie zum Beispiel Fortuna Köln in die unteren Liegen abgerutscht sind. So erarbeite er für die Kölner Fortuna ein Sponsoring-Konzept und begleitete das Projekt Deinfussballclub.de, bei dem die Fans auch über die Mannschaftsaufstellung mitentscheiden konnten. Die Fortuna stieg am Ende der Saison von der siebten in die sechste Liga auf und trägt noch heute in der dritten Bundesliga den damals gewonnenen Trikotsponsor.

Plötzlich erhielt Bersdorf über ein soziales Business-Netzwerk eine Nachricht. Es war Markus Ritterbach, jetzt Vizepräsident vom 1. FC Köln und bis 2017 Präsident des Festkomitees. Es wurde 2008 ein Leiter für Marketing und Sponsoring gesucht. Vorher wurde diese Position ehrenamtlich besetzt. Ritterbach wollte die Strukturen professionalisieren, um den Karneval zukunftsfähig zu machen. Und das Festkomitee wollte jemanden haben mit Blick von außen. Beyersdorf bekam den Job und wurde zweieinhalb Jahre später hauptamtlicher Geschäftsführer.

Der Kölner Karneval lebt vom Ehrenamt

Der Bremerhavener wurde von den Rheinländern freundlich aufgenommen, auch wenn er die Strukturen des organisierten Karnevals noch nicht genau kannte. Er sagt: „Markus Ritterbach ist damals als Präsident auch mein Mentor gewesen, von dem ich viel lernen konnte.“ Ritterbach, jetzt sein Nachfolger Christoph Kuckelkorn und der gesamte Vorstand sind ehrenamtlich tätig. Hier sieht Beyersdorf die Herausforderung für die Zukunft: „Der Kölner Karneval lebt von den vielen Menschen, die sich in ihren Vereinen und auch in ihren Stadtteilen ehrenamtlich engagieren. Dabei ist es eine meiner Aufgaben im Hauptamt professionelle Strukturen zu schaffen, die das Ehrenamt leistbar machen und dort zu entlasten, wo es an Grenzen stößt."

So arbeitet das Festkomitee gerade an einer Vereinssoftware, die allen Mitgliedsgesellschaften zur Verfügung gestellt werden soll. Diese Software beinhaltet auch das Ticketing. Denn die Gesellschaften sind es auch, die die Sitzungen veranstalten. Die damit einhergehenden Pflichten und Risiken werden zum überwiegenden Teil durch das Ehrenamt getragen.

Beyersdorf erklärt es mit einem fiktiven Beispiel: „Da ist dann in einer Gesellschaft der „Jupp“, der kümmert sich um den Kartenverkauf. Nur wenn Jupp plötzlich umfällt, hat kein anderer im Verein das Wissen, wer wo was machen muss. So kann der Ausfall einer einzigen Person einen ganzen Verein in Nöte bringen.“ Hierfür braucht es Lösungen, die Wissen und Prozesse schnell zugänglich machen, so dass diese jeder übernehmen kann.

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Das Team von Beyersdorf in der Gemeinnützigen Gesellschaft Kölner Karneval hat 18 hauptamtliche Mitarbeiter, darunter zwei Azubis. Sie kümmern sich auch um die Förderung des Jugendkarnevals, des Nachwuchses, aber auch um die Veranstaltung und die Vermarktung von Sitzungen – die ARD-Fernsehsitzung inklusive, die an diesem Montag um 20.15 Uhr läuft.

In den letzten Tagen wurde in den Medien über die Ausmaße der Feierkultur diskutiert, und wie der Kölner Karneval medial von außen wahrgenommen wird. Dazu bezieht Beyersdorf ähnlich wie Festkomitee-Präsident Kuckelkorn eindeutig Stellung: „Die Leute sollen sich beim Feiern nur so benehmen, wie es sie es auch Zuhause tun würden oder beim besten Freund. Und dem pinkelt man nicht in den Garten.“ Dazu hat das Festkomitee auch eine Kampagne gestartet und zum respektvollen Feiern ohne Wildpinkeln, Vermüllung und grenzenlosem „Saufen“ aufgerufen.

Karneval gibt Gefühl von Heimat

Was Beyersdorf am Job gefällt: „Wir sind hier ein tolles Team, und es macht Spaß, gemeinsam etwas zu entwickeln.“ Gleichzeitig sei der Kölner Karneval eine tolle Marke, als immaterielles Kulturerbe Alleinstellungsmerkmal für ganz Deutschland. Der Karneval gibt jedem das Gefühl von Zugehörigkeit und Heimat. Bands, wie Cat Ballou, Brings, Querbeat und Kasalla mit ihren kölschen Liedern erhalten die „Kölsche Sproch“ und tragen sie über die Grenzen Kölns. „Köln ist nach New York die Stadt, die am meisten besungen wird“, sagt Beyersdorf.

Aber er sieht auch Parallelen zwischen Köln und Bremen: „In beiden Regionen existiert eine große Heimatverbundenheit und eben die eigene Sprache. Die Kölner besingen dazu gern den FC und den Rhein. Die Bremer besingen gern Werder und die Weser. Das sind doch schon mal große Parallelen.“ Zudem sind bei beiden die Stadtfarben rot-weiß. Auch mit dem eher trockenen Bremer Humor könne man durchaus auch die Kölner begeistern.

"In Bremen sagt man Moin"

Und wie kann man einem Kölner die Stadt Bremen schmackhaft machen, angesichts der Diskussion um die „Graue Maus“ Bremen. Dazu Beyersdorf: „Ich bin kein Stadtmarketingexperte – aber mit Sprache kann man auch Emotionen transportieren. Heutzutage wollen die Menschen viel und immer neue Dinge erleben. Ein Slogan sollte nicht nur Leute von außen ansprechen, sondern auch von den Menschen getragen werden, die in einer Stadt leben. Für Bremen könnte der Slogan „In Bremen sagt man Moin“ gut funktionieren.“

Beyersdorf trägt inzwischen zwei Heimaten in seinem Herzen: Köln und Bremerhaven. In den Norden kehrt er immer gern zurück, um seine Eltern und alte Freunde zu besuchen. Doch sein Leben ist nun in Köln verwurzelt. Denn Beyersdorf ist das beste Beispiel, dass man im Kölner Karneval die Frau fürs Leben treffen kann. Die hat er nämlich bei der Arbeit im Festkomitee kennengelernt. Beyersdorfs Fußballerherz wird ewig am SV Werder hängen, auch wenn er als Fussballfan ebenso mit dem 1. FC Köln sympathisiert. Wenn es seine Zeit zulässt, schaut er die Spiele auf Großbildleinwand in der inoffiziellen Kölner Werder-Kneipe „Flotte“ oder auch live im Weserstadion anzufeuern. „Moin“ und „Alaaf“ – für Beyersdorf geht das auch in Zukunft beides zur gleichen Zeit.

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