Made in Bremen Ohne Pino kein Vani

Das Bremer Start-Up Lamela macht Zitronen-Vanille-Likör nach sizilianischem Familienrezept. Für die Gründer ist der Vanicello mehr als nur Likör: Er ist „die erste Bremensie mit Migrationshintergrund“.
24.08.2019, 22:59
Lesedauer: 4 Min
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Ohne Pino kein Vani
Von Imke Wrage

Giuseppe Cervello ist ratlos. Er steht in der Küche, vor ihm ein 50-Liter-Fass mit Reinalkohol, Zitronenschalen und Vanillemark, und überlegt, ob die Sache mit dem Likör eine Schnapsidee war. Das ist zwei Jahre her, trotzdem erinnert sich Cervello noch genau daran. Es ist spät damals, sagt er, der Rücken kneift. Cervello wünscht sich, der fertige Likör möge endlich durch den Filter in die Flasche fließen. Stattdessen quält sich Tropfen für Tropfen durch das Papier. Was Onkel Pino wohl denken würde, fragt sich Cervello, wenn er „seinen Vani“ so sehen könnte?

Es ist ein Tag im August, als Cervello, runder Bauch, Brille, Hemd, in der Markthalle Acht sitzt und diese Geschichte von den Anfängen seines Start-ups erzählt. Vor ihm stehen zwei Flaschen Vani. Das ist die Abkürzung für Vanicello, den Zitronen-Vanille-Likör, den Cervello seit 2017 in Handarbeit herstellt. Damals, sagt er, seien es die schwarzen Stückchen der Bourbon-Vanille gewesen, die beim Filtrieren den ganzen Filter verstopften. Heute könne er über diese Panne lachen. „Erst dadurch habe ich gelernt, dass es einen Unterschied macht, ob man den Likör nur für die Familie oder in großen Mengen für den Vertrieb herstellt."

Onkel Pinos Rezept aus Palermo

Die Geschichte des Vanicello, sie lässt sich nicht ohne die Geschichte von Onkel Pino aus Palermo erzählen. Sein Onkel Pino war ein freundlicher und weiser Mann, sagt Cervello. Einer, der es liebte, nach getaner Arbeit mit seinen Freunden im Schatten der Zitronenbäume zu sitzen, über das Leben zu philosophieren und eine Runde Karten zu spielen. Eines Tages sei Pino beim Anblick der Zitronen auf eine Idee gekommen: Er habe beschlossen, daraus einen eigenen Likör zu machen.

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In Sizilien sei das nicht weiter ungewöhnlich. 96-prozentigen Neutralalkohol bekomme man dort im Supermarkt, sagt Cervello. So als gäbe es eine geheime Übereinkunft, die lautet: Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach sizilianischen Likör daraus. „Was den Deutschen ihre Erdbeermarmelade ist, ist den Sizilianern ihr Likör.“ Wann es dort Anlässe gebe, ein Gläschen zu trinken? Eigentlich immer, sagt Cervello. „Vor dem Essen, nach dem Essen, beim Spielen, auf Familienfeiern.“ Er selbst, gibt er zu, habe mit Alkohol aber gar nicht so viel am Hut.

Immer mehr Fans des Likörs

Cervello, aufgewachsen in Bremerhaven, verbringt viel Zeit im Restaurant des sizilianischen Vaters und der deutschen Mutter. Nach dem Abitur geht er zum Studieren nach Palermo. Bis heute besuche er dort regelmäßig die „famiglia“. Auf dem Rückweg habe er immer ein paar Flaschen von Pinos Likör mitgenommen. Schnell hätte das dann nicht mehr ausgereicht. „Freunde und Bekannte fanden den Likör so lecker, dass er immer sofort weg war“, sagt Cervello. Er beschließt, sich das Rezept des Onkels zu besorgen.

Es mag ein bisschen verrückt klingen, sagt Cervello, aber die Geschichte des Vani, sie funktioniere nicht ohne Pino, aber auch nicht ohne die Flüchtlingswelle 2015. Als damals immer mehr Geflüchtete nach Deutschland gekommen seien, habe er die Nase voll gehabt. „Nicht von den Geflüchteten, sondern von den ganzen Vorurteilen der Deutschen gegen die vermeintlich Fremden.“ Als Halbitaliener mit roten Sommersprossen habe er zeigen wollen, dass viele Menschen in Bremen Migrationshintergrund haben, auch wenn man ihnen das nicht unbedingt ansehe. „Das macht mich nicht weniger zu einem Bremer Jung“.

Bremensie mit Migrationshintergrund

Auch deshalb, sagt Giuseppe Cervello, habe er "die Sache mit dem Vanicello" 2017 gestartet: „Ich hatte das Bedürfnis, eine kulturelle Brücke zu bauen. Ich wollte ein Stück aus meiner alten in meine neue Heimat mitnehmen." Seine Botschaft will er auf die beschwipste Art verbreiten, sozusagen als „Message in a Bottle“, also Flaschenpost. Seinen Likör nennt er deshalb auch „die erste Bremensie mit Migrationshintergrund“. Auf das Etikett des Vanicello druckt er die sizilianische Flagge neben die der Hansestadt.

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Um den Vanicello herzustellen und zu verkaufen, gründet Cervello vor zwei Jahren zusammen mit einem Partner eine Firma. Sie nennen sie Lamela, das ist italienisch und heißt Apfel. „Weil Isaac Newton einst ein Apfel auf den Kopf fiel und so einen Geistesblitz bei ihm auslöste.“ Dem Likör geben sie den Namen Vanicello – eine Kombination aus „Vani“ für Vanille und „Cello“ in Anlehnung an den Limoncello, ein in Italien beliebter, knallgelber, trüber Zitronenschnaps.

Das Familienrezept wandelt Cervello leicht ab. „Pino hat mehr nach Gefühl gearbeitet. Mir war klar, dass wir die Herstellung standardisieren müssen." Das, sagt er, habe den Produktionsprozess vereinfacht. Nur so komme am Ende immer der gleiche Vanicello raus. Was darin neben Zitronenschale und Vanille enthalten ist, will Cervello nicht verraten. "Geheimrezept der famiglia."

Herstellung im Keller der Markthalle Acht

Für die Herstellung mietet er die Küche im Keller der Markthalle Acht. Den Likör zu machen, sei „mit ein bisschen Übung“ gar nicht so schwer. Für den Ansatz nimmt er ein Edelstahlfass, füllt es mit den Zutaten. Dann heißt es warten, Tage, Wochen. Dieser Prozess nennt sich Mazeration. Im Anschluss werde das Gemisch filtriert. Heraus kommt „eine ausbalancierte Mischung aus Vanille, Zitrone und Karamell – fruchtig, aber nicht sauer“. Für das Fruchtfleisch habe Cervello keine Verwendung. Er schenkt es zwei Konditorinnen, die daraus Zitronencremetorte machen.

Die erste Flasche, erinnert sich Cervello, verkauft er an das Feinkosthaus Scharringhausen in Vegesack. „Das war ein bedeutsamer Startschuss. Mir wurde bewusst: Wenn die das mögen und den Kunden anbieten, dann kann das Produkt ja nicht so schlecht sein.“ Mittlerweile haben viele weitere Händler den Vanicello ins Sortiment aufgenommen. Spätestens jetzt hat Giuseppe Cervello keine Zweifel mehr: Der Likör war ganz sicher keine Schnapsidee.

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