Blohm + Voss statt Lürssen Taktieren um die neuen Kampfschiffe

Eigentlich ist die Bremer Werft Lürssen bei dem Bieterrennen um die milliardenschweren Mehrzweckkampfschiffe aus dem Rennen. Warum aber die Lürssen-Tochter Blohm + Voss in Hamburg gute Chancen hat.
04.04.2018, 05:25
Lesedauer: 4 Min
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Taktieren um die neuen Kampfschiffe
Von Florian Schwiegershausen

Es ist das größte absehbare deutsche Milliardenprojekt im Marineschiffbau für die kommenden Jahrzehnte. Gemeint ist das Mehrzweckkampfschiff 180, kurz MKS 180. Vier Schiffe sollen voraussichtlich 3,5 Milliarden Euro kosten. Außerdem gibt es die Option für zwei weitere Schiffe. Das Besondere im Gegensatz zu dem Korvettenauftrag vom vergangenen Jahr: Für diese Schiffe hat das Bundesverteidigungsministerium den Auftrag EU-weit ausgeschrieben. Unternehmen aus der gesamten EU konnten also ein Angebot abgeben. Auch die Bremer Lürssen Werft hatte zusammen mit ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) ein Angebot abgegeben.

Vor einigen Wochen kam dann die Nachricht, dass Lürssen und TKMS leer ausgehen werden. Das Konsortium bestätigte damals selbst, dass es aus dem Bieterverfahren ausgeschlossen ist. Das zuständige Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr in Koblenz hatte das Angebot laut "FAZ" als zu teuer und technisch unzulänglich eingestuft.

Umso mehr verwunderte am Dienstag die Nachricht in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", dass die Hamburger Werft Blohm + Voss gute Chancen hätte, die Schiffe der neuesten Fregatten-Generation zu bauen. Das bedeutet, dass Lürssen indirekt doch am Bau beteiligt wäre, denn seit Ende 2016 gehört die Hamburger Traditionswerft den Bremern.

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Blohm + Voss ist noch im Rennen bei diesem Milliardenauftrag zusammen mit der niederländischen Damen Werftgruppe, die etwa 50 Kilometer östlich von Rotterdam ihren Hauptsitz hat. Die Schiffe sollen dann auf alle Fälle in Hamburg gebaut werden. Hamburg first, also Hamburg zuerst, oder wie ist das zu erklären? Aus dem Umfeld von Lürssen ist dazu folgende Erklärung zu hören: "Das erste Angebot für diesen Auftrag gab Blohm + Voss ab, als es noch nicht mit zu Lürssen gehörte. Nach der Übernahme wurde hier eine "chinese wall", also "eine chinesische Mauer", vereinbart."

Es wurde bei diesem Auftrag also eine Mauer zwischen Hamburg und Bremen gezogen, damit der eine nichts vom anderen erfährt. Sollte Blohm + Voss zum Zuge kommen, würde es so laufen: Damen plant die Schiffe, gebaut werden sie in Hamburg. Nach Angaben der niederländischen Werft würden damit 70 Prozent der Wertschöpfungskette in Deutschland bleiben.

Ob und inwiefern dabei auch Teilaufträge an andere Werften gehen, beispielsweise an den Blohm + Voss Mutterkonzern Lürssen, wollte Damen-Geschäftsführer Hein van Ameijden noch nicht sagen. In der "Welt" sagte er, dass das auch davon abhänge, was denn seitens des Bundesverteidigungsministeriums konkret gewünscht ist von der Ausstattung her.

Taktieren ist nicht gerne gesehen

Auch die Werftengruppe "German Naval Yards" (GNY) mit Hauptsitz in Kiel ist noch im Bieterrennen. Das Unternehmen mit seinen gut 1000 Mitarbeitern gehört mehrheitlich zur französisch-libanesischen Safa-Gruppe. Laut Medienberichten werden GNY nur geringe Chancen eingeräumt. Damen-Geschäftsführer van Ameijden und Blohm+Voss-Geschäftsführer Dieter Dehlke schickten wiederum einen Brief an alle Bundestagsabgeordneten, die Mitglied sind im Verteidigungsausschuss und im Haushaltsausschuss.

Der Brief soll für die Variante Damen/Blohm + Voss werben. Gerade der Haushaltsausschuss gilt als äußerst einflussreich. Über den Brief ist man in Schleswig-Holsteins Staatskanzlei wiederum nicht erfreut. Dort wünscht man sich den Zuschlag für GNY, um Jobs im eigenen Bundesland zu sichern. Da ist ein solches Taktieren nicht gern gesehen.

Im Falle des Zuschlags an GNY läge die Wertschöpfungskette für Deutschland wesentlich höher als bei 70 Prozent, wie zu hören ist. Wer dazu beitragen soll, ist der neue GNY-Geschäftsführer Jörg Herwig, der in knapp zwei Wochen seinen neuen Job antritt. Der 50-Jährige kommt von TKMS und betreute dort Projekte im Überwasserschiffbau und im U-Boot-Bau.

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Bei der Bauvergabe über fünf Korvetten im vergangenen Jahr wurde GNY auf den letzten Drücker am Projekt beteiligt. 15 Prozent vom Auftrag sollen nach Kiel gehen, hieß es damals. Zuvor hatte GNY Beschwerde beim Bundeskartellamt eingelegt. Denn bei diesem Auftrag gab es keine EU-weite Ausschreibung. Laut EU-Recht ist das bei Rüstungsgütern, zu denen auch Kampfschiffe gehören, nicht notwendig. Gleichzeitig haben CDU, CSU und SPD aber in ihren Koalitionsvertrag geschrieben, dass der Überwasserschiffbau als Schlüsseltechnologie eingestuft wird.

TKMS-Standort Emden in Gefahr

Darauf beruft sich wiederum die IG Metall Küste. Sie sieht Werftenjobs in ganz Norddeutschland in Gefahr, speziell beim TKMS-Standort in Emden, der Heimat des IG-Metall-Küste-Bezirksleiters Meinhard Geiken. Dieser Standort hätte von den neuen Kampfschiffen profitiert. Entsprechend ist hier die Zukunft für die mehr als 200 Mitarbeiter nach dem Jahr 2020 ungewiss.

Ob TKMS nach dem verlorenen Auftrag langfristig Teile des Überwasserschiffbaus schließt, ist noch ungewiss. Davon könnte allerdings wiederum Lürssen zusammen mit Blohm + Voss profitieren. Voraussichtlich zum Jahresende wird feststehen, wer die Mehrzweckkampfschiffe bauen wird. Bis dahin wird in Berlin noch ordentlich taktiert und Lobbyismus betrieben. Denn das laufende Bieterverfahren ist nicht in Stein gemeißelt.

Es könnte noch durch eine Entscheidung des Bundestags ausgesetzt werden mit Verweis auf den Koalitionsvertrag. Zu dem, was dazu in der Hauptstadt in den kommenden Monaten noch an Gesprächen laufen wird, sagte ein Experte aus dem Umfeld dort, der nicht genannt werden möchte: "Es werden alle schon irgendwie am Kuchen beteiligt. In der Phase jetzt geht es aber darum, das jeder das größte Stück haben möchte."

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