Arbeitnehmerkammer warnt vor Schieflage Trend zum Zweitjob hält in Bremen an

Der Trend scheint unaufhaltsam zu sein: Immer mehr Menschen im Land Bremen gehen parallel zu ihrer Hauptbeschäftigung einem Nebenjob als geringfügig Beschäftigte nach.
15.08.2017, 22:35
Lesedauer: 3 Min
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Von Frank Hethey

Die aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit weisen für Dezember 2016 insgesamt 24.520 nebenberufliche Minijobber im Land Bremen aus. Ein deutlicher Anstieg seit der Reform von 2003, als nur knapp 9800 gezählt wurden. Von einer „gigantischen Steigerung“ spricht Regine Geraedts, Referentin für Arbeitsmarktpolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. „Die Zahlen sind extrem angestiegen.“

Zu tun hat das allerdings nicht mit den ausschließlich geringfügig Beschäftigten, deren Zahl auf hohem Niveau stagniert. Sondern mit den Minijobbern im Nebenjob. Nebenberuflich eine Schippe draufzulegen, sei „natürlich attraktiv“, sagt Geraedts. Der Gesetzgeber habe nun einmal die Möglichkeit geschaffen, sich steuerfrei und ohne eigene Sozialversicherungsabgaben noch etwas hinzuzuverdienen. „Und man sieht an den steigenden Zahlen: Es hat offensichtlich funktioniert.“

Einer der nebenberuflichen Minijobber ist Sascha Winkelmann. Der 47-Jährige ist bei der Bego Goldschlägerei angestellt, einem Bremer Traditionsunternehmen, das Zahnärzte und Zahntechniker mit dentalem Zubehör beliefert. Ein Vollzeitjob, 40 Stunden pro Woche arbeitet Winkelmann in der Lager- und Versandabteilung. Und doch ist das nicht alles, jedes Wochenende steht er auch noch an der Kasse einer Tankstelle seinen Mann. Mal samstags oder sonntags, mal zwei komplette Wochenenden im Monat. „Auf jeden Fall immer eine Achtstunden-Schicht“, sagt Winkelmann. Das bringt ihm zusätzlich zum regulären Einkommen zwischen 250 und 450 Euro ein.

Lieber Mehrarbeit als Bankkredit

Von einem Alarmzeichen will Geraedts indes nicht sprechen. Die Arbeitsmarkt­expertin warnt vor Panikmache, eine differenzierte Sichtweise sei erforderlich. Entscheidend sei immer die individuelle Konstellation. Es gebe Fälle, bei denen es um die Finanzierung eines zweiten Urlaubs oder einer besonderen Anschaffung gehe. Aber auch solche, bei denen jemand mit niedrigem Lohn oder eine Familie auf das Zusatzeinkommen angewiesen sei. „Es gibt eben nicht den Prototypen eines Nebenjobbers, der sonst am Hungertuch nagen würde.“

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Bei Winkelmann haben veränderte Lebensumstände ihre Spuren hinterlassen. Innerhalb von sechs Jahren sei er viermal umgezogen, sagt der 47-Jährige. Zweimal habe er wieder bei Null anfangen müssen. „Da waren irgendwann die gesamten ­Ersparnisse aufgebraucht.“ Zwar ging es für ihn nicht um seine Existenz. Wohl aber darum, seinen bisherigen Lebensstandard zu halten. Einen Bankkredit wollte er nicht aufnehmen. Es widerstrebt ihm, Zinsen zu zahlen – für ihn eine vermeidbare Geldausgabe. „Dann lieber ein bisschen Mehrarbeit.“

Winkelmann gehört zu den 25- bis unter 65-Jährigen, die den überwältigenden Hauptanteil der nebenberuflichen Minijobber stellen. Im Dezember 2016 fielen 17.600 der 24.520 nebenberuflichen Minijobber im Land Bremen in diese Kategorie, ein Anteil von 71,8 Prozent. Dazu Geraedts: „Wir wissen durch unsere Einkommensanalysen, dass es leider auch in Bremen einen ausgedehnten Niedriglohnbereich gibt.“ Das schlage auf die Fulltime-Jobber durch: „Von den Beschäftigten in Vollzeit ist jeder fünfte betroffen. Da liegt es nahe, sich noch einen Nebenjob zu suchen.“

Arbeitnehmerkammer warnt vor Schieflage

Dass ausgerechnet die nebenberuflichen Minijobber so zahlreich auf den Arbeitsmarkt drängen, sieht die Arbeitnehmerkammer gleichwohl als problematisch an. Denn: „So wird der Sozialversicherung nicht nur Geld entzogen“, sagt Geraedts. „Diese Entwicklung führt auch zur Ungleichbehandlung von denen, die bei Überstunden regulär ihre Steuern und Abgaben leisten. Dadurch entsteht eine Schieflage in unserem System.“ Einfach Überstunden zu machen, ist für Winkelmann allerdings keine Option. Zwar könnte er sich darauf einlassen, würde sie aber nicht bezahlt bekommen. „Bei uns gibt es eine Gleitzeitregelung“, sagt er. Soll heißen: Bei Überstunden kann man nur später kommen oder früher gehen, aber nicht auf eine Auszahlung hoffen.

Für Tobias Peters, Referent für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer, ist der Minijob in seiner gegenwärtigen Form reformbedürftig. Als Brücke in den ersten Arbeitsmarkt habe der Minijob nur höchst selten getaugt, schreibt er in einer jüngst publizierten Studie über die fiskalischen Kosten des Minijobs. Sein Eindruck: „Generell werden die Kosten sozialisiert und in die Zukunft verlagert.“

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