Einzelhändler vor erheblichem Mehraufwand

Senkung der Mehrwertsteuer setzt den Handel unter Zeitdruck

Viele Händler hat die Senkung der Mehrwertsteuer kalt erwischt. Wie sollen sie das in den drei Wochen bis zum 1. Juli umsetzen? Geschäfte wie der Bremer Weinhandel Kalbhenn wollen es pragmatisch angehen.
10.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Senkung der Mehrwertsteuer setzt den Handel unter Zeitdruck
Von Florian Schwiegershausen
Senkung der Mehrwertsteuer setzt den Handel unter Zeitdruck

Ab dem 1. Juli sinkt die Mehrwertsteuer für sechs Monate von 19 auf 16 Prozent.

Oliver Berg //dpa

Auf die Einzelhändler kommt durch die Senkung der Mehrwertsteuer erheblich mehr Arbeit zu. Wenn zum 1. Juli die Steuer von 19 auf 16 Prozent sinken soll und der ermäßigte Satz von sieben auf fünf Prozent, müssten die Geschäfte die Ware entsprechend neu etikettieren. Mark Alexander Krack, Hauptgeschäftsführer vom Einzelhandelsverband Niedersachsen-Bremen, sagte dem WESER-KURIER: „Darauf waren die wenigsten gefasst, dass das Konjunkturpaket auch Änderungen bei der Umsatzsteuer bringen wird. Zum Beispiel ist die Textilware längst im Container auf dem Weg hierher und wurde bereits vor dem Transport mit Preisschildern versehen.“

Wenn die Ware im Geschäft ankommt, würde es für den Einzelhändler entsprechenden Aufwand bedeuten, jedes Kleidungsstück neu auszuzeichnen. „Wir sind über unseren Bundesverband im Gespräch mit dem Bundesfinanzministerium, um entsprechende Vorkehrungen treffen zu können“, ergänzt Krack. Eine Möglichkeit: Der Händler reduziert die Ware beim Bezahlen um drei Prozent. „Das bedeutet aber eine Kassenumstellung, die Gerätehersteller müssen das umprogrammieren“, gibt Krack zu Bedenken. Sollte das den Einsatz von Technikern vor Ort erfordern, könnte es eng werden in den drei Wochen, die den Händlern bis zum 1. Juli bleiben.

Lesen Sie auch

Müsste der Bremer Weinhändler Tim Kalbhenn in seinen Geschäften in der Bremer Innenstadt und in Arsten alle Flaschen neu auszeichnen, bräuchte er dafür Nachtschichten, mutmaßt er. Klar ist für ihn: „Wir werden an den Regalen keine Preise verändern, wir werden aber den Nachlass an die Kunden weitergeben.“ Das macht er, indem man dem Kunden beim Zahlen drei Prozent von der Summe abzieht. „Eigentlich muss man das ja von der Nettosumme berechnen, aber das machen wir nicht“, erklärt der Händler.

„Das wäre für uns zu viel Aufwand für das halbe Jahr.“ Komplizierter werde sei es bei den Einkaufsgutscheinen, die vor Juli mit 19 Prozent Mehrwertsteuer verkauft wurden. Das eindeutig zu bewerten, sei die Aufgabe für Kalbhenns Steuerberater. Der Weinhändler selbst will positive Signale setzen: „Erst recht für alle unsere Stammkunden in der Gastronomie, die sehr gelitten haben in den letzten Monaten.“

Auch große Handelsketten wollen Vorteil an Kunden weitergeben

Nicht nur kleinere Einzelhändler entscheiden sich, den Steuervorteil an die Kunden weiterzugeben. Große Handelsketten wie Lidl und Kaufland, Rewe, Aldi und auch Edeka haben angekündigt, so zu verfahren. „Für uns ist es selbstverständlich, die steuerlichen Vorteile in Form von günstigeren Preisen an unsere Kunden weiterzugeben“, sagt Edeka-Chef Markus Mosa der „Wirtschaftswoche“.

Beim Eiscafé Ferrari im Bremer Viertel wird die Kugel Eis auf die Hand ab Juli nicht etwa 98 Cent kosten. Marco Ferrari sagt: „Zum Saisonauftakt im Frühjahr hätten wir den Preis für die Kugel Eis wegen unserer allgemeinen Kosten eigentlich hochsetzen müssen. Angesichts dessen, dass aber so viele Menschen in Kurzarbeit sind und nur 60 oder 67 Prozent ihres Nettogehalts bekommen, haben wir den Preis bei einem Euro belassen.“

Lesen Sie auch

Die Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen, Annabel Oelmann, befürwortet pragmatische Lösungen: „Wir hoffen natürlich auf die fairen Unternehmen, dass sie dies im Rahmen einer Preissenkung an die Kunden weitergeben werden.“ Wenn sie das nicht machen, bereichern sie sich laut Oelmann an einer für die Kunden „sinnvollen Maßnahme“.

Die Vorständin zeigt dennoch Verständnis für einige Betriebe, die die Ersparnis nicht weitergeben: „Wir dürfen nicht vergessen, wie viele Unternehmen gerade um ihre Existenz kämpfen.“ Kunden rät sie: „Bei größeren Anschaffungen, wo drei Prozent einen Unterschied machen, sollte der Verbraucher sich nicht zum Kauf verleiten lassen. Er sollte vorher genau überlegen, ob die Anschaffung wirklich Sinn macht.“ Die Verbraucherzentrale wolle mit gutem Beispiel vorangehen, und die Preise für ihre kostenpflichtigen Beratungen entsprechend senken.

Zweifel an Wirkung der Senkung

Die Steuersenkung stößt auch auf Kritik: Drogerieunternehmer Raoul Roßmann erwartet keinen wirklichen Impuls. Dem „Handelsblatt“ sagte er: „Die drei Prozentpunkte locken keine zusätzlichen Kunden in die Stadt.“ Für einen wirklichen Effekt fordert er, die Mehrwertsteuer um fünf bis zehn Prozentpunkte zu senken: „Aber nur für die wirklich betroffenen Branchen. Der Onlinehandel müsste dabei generell ausgeklammert werden.“ In der Politik herrsche doch Konsens, dass die Förderung der Innenstädte wichtig ist, wundert er sich. „Dann muss die Hilfe aber auch genau da ansetzen.“

Reiner Holznagel, Präsident vom Bund der Steuerzahler, hätte die Steuersenkung zu einem späteren Termin für sinnvoller gehalten – „zwecks Vorbereitung“. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil erwartet einen Kampf um die attraktivsten Preise. Er schließt weitere Konjunkturimpulse nicht aus und sagte der „Rheinischen Post“: „In unsicheren Zeiten sollten wir Schritt für Schritt gehen.“ Mark Alexander Krack vom Handelsverband Niedersachsen-Bremen hat er auf seiner Seite: „Die Senkung der Mehrwertsteuer macht zusammen mit den anderen Plänen aus dem Konjunkturpaket absolut Sinn.“

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+