Digitalradio DAB+ Wenn das Rauschen verstummt

Der digitale Radiomarkt kommt langsam in Schwung: Auch in Bremen sind nun mehr Sender über DAB+ empfangbar. Was bedeutet das für Verbraucher?
28.06.2018, 05:22
Lesedauer: 5 Min
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Wenn das Rauschen verstummt
Von Jonas Mielke

Das Rauschen soll verschwinden. Die Digitalisierung nimmt dem Radio den knisternden Charme vergangener Tage – dafür bieten digitale Sender nicht nur eine höhere Übertragungsqualität, sondern auch mehr Programmauswahl. Doch ob Internetradio oder DAB+: Die meisten Menschen hören ihr Lieblingsprogramm immer noch über den analogen UKW-Funk.

Der Schritt in das digitale Zeitalter fällt dem Radio schwer. Die digitale Verbreitungstechnologie DAB (Digital Audio Broadcasting) wurde bereits in den 1990er-Jahren als Nachfolger der analogen UKW-Übertragung auserkoren. Die optimistische Prognose damals: Bis zum Jahr 2015 sollte der UKW-Funk abgeschaltet werden. Doch im Jahr 2009 stand das Projekt kurz vor dem aus, die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) erteilte dem DAB-Projekt eine vernichtende Diagnose: kein wirtschaftlich tragfähiges Konzept. Auch die privaten Hörfunkanbieter zogen sich zurück.

Die Wiederbelebung erfolgte im Sommer 2011. Mit der effizienteren Technologie DAB+ startete das erste bundesweite digitale Programmbündel mit den öffentlich-rechtlichen Sendern des Deutschlandfunks und privaten Radiostationen. Sie konnten gemeinsam mit dem Netzbetreiber Media Broadcast die KEF dazu bewegen, das benötigte Geld doch noch zur Verfügung zu stellen. „Bei DAB+ wurde im Vergleich zu DAB die Datenrate nahezu verdoppelt“, sagt Tilman Lang, Leiter Planung, Technik und Forschung bei der Landesmedienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein. „Dadurch wurde die Sache deutlich wirtschaftlicher.“

Mehr digitale Sender

Seitdem kommt der digitale Radiomarkt in Deutschland langsam in Schwung: Laut dem Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten hatten im Jahr 2017 immerhin 15,7 Prozent der Deutschen über 14 Jahren Zugang zu einem DAB+-Gerät – 2013 waren es lediglich 4,8 Prozent. Auch die Verkaufszahlen von DAB+-Empfängern steigen laut der Gesellschaft zur Förderung der Unterhaltungselektronik: 1,3 Millionen Empfänger wurden 2017 verkauft, so der Home Electronics Market Index (Hemix). 11,1 Prozent mehr, als im Vorjahr.

Insgesamt gebe es etwa zehn Millionen DAB+-Empfänger in Deutschland, laut der Gemeinschaftsinitiative des Vereins Digitalradio Deutschland, bestehend aus ARD, Deutschlandradio, privaten Radioveranstaltern, Geräteherstellern und Netzbetreibern. Demgegenüber stehen mehr als das Zehnfache an UKW-Empfängern: Etwa 140 Millionen analoge Radioempfänger gebe es in Deutschland, so der Digitalisierungsbericht 2016 der Landesmedienanstalten.

Das digitale Sendeangebot wächst: Neben dem bundesweiten digitalen Programmbündel sind vermehrt auch regionale Radiosender digital über DAB+ empfangbar. Seit neuestem auch in Bremen. Zusätzlich zu den öffentlich-rechtlichen Programmen empfangen die Bremer über DAB+ nun auch die privaten Radiosender Energy Bremen, Radio Nordseewelle, Radio B2, Radio ffn und Radio Roland.

Man könne sich eine DAB+-Übertragung vorstellen wie einen Zopf, sagt Experte Lang. Die einzelnen Radioprogramme werden erst gebündelt, versendet und dann wieder aufgedröselt. Der technische Begriff für die Programmbündel ist Multiplex, oder kurz: Mux. Im DAB+-Bundesmux werden Sender in ganz Deutschland gesendet, dazu gibt es die verschiedenen Regionalmuxe, die jeweils verschiedene Sender enthalten.

Besonders für kleinere private Sender sei DAB+ ein echter Vorteil: „Sender, die nur eine kleine oder schwache UKW-Frequenz haben, sind mit DAB+ wesentlich besser bedient“, sagt Technik-Experte Lang, der auch als technischer Referent für die Bremer Landesmedienanstalt arbeitet. Er sagt, dass durch die digitale Technologie auch die Kosten für die Radiosender sinken: „Ein DAB+-Sendekanal kann bis zu 16 Radioprogramme senden“, sagt Lang. „DAB+ ist unter dem Strich immer günstiger für das einzelne Programm als UKW.“

Dazu gebe es mittelfristig deutlich mehr Programmkapazität als bei der Verbreitung per UKW, sagt Lang. Dort seien die Frequenzen belegt, neue Sender fänden kaum einen Platz. „Mit DAB+ sind rein technisch zwischen 60 und 90 Radio-Sender überall in Deutschland möglich.“

Doch es gibt auch Kritik an DAB+, etwa von Volker Müller, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen. Er äußerte sich im Mai per Pressemitteilung: „Wir reden von Digitalisierung, Breitbandausbau und sehen den 5G-Standard in greifbarer Nähe. Warum sollen jetzt Millionen in eine Technologie investiert werden, die morgen schon wieder überholt ist?“, ließ Müller verlauten. „Wir müssen aufhören über eine Technologie zu diskutieren, die schon jetzt nicht mehr zeitgemäß ist. Die Zukunft gehört dem flächendeckenden schnellen Internet und damit dem Internetradio und nicht DAB+.“

Tilman Lang sieht das anders. „Das aktuelle LTE-Netz ist nicht im Ansatz flächendeckend, es gibt ein extremes Stadt-Land-Gefälle“, sagt er. Wer Radiosender über das Internet hört, zahle für jede Sekunde – mit seinem Datenvolumen. „Das ist nur sinnvoll, wenn man eine echte Flatrate hat“, sagt Lang.

Der Verein Digitalradio Deutschland führt die Unabhängigkeit der DAB+-Sendetechnologie vom Internet generell als Vorteil ins Feld. Er argumentiert auf seiner Internetseite: „DAB+ kann dabei von beliebig vielen Endgeräten, zur gleichen Zeit und ohne Qualitätsverlust empfangen werden. Sendemasten im Mobilfunk hingegen haben natürliche Kapazitätsgrenzen.“

Doch egal, ob Internet oder DAB+, mittel- bis langfristig wird die analoge UKW-Übertragung in Deutschland wohl stillgelegt werden – in Norwegen ist das bereits geschehen, auch die Schweiz plant, vollständig umzusteigen auf die digitale Verbreitungstechnologie. Was bedeutet das für Verbraucher?

"DAB+ setzt sich als Radio der Zukunft nur langsam durch", vermeldet die Verbraucherzentrale auf ihrer Internetseite. "Aber beim Autokauf oder wenn ein neues Gerät in die Wohnung soll, lohnt der Wechsel auf die neue Technologie". Grund zur Eile gebe es aber nicht, so die Verbraucherschützer. "Für die Abschaltung von UKW in Deutschland gibt es nicht einmal einen Termin."

Stabile Gerätepreise

Die Auswahl an Digitalradios für Zuhause ist groß: Von kleinen Geräten ab etwa 20 Euro für Bad oder Küche bis zu mehreren Tausend Euro für professionelle Wohnzimmer-Anlagen mit digitalem Empfang gebe es alles, sagt Joachim Horn. Er ist Geschäftsführer vom Bremer Fernsehmeister Peter Horn, wo auch Radios in allen Preisklassen vertrieben werden.

"Jeder hört anders Radio", sagt Horn. Deswegen könne man schwer eine pauschale Kaufempfehlung geben. Man könne seine vorhandene Anlage aufrüsten, für etwa 150 Euro gebe es schon Adapter, mit dem die Anlage Radio über das Internet oder DAB+ empfangen könne. Generell gebe es viele Hybrid-Modelle auf dem Markt, Radios die über eine Wlan-Verbindung Internetsender empfangen und auch DAB+-fähig sind. "Es macht auch für die Hersteller kaum Sinn, nur auf Internet oder DAB+ zu setzten", sagt Horn.

Sein Ratschlag: Wer gute Qualität möchte, sollte auch etwas Geld in die Hand nehmen. "Kunden denken häufig, man bezahle viel für Markennamen", sagt Horn. "Das stimmt aber nicht." Das Geld stecke in der Qualität des Empfängers, des Lautsprechers und des Gehäuses – alles beeinflusse die Sound-Qualität.

Wer für ein neues Gerät etwa 200-300 Euro ausgeben möchte, dem empfiehlt Horn im kommenden August und September auf spezielle Angebote zu achten. Denn dann naht die Funk- und Fernsehausstellung IFA. "Manche Hersteller haben dann Sondermodelle, die preislich sehr attraktiv sind", sagt Horn.

Er beobachtet, dass die Preise für Digitalradios seit etwa zwei Jahren relativ konstant seien, davor sei die Technik noch etwas teurerer gewesen. "Bei guter Qualität kommt man unter einen gewissen Preis nicht drunter", sagt Horn. Günstigere Digitalradios, die dazu kämen, seien dann auch qualitativ abgespeckt.

Generell rät er Kunden, das DAB+-Radio vor dem Kauf in der eigenen Wohnung auszuprobieren. Zwar könne man im Internet überprüfen, ob man im Empfangsgebiet liegt, doch manchmal könne es trotzdem schwierig sein. Denn: "Bei DAB+ habe ich entweder vollen Empfang oder gar kein Signal", sagt Horn. Anders als beim UKW-Radio gebe es kein Rauschen oder Knistern, wenn der Empfang zu schlecht ist, verstummt das Radio – oder schaltet bei vielen Geräten auf UKW-Empfang um.

So bleibt zumindest gelegentlich noch ein wenig vom Rauschen des Radios – bis es dann irgendwann wohl ganz verschwinden wird.

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