E-Mobilität Wie die Post mit den Autokonzernen konkurriert

Sie hat eine Nische gefunden, die Deutsche Post. Wenn Mercedes 2018 den ersten elektrischen Transporter produzieren will, wird die Post schon 10.000 Streetscooter auf die Straße geschickt haben.
29.05.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie die Post mit den Autokonzernen konkurriert
Von Katharina Elsner

Sie hat eine Nische gefunden, die Deutsche Post. Wenn Mercedes 2018 den ersten elektrischen Transporter produzieren will, wird die Post schon 10.000 Streetscooter auf die Straße geschickt haben.

Auch Volkswagen will erst Ende des Jahres die ersten Transporter, ihre E-Crafter, in Kundenhände geben. Da taucht die Frage auf: Wenn die Post jetzt Autos und Transporter produziert und damit schon die ersten Großkunden versorgt – haben die deutschen Autokonzerne es verschlafen, diese Nische zu besetzen?

Weert Canzler sagt eindeutig „ja“. „Mercedes steht dem Elektroantrieb immer noch skeptisch gegenüber.“ Canzler ist Sozialwissenschaftler, forscht zu Verkehr und Mobilität am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Er sagt, viele Ingenieure sehen in der Elektromobilität einen Rückschritt, weil die Technik relativ simpel und schon ausgereift sei. Der Verbrenner dagegen sei etwas Hochgezüchtetes, eine Maschine, an der tausend Nuancen der Entwicklung hängten. „Jahrzehntelang war der Verbrennungsmotor erfolgreich. Mit dem Umschwung auf eine Batterie würde das alles entwertet werden.“

Mercedes habe unterschätzt, dass kleine Unternehmen wie das Post-Start-up Streetscooter relativ schnell Autos produzieren können. Es produziert in Aachen momentan 25 bis 30 Autos pro Tag (siehe Interview unten), ein zweites Werk ist im Aufbau. Das ist kein Vergleich zur Massenproduktion in den Mercedes-Werken, die 2016 in sechs Werken gut 360 000 Transporter vom Band rollen ließen. Rechnet man das herunter, stellt Mercedes mehr als 900 Sprinter oder Vito pro Tag im Jahr her. Dafür laufe die Entwicklungsphase bei Streetscooter deutlich schneller, sagt Achim Kampker, Geschäftsführer von Streetscooter.

Erster externer Großauftrag für die Post

Christian Geier findet zwar auch, dass Mercedes verschlafen habe, dass das aber nichts mache, weil sie aufholen würden. Insbesondere Mercedes sei ehrgeizig. Geier spricht für den Verein Automotive Nordwest, ein Netzwerk, das Unternehmen der Automobilbranche in der Region verbindet und vertritt, also auch Mercedes in Bremen. Geier führt als Beispiel des VW Touran und Tiguan an, den sportlichen Geländewagen. Mit denen sei VW spät auf den Markt gekommen, trotzdem werde der Konzern immer wieder Marktführer.

Außerdem, sagt Geier, brauche es kleine, innovative Unternehmen. Das funktioniere in anderen Branchen ähnlich. Nur: Die Deutsche Post, die Streetscooter im Jahr 2014 gekauft hat, ist kein kleines, sondern eines der 30 Dax-Unternehmen Deutschlands. Ob Streetscooter schon Gewinn erzielt, ist unklar. Gerade hat die Post verkündet, dass sie den ersten externen Großauftrag vergeben habe: Die Deutsche See erhalte mehr als 80 E-Lieferwagen.

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Ansonsten hält sich die Post zurück, was Zahlen angeht. Aus dem Abschlussbericht 2016 lässt sich nur ablesen, dass die Post Eigenkapital von mehr als sieben Millionen Euro in das Unternehmen steckte. Mobilitätsexperte Canzler, sagt, dass die Produktionszahlen der E-Wagen weltweit noch nicht so groß seien, dass die Hersteller damit Gewinn machten.

43 Prozent der E-Autos kommen aus China

Mercedes dagegen blickt in seinem Geschäftsbericht auf die Wachstumszahlen der Vans und Transporter, das Unternehmen spricht von einem neuen Absatzrekord. Auch der Umsatz legte um zwölf Prozent auf 12,8 Milliarden Euro zu – bisher mit Transportern mit Verbrennungsmotoren. Ob Mercedes diese Ziele auch für E-Transporter anpeilt, dazu äußern sie sich nicht.

Was das Geschäft mit Pkw betrifft, haben andere Länder Deutschland in diesem Bereich schon überholt. 43 Prozent aller Elektroautos, die weltweit produziert werden, kommen aus China. Stand Februar 2017 sind das 870 000 E-Autos. Deutschland liegt deutlich dahinter, hat einen Anteil von 17 Prozent. Das ist das Ergebnis des Electric Vehicle Index der Unternehmensberatung McKinsey. Seit sieben Jahren untersucht McKinsey in 15 ausgewählten Ländern, wie sich E-Mobilität entwickelt, wo E-Autos produziert und wo sie verkauft werden.

In Norwegen, den Niederlanden, Schweden, China: Überall fahren mehr E-Autos als in Deutschland. Wohin sollen die Deutschen ihre Autos also verkaufen? Mobilitätsforscher Weert Canzler sagt, dass genau dort den Autokonzernen die Probleme drohten. „Das meiste Geld verdienen sie bisher im Ausland, dort aber sind schon viele E-Autos auf den Straßen.“

McKinsey zieht Zukunft der Branche positiv

Wie viele E-Lieferwagen zu den Pkw dazu kommen, hat McKinsey nicht untersucht. Auch das Kraftfahrtbundesamt führt keine Statistik, wie viele E-Lieferwagen es in Deutschland schon gibt. Die Deutsche Post hat bisher eine Nische erschlossen. Christian Geier ist trotzdem optimistisch, dass die anderen Anbieter nachrücken. „Ich weiß nicht, ob alle Logistiker ein Auto von der Deutschen Post kaufen wollen“, sagt er. Die Unternehmensberatung McKinsey sieht die Zukunft dieser Logistik- und Transportbranche positiv.

In einer Studie, die im September 2016 vorgestellt wurde, befragte McKinsey dazu Manager, Konsumenten und Industrieexperten aus den USA, Europa, China und Japan. Ihr Ergebnis: Bis 2025 sei mit einem 60-prozentigen Anstieg der Erlöse in der „straßengebundenen Logistik“ zu rechnen. Darunter fällt auch der Bereich Kurier, Express, Paket. Ein Grund liege laut McKinsey darin, dass mehr Kunden und Kundinnen Waren bestellen und sich liefern lassen. Die Nachfrage der letzten Meile, das letzte Stück bis zur Haustür des Kunden, solle bis 2025 um acht Prozent anwachsen, pro Jahr.

Dazu kommt, dass Verbote für Dieselfahrzeuge in Städten wahrscheinlich werden oder schon geplant sind. Auch aus diesem Grund rechneten laut McKinsey 66 Prozent der befragten Führungskräfte der Logistikindustrie damit, dass 2025 mindestens 30 Prozent aller Kleintransporter elektrisch sein werden. Der Markt ist groß, schließlich betrifft das Pflegedienste, Rettungswagen, Feuerwehr, Logistiker, Handwerksbetriebe oder Umzugsunternehmen. Die müssen nur den richtigen Anbieter finden.

Firmen müssen branchenübergreifend zusammenarbeiten

Aber worin unterscheiden sich Mercedes, VW und Streetscooter? Über die Reichweite sagt Mercedes nichts. Volkswagen gibt für den E-Crafter an, dass er mit 312 Lithium-Ion-Zellen bis zu 200 Kilometer weit komme, mit 43 Kilowattstunden. Der E-Crafter ist mit einem Leergewicht von 2,5 Tonnen doppelt so schwer wie der Streetscooter. Der kommt bis zu 80 Kilometer weit, abhängig von Beladung und Verkehr.

Die Konkurrenz auf dem E-Transporter-Markt wird größer. Gleichzeitig glauben sowohl Christian Geier als auch McKinsey, dass Firmen branchenübergreifend zusammenarbeiten müssen, um neue Potenziale zu erschließen. Mercedes hat den ersten Schritt getan und will für den Paketdienst Hermes E-Lieferwagen produzieren. Die ersten 50 sollen ab 2018 in Stuttgart und Hamburg fahren, darüber hinaus stellt Mercedes Ladestationen oder Software bereit, die die Transporter vernetzen.

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