Auftakt der Zwanziger Wie Experten der Bremer Banken auf das neue Jahr blicken

2019 war besser als zuvor gedacht und der deutsche Leitindex schloss mit einem satten Plus. Wie denken die Experten der Bremer Banken über das kommende Börsenjahr? Ein Überblick.
01.01.2020, 19:44
Lesedauer: 6 Min
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Wie Experten der Bremer Banken auf das neue Jahr blicken
Von Lisa Schröder

Manchmal kommt es besser als gedacht. Die Vorzeichen für 2019 standen nicht gerade günstig – allein vor dem Hintergrund des Handelskonflikts und Brexits. Am Ende kletterte der Dax dennoch kräftig. Das Börsenjahr schloss der deutsche Leitindex mit einem satten Plus von 25 Prozent ab und wuchs auf 13.249 Punkte. Damit haben unsere Experten vor einem Jahr nicht gerechnet – im Rücken damals schließlich ein Bärenmarkt: Der Dax legte nach einem Rekordhöhenflug eine Talfahrt hin. 2018 wurde für den Leitindex das verlustreichste Jahr seit der Finanzkrise. Welche Erwartungen es an die Zwanziger gibt, und was Anleger bedenken sollten, zeigt der Überblick.

Lars Köhler (Leiter des Private Bankings bei der Bremischen Volksbank): Wende der Fed kam abrupt

Was tut sich 2020 an den Finanzmärkten?

Bei der Geldpolitik erwarten wir auch 2020 seitens der EZB und der Fed eine Fortführung der expansiven Ausrichtung. In den USA ist mit weiteren Zinssenkungen zu rechnen. In der Euro-Zone sind die Mittel der EZB annähernd erschöpft, für echte Impulse wäre die Politik gefordert. In Bezug auf Anleihen ist das Thema Negativzins schon länger auf der Tagesordnung. Dies werden wir 2020 vermehrt für private Bankeinlagen sehen. Für die Aktienmärkte sind wir optimistisch. Die Dividendenrenditen sind vielfach attraktiv und mit Zinsanlagen wohl längere Zeit kaum darstellbar. Gute Aktien zu vernünftigen Preisen könnten demnächst knapp werden!

Wie entwickelt sich die Wirtschaft?

Die Weltwirtschaft zieht im Sommer 2020 mit einem leichten Aufschwung wieder an: Wir sehen ein Wachstum um 2,9 Prozent. Versöhnliche Signale im Handelskonflikt stimmen optimistisch. Weder die USA noch China profitieren von erneuten Eskalationen. In der Eurozone sehen wir nur ein geringes Wachstum von knapp einem Prozent, da der schwächelnde Exportsektor noch belastet. Die robuste Konjunktur bei Dienstleistungen, in der Bauwirtschaft und im Konsum kann in Deutschland die Schwäche im Industriesektor etwas abfedern.

Was kam 2019 unerwartet?

Ganz klar die ziemlich abrupte Wende der Fed-Zinspolitik. Statt der erwarteten Zinsanhebung wurden die Zinsen gesenkt. Das hat die Aktienkurse beflügelt. Zudem hat kaum jemand mit der Verschärfung des Strafzins-Themas durch Herrn Draghi gerechnet.

Wo steht der Dax in einem Jahr?

Strukturell sind andere Aktienindizes derzeit besser aufgestellt. Für den Dax sehen wir ein volatiles Jahr mit Potenzial um 13.900 Punkten.

Peter König (Verantwortlicher für die Privatkunden der Deutschen Bank im Marktgebiet Bremen): Das Risiko einschätzen

Was tut sich 2020 an den Finanzmärkten?

Unsere Experten sehen für 2020 eine leichte Erholung der Weltkonjunktur. Voraussetzung ist, dass sich der Handelsstreit zwischen den USA und China weiter entspannt. Für die Aktienmärkte erwarten wir einen moderaten Kursanstieg bei allerdings stärkeren Schwankungen. Dafür sorgen Unsicherheitsfaktoren wie die US-Wahl und der Brexit. Auf den Zinsmärkten müssen wir uns weiter alle an die niedrigen Konditionen gewöhnen. Statt Jahr für Jahr reale Kapitalverluste mit Giro- oder Tagesgeldkonten in Kauf zu nehmen, sollten langfristige Anleger lieber auch Wertpapiere in Betracht ziehen: Aktien und Fonds.

Was kam 2019 unerwartet?

Der globale Aktienmarkt hatte 2019 viel einzustecken – vom Handelsstreit bis hin zum Stichwort Zinsschock. Trotzdem blieben die Aktienanleger, für manche Beobachter unerwartet, am Ende auf der Gewinnerseite. Von vielen Marktteilnehmern so ebenfalls nicht erwartet war auch das Maßnahmenpaket der Europäischen Zentralbank im Herbst. Darin kündigte die EZB an, ihr Anleihekaufprogramm „so lange wie nötig“ fortzusetzen. Heißt für Sparer: Es ist keine gute Option, auf nachhaltig steigende Zinsen zu warten.

Wo steht der Dax in einem Jahr?

Unsere Experten sehen den Dax bei 14.000 Punkten. Anleger sollten aber nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun: Zunächst braucht es eine Entscheidung, welche Risiken man eingehen will. Erst dann sollte man sich diszipliniert auf die Suche nach Anlagechancen begeben. Diese gibt es auch 2020 weltweit und in verschiedenen Anlageklassen. Neben Aktien bleiben liquide Anleihen mit guter Bonität ein wichtiger Bestandteil im Portfolio. Daneben können Immobilien in Zeiten turbulenter Kapitalmärkte für Ruhe sorgen. Ebenso kommt eine Beimischung von Gold zur Stabilisierung des Depots in Betracht.

Christian Lips (Chefvolkswirt der Norddeutschen Landesbank mit Sitz in Hannover und Niederlassung in Bremen): Washington im Fokus

Was tut sich 2020 an den Finanzmärkten?

Die Entwicklung an den Finanzmärkten hängt im Jahr 2020 erneut stark von den globalen Risikofaktoren ab: Trotz Brexit-Deal und der Teileinigung zwischen den USA und China sind endgültige Lösungen noch nicht in Sicht. Impeachment, Handelskonflikte, Präsidentschaftswahlen – Anleger werden Washington im Fokus haben. Die EZB wird ungeachtet der wachsenden Kritik ihren expansiven Kurs fortsetzen. Von weiteren Zinssenkungen wird sie aber ebenso wie die Fed Abstand nehmen.

Wie entwickelt sich die Wirtschaft?

Wir rechnen mit einer allmählichen Stabilisierung der Weltwirtschaft. Deutschland als sehr offene und industrielastige Volkswirtschaft leidet unter der globalen Verunsicherung in Handelsfragen. Auch wenn sich die Wirtschaftsstimmung zuletzt etwas verbessert hat, dürfte die Industrierezession noch etwas anhalten. Privater und öffentlicher Konsum sowie Wohnungsbauinvestitionen sorgen hingegen für eine solide Binnennachfrage. Wir erwarten daher ein BIP-Wachstum von gut einem Prozent.

Was kam 2019 unerwartet?

2019 hielt einige Überraschungen parat: Die Wucht der Eskalation des Handelskrieges, die Endlosschleifen im Brexit-Drama und das Ausmaß der konjunkturellen Abkühlung. Und die 180-Grad-Wende der EZB und der Fed mit neuen geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen hatte vor einem Jahr sicher auch niemand auf dem Zettel.

Wo steht der Dax in einem Jahr?

Die Bewertungen sind bereits recht hoch, zudem sollten kurzfristige Rückschläge wegen der vielfältigen Risiken einkalkuliert werden. Langfristig dominieren aber weiter Themen wie Negativzinsen und Anlagenotstand, die Assetklasse Aktie bleibt daher attraktiv. Wir erwarten den Dax bei 13.500 Punkten.

Sascha Otto (Leiter des Wertpapier- und Portfoliomanagements der Sparkasse Bremen): Aktienkurse steigen weiter

Was tut sich 2020 an den Finanzmärkten?

Ich gehe davon aus, dass sich die beiden politischen Belastungsfaktoren des Jahres 2019 – Brexit und Handelskonflikt – auflösen werden. Der Brexit dürfte bereits im Januar 2020 geregelt vollzogen werden. Den Handelskonflikt mit China wird US-Präsident Donald Trump für seinen Wahlkampf nutzen und eine Einigung deshalb weiter hinauszögern. Meiner Meinung nach wird er dann – vielleicht im Mai – eine Einigung verkünden und diese medial ausschlachten. Somit wird sich die politische Unsicherheit im nächsten Jahr verringern und die Aktienkurse werden weiter steigen. Angesichts weiterhin niedriger Zinsen bleiben Aktien ohnehin attraktiv. Je länger das Jahr 2020 läuft, desto mehr wird die US-Präsidentschaftswahl in den Fokus rücken. Deren Auswirkungen sind dann aber ein Thema für den Ausblick auf 2021.

Wie entwickelt sich die Wirtschaft – auch in Bremen und Niedersachsen?

Im Jahr 2019 hat die hohe politische Unsicherheit die Wirtschaft im Euroraum und insbesondere in Deutschland belastet. Da ich einen Rückgang der Unsicherheit erwarte, prognostiziere ich für das Jahr 2020 einen leichten Anstieg der Wachstumsrate. Für Bremen sollte die Lösung beim Brexit einen positiven Effekt haben, denn Großbritannien ist der drittgrößte Handelspartner der bremischen Häfen.

Was kam in diesem Jahr nach Ihrer Ansicht unerwartet?

Mich hat die Deutlichkeit der Zinswende bei der Europäischen Zentralbank und der US-Notenbank überrascht. Diese führte im Sommer zu einer Kursrallye am Anleihenmarkt. Die Folge waren neue Höchstkurse bei Euro-Anleihen, die aus meiner Sicht klar überzogen waren.

Wo steht der Dax in einem Jahr?

Ich sehe den Dax bei 14.500 Punkten.

Andreas Setzer (Leiter des Wealth Managements bei der Commerzbank Bremen): Gute Rendite und gutes Gewissen

Was tut sich 2020 an den Finanzmärkten?

Wir erwarten im Jahresverlauf diverse anlagestrategische Veränderungen. Also sollte man stets informiert bleiben oder professionelle Anlagelösungen wählen. Klar ist, dass Tagesgeld und Co. keine Anlageinstrumente sind, aber Optionen gibt es genug: Man kann auf die besten Einzelideen setzen – dann wäre man 2020 in europäische Aktien, Gold, Nickel und Immobilien investiert. Das kann gut gehen, muss es aber nicht. Flexible Rentenfonds oder offene Immobilienbeteiligungen rücken weiter in den Vordergrund. Und last but not least: Gute Rendite und gutes Gewissen sind kein Widerspruch. Geht es nach dem Willen der EU soll das Thema “Nachhaltigkeit in der Geldanlage” spätestens in 18 Monaten stärker verankert werden. Ziel ist es, dass mit jedem Anleger grundsätzlich darüber gesprochen wird, inwieweit Nachhaltigkeitskriterien bei der Geldanlage mit berücksichtigt werden sollen. Gut so.

Wie entwickelt sich die Wirtschaft?

Der Wirtschaftsaufschwung dürfte noch mindestens bis 2021 anhalten - trotz der aktuellen Rezessionsängste. Wir gehen also von ordentlichen Rahmenbedingungen aus. Andererseits ist die Phase extrem niedriger oder gar negativer Zinsen noch lange nicht ausgestanden. Während sich also Bremen und Bremer Unternehmer über rekordtiefe Finanzierungskosten freuen, wird der konservative Anleger weiter vor Herausforderungen gestellt.

Was kam 2019 unerwartet?

Aus unserer Sicht sehr wenig. Der starke Rückgang der Renditen war unerwartet. Alle Bundesanleihen wiesen viele Monate negative Renditen auf.

Wo steht der Dax in einem Jahr?

An den Aktienmärkten erwarten wir leichte Zugewinne und neue Hochs im Dax um 14.000 Punkte.

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