Arbeitslosenzahl steigt im Januar auf 3,347 Millionen / Individuelle Lösungen in Saisonbranchen Winter stoppt den Jobaufschwung

Nürnberg·Köln. Der harte Winter hat den Jobaufschwung vorübergehend auf Eis gelegt und die Zahl der Arbeitslosen zum Jahresbeginn auf deutlich über drei Millionen steigen lassen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren im Januar 3,347 Millionen Männer und Frauen ohne Arbeit; dies waren 331000 mehr als im Dezember, aber 270000 weniger als vor einem Jahr. Damit verzeichnete die BA die niedrigste Januar-Arbeitslosigkeit seit 19 Jahren. Die Arbeitslosenquote nahm um 0,7 Punkte auf 7,9 Prozent zu. Vor einem Jahr hatte sie noch bei 8,6 Prozent gelegen.
02.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sibylle Schikora und Klaus Tscharnke

Nürnberg·Köln. Der harte Winter hat den Jobaufschwung vorübergehend auf Eis gelegt und die Zahl der Arbeitslosen zum Jahresbeginn auf deutlich über drei Millionen steigen lassen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren im Januar 3,347 Millionen Männer und Frauen ohne Arbeit; dies waren 331000 mehr als im Dezember, aber 270000 weniger als vor einem Jahr. Damit verzeichnete die BA die niedrigste Januar-Arbeitslosigkeit seit 19 Jahren. Die Arbeitslosenquote nahm um 0,7 Punkte auf 7,9 Prozent zu. Vor einem Jahr hatte sie noch bei 8,6 Prozent gelegen.

BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise kommentierte die Arbeitslosenzahlen mit den Worten: "Bedingt durch Saison und den kalten Winter sind viele Menschen arbeitslos geworden." Der starke Anstieg im Januar sei üblich: "Erstens gibt es viele Entlassungen zum Jahresende, etwa durch das auslaufende Weihnachtsgeschäft, und tendenziell auch weniger Einstellungen." Zweitens sei auch der kalte Winter dazugekommen, der vor allem in den Außenberufen zu Entlassungen geführt habe. Blende man die saisonalen Faktoren aus, bleibe die Entwicklung am Arbeitsmarkt aber unverändert positiv, unterstrich Weise.

Wer sich nicht laufend mit dem Arbeitsmarkt beschäftigt, wundert sich über diese lapidare Erklärung für die hohe Zahl der Arbeitslosen. Schließlich gilt für Angestelltenverhältnisse in Deutschland eine Kündigungsfrist von drei Monaten. Wie also können sich Unternehmen von einem Monat auf den anderen von Angestellten trennen? Und dazu noch von mehreren Zehntausend? Die Antwort: Unternehmen aus vielen Branchen haben sich Lösungen gesucht oder von der Politik schaffen lassen, um mit dem wetterbedingten Leerlauf im Winter umzugehen.

So zum Beispiel die Tourismusbranche. Weil Hotels und Gaststätten im Winter weniger Gäste beherbergen und verköstigen und deshalb weniger Personal brauchen, haben sie sich mit ihren Angestellten auf eine Art unbezahlten Zwangsurlaub verständigt. Viele Mitarbeiter geben ihren Job im Herbst freiwillig auf, indem sie einen Aufhebungsvertrag unterschreiben. Was für Angestellte in anderen Branchen völlig undenkbar wäre, gilt im Gastgewerbe als normal, weiß Jan Tibor Lelley, Arbeitsrechtler der Anwaltskanzlei Buse Heberer Fromm. "Die Entlassungen in der Gastronomie verlaufen meist einvernehmlich." Denn erstens sind die Mitarbeiter darauf vorbereitet. Und zweitens wissen sie, dass sie im Frühjahr einen neuen Vertrag angeboten bekommen.

Einen geringeren Bedarf an Arbeitskräften hat im Winter auch die Landwirtschaft. Nachdem Bauern Erdbeeren gepflückt, Spargel gestochen und Gurken geerntet haben, beginnt bei ihnen die Winterruhe. Für Saisonarbeiter, die sich um die Ernte kümmern, gibt es dann bis zum folgenden Jahr keine Arbeit mehr. Weil dieser Ablauf in jedem Jahr gleich ist, haben sich Landwirte entsprechend vorbereitet. Saisonarbeiter haben üblicherweise Zeitverträge, die mit dem Ende der Erntezeit auslaufen. Damit wechseln auch sie mit Beginn des Winters in die Arbeitslosigkeit.

Anders als die Landwirtschaft setzt die Baubranche nicht auf Saisonarbeiter, obwohl auch sie im Winter weniger Arbeiter braucht. Sobald die Temperatur unter null Grad fällt, müssen Bauunternehmen die Arbeit einstellen, weil Aushubarbeiten wegen des gefrorenen Boden nicht mehr möglich sind und sich Beton nicht mehr verarbeiten lässt. Das braucht die Branche aber nicht zu kümmern. Bauunternehmen dürfen nämlich im Winter das Arbeitsverhältnis fristlos beenden. "Die gesetzliche Kündigungsfrist ist in der Baubranche laut Tarifvertrag aufgehoben", sagt Rechtsanwalt Lelley. Der Grund: "Es handelt sich nicht um eine endgültige, sondern eine zeitlich befristete Trennung." Zum Beispiel für zwei oder drei Monate.

Wenn Bauarbeiter, Erntehelfer oder Kellner im Winter ihren Job verlieren, gelten sie als arbeitslos - und bekommen Arbeitslosengeld. Die Lasten trägt damit also die Allgemeinheit, wenn auch meist nur für wenige Wochen. Erfahrungsgemäß sinkt die Arbeitslosenquote schon im März wieder auf das Niveau, das sie im vorangegangenen Herbst hatte.

Bauunternehmen haben seit dem Jahr 2006 eine Alternative zur vorübergehenden Entlassung. Dank des Saisonkurzarbeitergelds können Firmen ihre Mitarbeiter zwischen Dezember und März kurzfristig nach Hause schicken, ohne ihnen zu kündigen. Allerdings hat das Saisonkurzarbeitergeld einen Nachteil im Vergleich zur Kündigung der Mitarbeiter: Es ist deutlich teurer für Unternehmen. Denn während der Kurzarbeit muss der Arbeitgeber mindestens 30 Prozent des Lohns weiterzahlen. Das nehmen viele Bauunternehmen aber gern in Kauf - weil sie die Kurzarbeit jederzeit beenden können, sobald sich das Wetter bessert.

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