Interview mit Jens Eckhoff „Wir brauchen ein Ausbauziel bis 2035“

Welche Chancen der Präsident der Offshore-Stiftung für die Windenergie-Branche sieht – und warum Bremerhaven aus seiner Sicht doch noch davon profitieren könnte.
23.03.2019, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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„Wir brauchen ein Ausbauziel bis 2035“
Von Peter Hanuschke

Herr Eckhoff, vor ein paar Jahren gab es etwa 25 Unternehmen, die sich in Norddeutschland industriell mit Offshore-Windanlagen beschäftigt haben. Heute gibt es davon noch sieben. Was ist schief gelaufen?

Jens Eckhoff: Im Bereich Offshore ist das Geschäft internationaler geworden. Dadurch wurde das Geschäftsvolumen größer und dies hat zur Folge, dass Konzerne meistens finanziell stärker aufgestellt sind als der Mittelstand.

Also ist für den Mittelstand, der die junge Offshore-Industrie in Deutschland überhaupt erst in Gang gebracht hat, kein Platz mehr.

Viele Mittelständler haben sich aus den verschiedensten Gründen aus dem Markt zurückziehen müssen. Sie sind zum Teil in die Insolvenz gegangen und mussten bitterstes Lehrgeld zahlen. Für unsere Region ist ein ganz trauriges Beispiel Weserwind, das Unternehmen, hinter dem mit Georgsmarienhütte ja ein großer finanzstarker Mittelständler stand. Trotz innovativer Ideen ist es nicht gelungen, dass sich Weserwind in diesem Konzerngeschäft behaupten konnte.

Hätte diese Entwicklung in eine andere Richtung gelenkt werden können?

Ich denke, diese Marktentwicklungen kann man in Zeiten der Globalisierung nicht aufhalten. Man kann hier auch keinem einen Vorwurf machen, dass er gegen diesen Marktkonzentrationsprozess kein geeignetes Gegenmittel gefunden hat. Es gibt inzwischen deutlich mehr große Player etwa aus Dänemark, den Niederlanden, Schottland oder Großbritannien. Und jetzt, wo sich im Bereich Offshore-Wind wachsende Weltmärkte eröffnen unter anderem in den USA werden sicherlich noch weitere internationale Player auftreten. In diesem Zusammenhang ist es schade, dass die deutsche Offshore-Branche ihren Rückenwind, den sie noch vier Jahren hatte, verloren hat.

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Was waren die Gründe dafür?

Das liegt am Heimatmarkt, der nicht mehr die Wachtumsprognosen hatte, wie man sie noch vor sechs Jahren erwartet hatte. Das lag zum einen an der Gewöhnungsphase, sich von Einspeisetarifen auf das Ausschreibungsverfahren bei Windparks umzustellen. Zum anderen lag es an der Absenkung des Ausbauziels von 25 Gigawatt auf 15 Gigawatt. Das hat das Wachstum in Deutschland enorm gebremst. Und andere ausländische Märkte wie in den Niederlanden, Großbritannien oder der Belgien sind dagegen gewachsen, zum Vorteil der dortigen Marktteilnehmer. Die haben alle ihre Ausbausziele deutlich angehoben. Jetzt ist die Bundesregierung gefordert, da nachzuziehen. Die neue AG Akzeptanz, die sich im Oktober aus Bundestagsabgeordneten der großen Koalition gegründet hat, will in diesem Zusammenhang bis Ende April Ergebnisse vorstellen.

Was erwarten Sie von der Bundesregierung?

Für die Branche ist es ganz wichtig, dass die Koalition den vereinbarten Sonderbeitrag für den Offshore-Ausbau kurzfristig umsetzt. Außerdem muss der Deckel bis 2030 auf mindestens 20 Gigawatt angehoben werden. Und wichtig ist auch eine langfristige Sicherheit. Wir brauchen auch ein Ausbauziel bis 2035. Und das muss zumindest bei 25 Gigawatt liegen, das mal für 2030 gegolten hatte. Die Politik ist jetzt gefordert, bis spätestens zur Sommerpause vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen.

Wie optimistisch sind Sie, dass die Rahmenbedingungen von der Bundesregierung angepasst werden?

Ich höre sehr viele positive Signale, dass sich bis dahin etwas tun wird. Im Moment wird in Berlin sehr viel über den Onshore-Ausbaupfad gestritten, aber sehr viele, die vor zwei, drei Jahren dem Windausbau auf See eher kritisch gegenüberstanden, haben ihre Positionen verändert und sehen, dass es sinnvoll ist, die Ziele nach oben hin anzupassen.

Selbst wenn die Ausbauziele erhöht werden, wird die deutsche Offshore-Industrie davon nicht in vollem Umfang profitieren, gerade vor dem Hintergrund, dass von den etwa 1300 Anlagen in Nord- und Ostsee nur 450 in Deutschland hergestellt worden. Wobei sich das künftig durch das neue Siemens-Gamesa-Werk in Cuxhaven natürlich ändern kann.

Durch Siemens-Gamesa wird es da schnell ein anderes Verhältnis geben. Unabhängig davon gibt es eine umfangreiche Zulieferindustrie in die Anlagen rein. Diese Systeme sind ja nicht vergleichbar mit beispielsweise einem Photovoltaikmodul, das irgendwo im Ausland produziert wird und komplett nach Deutschland kommt. Die Windanlage, egal wo sie produziert wird, hat, zumindest in der Gondel, einen hohen Anteil, an dem der deutsche Mittelstand als Zulieferer beteiligt ist. Man kann das mit dem Autobau vergleichen, da kommen ja auch nicht alle Teile von einem Hersteller und werden zusammengebaut, sondern es gibt eine Vielzahl von Zulieferern.

Könnte es künftig neue Anlagen-Hersteller geben, die sich in Deutschland niederlassen?

Klar muss sein, dass es Produktions-Ansiedlungen wie mit Siemens-Gamesa nur geben wird, wenn man einen verlässlichen Heimatmarkt hat. Viele Ausschreibungen im Ausland beinhalten einen nicht unerheblichen Local Content. Um solche Aufträge zu bekommen, muss ich auch in dem Land einen gewissen Anteil produzieren. Das mache ich aber nur, wenn ich eine langfristige Sicherheit habe. Dass sich Siemens-Gamesa für Cuxhaven entschieden hat, ist auf die Zeit zurückzuführen, als es den Deckel noch nicht gab.

Stellt Offshore-Wind in Deutschland trotz der Umstände für Sie eine Erfolgsgeschichte dar?

Auf jeden Fall. Günstiger kann die Offshore-Industrie nicht mehr werden. Wir haben Null-Cent-Angebote. Ein Großteil der Projekte, die ab 2023 realisiert werden, stellt sich dem Wettbewerb an der Strompreisbörse.

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Es gab eine erfolgreiche Lernkurve.

Ja, wer hätte das für möglich gehalten? Wir sind über viele Jahre durch kritische Politiker und kritische Medien begleitet worden, weil immer gesagt wurde, die kriegen 19,4 Cent Einspeisevergütung je Kilowattstunde. Dass das für acht Jahre war, haben viele gleich weggelassen, die sind von 20 Jahren und mehr ausgegangen. Die Lernkurve war im Endeffekt aber extrem erfolgreich. 2010 ging Alpha Ventus als erster Windpark an den Start. Nun gibt es Projektierer, die sich zutrauen, ab 2023 Windparks zu bauen, die bei null Cent Vergütung landen. Das ist im Vergleich zu anderen Energieträgern absolut spitze, allein, wenn ich an die Kernenergie denke. Da kommt das dicke Erwachen erst am Ende. Wenn ein Atomkraftwerk abgebaut wird, kommt die dicke Rechnung, die den Steuerzahler dann extrem belastet.

Gibt es aus Ihrer Sicht für Bremerhaven eine Chance, sich im Offshore-Geschäft neu zu positionieren?

Wenn es einen stabilen Markt in Deutschland geben würde, so wie in Großbritannien oder den Niederlanden, die sich für einen langen Ausbau-Zeitraum und nicht nur für zwei Jahre festgelegt haben, würde das dazu führen, dass sich Unternehmen wieder mit einer Ansiedlung in Deutschland beschäftigen würden. Und dann ist Bremerhaven natürlich wieder im Rennen.

Mangelt es an Geduld?

Man braucht dafür einen langen Atem. Deshalb habe ich auch jüngst die Bürgerschaftsdebatte nicht verstanden, als sich die Grünen aus dem Projekt Offshore-Terminal Bremerhaven komplett verabschiedet haben. In dem Moment, wo der Markt in Deutschland wieder verlässlicher wird, wird Bremerhaven natürlich der erste Standort sein, auf den Investoren zugehen werden. Allein auch wegen des nach wie vor vorhandenen Potenzials an Forschungseinrichtungen, Zulieferern und Facharbeitern.

Wie sah Ihre Gefühlswelt nach der Debatte aus?

Ich war sehr deprimiert und in tiefstem Maße frustriert. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass bei einem Thema aus dem Bereich Erneuerbare Energien überhaupt so argumentiert werden kann. Ich kann verstehen, dass Menschen sagen, das ist ein hohes Invest und das Projekt deshalb in Frage stellen. Ich kann auch die Debatte über Naturschutz nachvollziehen. Doch die Grünen haben den Eindruck vermittelt, ein Rennen bei Olympia aufzugeben, für das sie lange trainiert haben – und das nur, weil die Turnschuhe nicht passen. Und das vor dem Hintergrund, dass der Bedarf an Erneuerbaren Energien in den nächsten Jahrzehnten unweigerlich stark steigen wird.

Gehen wir mal davon aus, der OTB kommt nicht. Gibt es in genügend Standorte in Deutschland, die einen eventuell erhöhten Bedarf an Offshore-Terminals auffangen könnten?

Nein, ich denke mittelfristig nicht. Auch wenn Cuxhaven bei Großkomponenten künftig eine noch stärkere Rolle spielen wird. Trotzdem wird es einen noch deutlich höheren Bedarf geben. Kommt der OTB nicht, werden sich andere Standorte freuen – etwa in den Niederlanden, Belgien und Großbritannien, von denen aus auch alle Nordsee-Windparks zu erreichen sind. Diese Länder sind dabei, sich in Sachen Offshore-Wind für die nächsten 20 Jahre richtig in Stellung zu bringen.

Das Interview führte Peter Hanuschke.

Info

Zur Person

Jens Eckhoff, Jahrgang 1966, war von 2003 bis 2006 Bausenator. Seit 2005 ist der CDU-Politiker Präsident der Stiftung Offshore-Windenergie, die auf Initiative des Umweltbundesministeriums gegründet wurde.

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