Interview mit Marco Fuchs „Wir sind ein offenes, transparentes Unternehmen“

Der Vorstandschef der Bremer OHB SE, Marco Fuchs, wehrt sich gegen die scharfe Kritik eines US-Investors. Fuchs sagt aber auch, dass das Raumfahrtunternehmen an seiner Außenwirkung arbeiten müsse.
24.08.2017, 16:33
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„Wir sind ein offenes, transparentes Unternehmen“
Von Maren Beneke

Der Vorstandschef der Bremer OHB SE, Marco Fuchs, wehrt sich gegen die scharfe Kritik eines US-Investors. Fuchs sagt aber auch, dass das Raumfahrtunternehmen an seiner Außenwirkung arbeiten müsse.

Herr Fuchs, können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie vor gut einer Woche eine Mail von Guy Wyser-Pratte in Ihrem Postfach vorgefunden haben?

Marco Fuchs: Ich bekomme viele Mails und Briefe, deswegen habe ich die Mail von Herrn Wyser-Pratte am Anfang gar nicht richtig wahrgenommen. Erst am Donnerstagmorgen habe ich realisiert, dass der Brief öffentlich gemacht wurde und daher auch Auswirkungen hat.

Schmeichelt es Ihnen nicht sogar ein bisschen, in den Fokus dieses Finanzinvestors geraten zu sein? Er ist schließlich dafür bekannt, sich unternehmerische Perlen rauszusuchen, die aus seiner Sicht unterbewertet sind.

Natürlich ist es schmeichelhaft, wenn Investoren das Gefühl haben, dass ein Unternehmen gut läuft und vielleicht sogar mehr wert sein könnte. Auf der anderen Seite muss man den Aktienverlauf über einen längeren Zeitraum betrachten. 2017 hat sich unsere Aktie sehr gut entwickelt. Das heißt: Herr Wyser-Pratte, der nach eigenen Angaben vor zwei Jahren bei uns eingestiegen ist, hat auch vor seinem Brief möglicherweise schon einen erheblichen Kursgewinn gemacht.

Am vergangenen Donnerstag hat die Aktie dann aber noch einmal einen Sprung gemacht.

Markt- und Kursentwicklungen sind manchmal schwer zu erklären. Wenn Herr Wyser-Pratte einen offenen Brief schreibt, dann weiß er, was er tut. Und wenn er darin Dinge anprangert, dann erwarten andere Aktionäre, dass im Unternehmen alles noch viel besser wird – der Kurs geht nach oben.

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Wird bei OHB denn nun alles noch viel besser?

Ich habe keine Ahnung, was der Investor mit seinem Brief bezwecken will. In der Vergangenheit hat Herr Wyser-Pratte mit solch einem Vorgehen versucht, vermeintliche und tatsächliche Interessenkonflikte zwischen dem angestellten Management und den Inhabern aufzuspüren und das Unternehmen neu aufzustellen. Das kann bei uns aber nicht passieren.

Warum nicht?

Zunächst einmal können bei uns auf der Hauptversammlung keine Beschlüsse gegen die 70 Prozent der Anteile, die bei uns in der Familie liegen, gefasst werden. Wir als Familie Fuchs sind mit rund 70 Prozent Mehrheitsaktionär. Meine Motivation ist es nicht, dem Aufsichtsrat zu schmeicheln, um eine Vertragsverlängerung zu bekommen. Meine Motivation ist, dass sich das Unternehmen gut entwickelt.

Wie kommt Herr Wyser-Pratte dann zu seinen Vorwürfen? Seine Anmerkungen sind ja nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Herr Wyser-Pratte wird gemerkt haben, dass der deutsche Kapitalmarkt auch interessante Investitionsmöglichkeiten bietet. Was ihm aber offenbar nicht so vertraut ist, ist das Phänomen der familiendominierten, börsennotierten Unternehmen. Daher seine Fragen.

Welchen Vorteil hat es denn aus Aktionärssicht überhaupt, dass OHB nach wie vor zu einem Großteil in Familienbesitz ist?

Die Besonderheit bei uns ist, dass eine enge Verbindung zwischen Management- und Eigentümerstrukturen besteht. Ich bin gleichzeitig Eigentümer und Vorstandsvorsitzender und damit als Manager für das Geschäft verantwortlich. Dadurch sind die Entscheidungsprozesse einfacher und schneller. Und wir haben langfristige Ziele im Blick.

Die Vorwürfe von Herrn Wyser-Pratte sind teilweise sehr persönlich. Indirekt mahnt er an, dass einer Ihrer Vorstände und Ihre Mutter zu alt für ihre Posten seien. Tatsächlich halten Sie sich bei den Altersbegrenzungen nicht an den Corporate Governance Kodex. Warum nicht?

Es ist richtig, dass es bei uns keine formalen Altersgrenzen gibt. Wir haben eine Struktur mit jeweils drei Mitgliedern im Aufsichtsrat und im Vorstand. Ich sehe meine Vorstandskollegen täglich, bekomme direkt mit, dass sie Spaß an der Arbeit haben und diese auch gut machen. Was sagt da eine Zahl schon aus?

Aber es gibt diesen Kodex ja nun einmal.

Der Sinn des Corporate Governance Kodex ist, dass die Gremien einen Orientierungspunkt haben. Aber noch einmal: Wir als Familie besitzen 70 Prozent der Aktien und damit ist es völlig legitim, dass wir einen unserer Familienvertreter in den Aufsichtsrat schicken. Das entscheiden am Ende wir. Und ich finde, meine Mutter ist eine gute Wahl. Sie ist Firmengründerin, hat sehr große Erfahrung, und sie lebt in Bremen. Das sind große Vorteile.

Aber Sie machen sich natürlich angreifbar, wenn Sie Ausnahmen vom Kodex geltend machen.

Es gibt den Kodex und wir gleichen uns damit ab. Alles was wir anders machen, müssen wir begründen. In der Vergangenheit haben wir das vielleicht etwas zu schmallippig gemacht. Das werden wir mit Sicherheit intern noch einmal besprechen und ändern. Aber ganz ehrlich: Das sind Formalien beziehungsweise kommunikative Aspekte. Ich möchte, dass die Firma erfolgreich ist.

Von Intransparenz ist im Brief von Herrn Wyser-Pratte die Rede, von Unterwürfigkeit einiger Führungskräfte gegenüber der Familie, von einer „Feudalaristokratie“. Hat solch ein Angriff gar keinen Effekt auf Sie persönlich?

Doch, denn er wirft ein schlechtes Bild auf unser Unternehmen. Aus meiner Sicht sind wir ein offenes, transparentes und kommunikatives Unternehmen.

Unbestritten ist, dass Ihr Familienname für OHB steht. Fällt Ihnen das nun auf die Füße?

Wir sind eine Familienfirma und damit dreht sich naturgemäß vieles um die Familie. Was mir jetzt aber noch einmal richtig klar wird, ist, dass wir uns in der Außendarstellung sehr stark auf die Familie Fuchs fokussieren. Intern ist das nicht so. Ich bin mir sicher, dass unsere Kunden mit OHB viele Führungskräfte verbinden und uns nicht als One-Man-Show wahrnehmen.

Wie wollen Sie von dieser One-Man-Show wegkommen?

Darüber mache ich mir jetzt vermehrt Gedanken. Wir reflektieren die scheinbaren Auswirkungen sehr viel deutlicher. Wir müssen OHB in Zukunft differenzierter darstellen. Das fängt schon bei meiner Firmenpräsentation an.

Wird sich etwas daran ändern, dass 70 Prozent der Firmenanteile in Familienhand sind?

Nein. Wir haben seit Jahren weder Anteile abgegeben noch dazugekauft. Ich will auch gar nicht aktiv in der eigenen Aktie handeln. Es ist ganz einfach: Wir machen das Geschäft und der Markt soll die Aktie bewertet.

Herr Wyser-Pratte zählt eine ganze Reihe von Feldern auf, in denen sich OHB mehr engagieren könnte: etwa Umwelt- und Landwirtschaftsbeobachtung, Energie oder Standortbezogene Dienste. Haben Sie diese Branchen auf dem Zettel?

Einzelne Punkte hat er zu recht angesprochen: Verteidigung oder Überwachungsfragen im Zusammenhang mit Umwelt und Ressourcen werden immer wichtiger. Es gibt mehr und mehr Anwendungen für unsere Satelliten, die außerhalb der wissenschaftlichen Raumfahrt liegen – der Druck, sich weiterzuentwickeln, ist für ein Unternehmen wie unseres natürlich auch da groß.

Konstruktiv ist die Idee von Herrn Wyser-Pratte, doch darüber nachzudenken, ob OHB sich den Konkurrenten Avio einverleiben sollte.

Avio ist ein geschätzter Partner und Wettbewerber. Aber der Investor macht es sich mit diesem Vorschlag ein wenig zu leicht. Avio ist eine italienische Firma, die wie wir zu einem erheblichen Anteil von öffentlichen Aufträgen lebt und eine Rolle in ihrem Land spielt. Solch ein Unternehmen kann man nicht einfach kaufen.

Herr Wyser-Pratte ist als ehemaliger US-Marine für seinen langen Atem bekannt. Mit welchen weiteren Schritten rechnen Sie nun?

Ich nehme an, dass er sich überlegen wird, welchen nächsten Kommunikationsschritt er macht. Seine Strategie „Öffentlichkeit plus Auftritt bei der Hauptversammlung“ wird er möglicherweise auch bei uns weiterverfolgen.

Bei Unternehmen wie Kuka ist der Investor ganz ähnlich vorgegangen. Im Anschluss hat er dafür gesorgt, dass Vorstände und Aufsichtsräte ausgetauscht und einzelne Bereiche abgestoßen werden. Sind Sie in Sorge, dass bei OHB etwas Ähnliches passiert?

Ich bin fest entschlossen, auch in Zukunft Vorstandsvorsitzender von OHB zu sein. Und ich bin fest entschlossen, dass die OHB auch weiterhin mehrheitlich in Besitz der Familie Fuchs bleibt.

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