1140 Jobs Zittern in Bremerhaven

1140 Jobs in Gefahr: Beim Windkraftanlagen-Hersteller Adwen spricht der Betriebsrat vom Ende der Produktion. Die Produktion in Bremerhaven sei beendet.
07.06.2017, 21:25
Lesedauer: 4 Min
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Zittern in Bremerhaven
Von Peter Hanuschke

Die letzten Turbinen von insgesamt 70 Anlagen für den Offshore-Windpark Wikinger in der Ostsee werden in den kommenden Tagen das Adwen-Produktionswerk in Bremerhaven verlassen. Einen Folgeauftrag gibt es nicht. Was aus den 1140 Beschäftigten werden soll, ist weiterhin unklar.

Die Geschäftsleitung hält sich zurück, was die Zukunft des Unternehmens angeht. Bei einer Betriebsversammlung in der vergangenen Woche wurde den Mitarbeitern allerdings schon nahegelegt, sich beim neuen Turbinenwerk von Siemens zu bewerben, das in Cuxhaven gebaut wird.

Möglichkeiten der Weiterbeschäftigung sind begrenzt

Die Produktion in Bremerhaven sei beendet, heißt es vom Adwen-Betriebstrat. Es gebe keine neue Produktionslinie, habe die Geschäftsleitung der Mitarbeiter-Vertretung mitgeteilt. Und die Möglichkeiten einer Weiterbeschäftigung im Siemens-Werk in Cuxhaven seien auch nur sehr begrenzt: Es solle nur darum gehen, ein paar Lücken zu schließen.

Und außerdem werde den Mitarbeitern der neuen Fabrik nur ein abgespeckter Tarifvertrag angeboten. Eine Weiterbeschäftigung in der Service-Abteilung von Adwen, die für die Wartung von vier Windparks zuständig ist, kommt offenbar nur für einen Teil der Belegschaft infrage.

Das gesamte Engineering, der Einkauf und die Verwaltung würden nicht mehr benötigt, so der Betriebsrat. Das seien etwa 400 Mitarbeiter. Insgesamt gebe es bei Adwen 570 Festangestellte, die andere Hälfte seien Leiharbeiter und Mitarbeiter mit Werkverträgen.

Siemes-Konzern spielt entscheidenden Part

„Die Situation für die Mitarbeiter bei Adwen ist extrem unglücklich“, sagt Gewerkschaftssekretärin Doreen Arnold von der IG Metall Weser-Elbe. Auf der Betriebsversammlung habe die Geschäftsleitung auf Nachfrage keinerlei Auskunft gegeben. Der Gewerkschaft fehle jegliche Möglichkeit, sich einzuschalten.

„Wir können nichts machen, wenn wir keinen Gegenüber haben, der mit uns spricht“, so Arnold. Man könne mit dem Unternehmen also nicht über einen möglichen Sozialplan oder einen Interessenausgleich verhandeln. Was die Zukunft von Adwen angeht, spielt der Siemens-Konzern den entscheidenden Part: Denn über Umwege haben die Münchner dort seit ein paar Monaten das Sagen.

Ursprünglich gehörte Adwen je zur Hälfte dem französischen Energiekonzern Areva und dem spanischen Windgeneratorenhersteller Gamesa. Nachdem Areva seine Anteile an Gamesa verkauft hatte, waren die Spanier zwischenzeitlich alleiniger Eigentümer – aber nur bis Siemens sich im vorigen Jahr mit Gamesa zusammenschloss. Siemens hält an der neuen Gesellschaft Siemens Gamesa Renewable Energy, die auch Eigentümerin von Adwen ist, 59 Prozent.

Unternehmen ausbluten lassen

Durch diese Übernahme wurde die Situation für den Standort in Bremerhaven nicht besser: Denn dass Adwen zum Marktführer Siemens gehört, hat nichts mit strategischen Überlegungen zu tun: Siemens hatte im vergangenen Jahr für gut eine Milliarde die Mehrheit an Gamesa nur deshalb übernommen, um so im Windkraftanlagengeschäft an Land – im Onshore-Geschäft – Marktanteile zu gewinnen.

Dort gehört Gamesa zu den führenden Unternehmen. Dass Adwen mit zum Paket gehörte, lag daran, dass sich kein passender Käufer für den Offshore-Bereich gefunden hatte. Der Betriebsrat geht davon aus, dass die Geschäftsleitung das Unternehmen ausbluten lassen will. Künftig solle es bei Adwen nur noch um Reparatur und Service gehen, wofür weniger Personal benötigt werde.

Zudem seien die Service- und Wartungsverträge für Windparks zeitlich in der Regel auf fünf Jahre begrenzt. Ursprünglich wurde das Unternehmen für die Entwicklung und den Bau von Offshore-Windanlagen gegründet. Der Betriebsrat argumentiert, dass es sich bei der neuen Ausrichtung um eine Betriebsänderung handelt. Und das hätte zur Folge, dass über einen Interessenausgleich verhandelt werden müsste. Genau das sehe die Geschäftsleitung jedoch anders.

Adwen wird nicht als Teil des Konzerns gesehen

Dass sich Siemens nicht äußern will, liegt aus Sicht des Betriebsrats daran, dass Adwen nicht als Teil des Konzerns gesehen werde. Zwar habe Markus Tacke, Geschäftsführer von Siemens Gamesa Renewable Energy, vor ein paar Wochen in Bremerhaven noch angekündigt, dass er sich um jeden Adwen-Mitarbeiter kümmern werde, aber die Realität sehe anders aus.

Dazu passe auch der Hinweis der Adwen-Geschäftsleitung, dass das Unternehmen nach wie vor eine rechtlich eigenständige GmbH sei. Bei der Umstrukturierung spreche man intern von einer Umwandlung, sagte am Mittwoch eine Adwen-Sprecherin auf Nachfrage des WESER-KURIER.

Künftig gebe es die Adwen Operations, die für Wartung und Service zuständig sei, und die Abteilung French Pipeline. Letztere sei für die Abwicklung der drei Windparks zuständig, die vor der französischen Atlantikküste entstehen sollen. Ob dafür die neue Acht-Megawatt-Anlage von Adwen eingesetzt werden soll und wo sie produziert werden könnte, konnte die Sprecherin nicht beantworten.

Prototyp für Testzwecke

Wie das Portfolio künftig aussehen werde, stehe noch nicht fest. Das werde von Siemens Gamesa Renewable Energy geprüft. Zum Produktionsstandort für die drei Windparks sagte die Sprecherin, dass es eine Verpflichtung zum Bau vor Ort in Frankreich gebe.

Von der neuen Anlage gibt es bisher nur den Prototyp für Testzwecke. Dieser war erst Anfang Mai auf dem ehemaligen Flughafengelände Luneort, nur 100 Meter entfernt von der Adwen-Fertigungshalle, fertiggestellt worden. Mit einem Rotordurchmesser von 180 Metern ist die Anlage die derzeit weltweit größte Offshore-Windenergieanlage.

Ob sie überhaupt jemals in Serie gehen wird, bleibt aus Sicht des Betriebsrats abzuwarten. Immerhin produziere Siemens ab Januar eine ähnlich große Anlage in Cuxhaven. Und wie man den Auflagen der französischen Auftraggeber nachkomme, sei sicherlich nur Verhandlungssache.

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