Mieter in der Helenenstraße

Wohnen auf Bremens Rotlichtmeile

Bremen. Die Helenenstraße ist in Bremen als Rotlichtmeile bekannt. Für Prostituierte ist sie ein Arbeitsort, für Freier eine Adresse, wo sie Sex kaufen können. Doch diese Sackgasse im Viertel ist noch viel mehr: Junge Männer wohnen dort zur Miete.
14.11.2011, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Barbara Debinska

Bremen. Die Helenenstraße ist in Bremen seit über 130 Jahren als Rotlichtmeile bekannt. Für Prostituierte ist sie ein Arbeitsort, für Freier eine Adresse, wo sie Sex kaufen können. Doch diese abgeschirmte Sackgasse im Viertel ist noch viel mehr: Junge Männer wohnen dort - ganz normal zur Miete.

„Günstiges Ein-Zimmer-Appartement im Viertel, für junge Männer“, so heißt die Wohnungsanzeige, die Max Richter* bei einem Immobilienportal  im Internet findet. Der 30-Jährige fackelt nicht lange, greift zum Telefon und vereinbart einen Besichtigungstermin.

Frisch von seiner Freundin getrennt, wollte er so schnell wie möglich aus der gemeinsamen, großen Wohnung in Schwachhausen ausziehen. „Außerdem steckte ich mitten im Examensstress und hatte keinen Nerv für eine lange Wohnungssuche“, erzählt der angehende Ingenieur.

Als Max Richter einen Termin mit dem Eigentümer des Hauses in der Helenenstraße ausmacht, ist er gerade nicht in Bremen. „Die Wohnung hörte sich gut an. Etwa 27 Quadratmeter groß, Bad, Kochnische, 200 Euro Kaltmiete, zentrale Lage mitten im Viertel“, erinnert er sich an das Telefonat. Ohne viel darüber nachzudenken, steigt er ins Auto.

Erst als er losfahren will, merkt der Student, dass er sich die Adresse nicht aufgeschrieben hat. Erneut ruft er den Eigentümer an. „Helenenstraße“, tönt es aus dem Hörer, „Sie wissen schon...“, erklärt ihm der Mann. „Ja, ja“, sagt Max Richter, gibt den Straßennamen ins Navi ein und fährt los.

Navi lotst in die Helenenstraße

„In diesem Moment war mir nicht bewusst, dass es sich um die Rotlichtmeile im Viertel handelt“, sagt der 30-Jährige, der sich gut in Bremen auskennt. Je näher ihn sein Navigationsgerät zu den abschirmenden Wänden an der Straße Vor dem Steintor gegenüber vom Ziegenmarkt lotste, desto mehr wurde ihm klar, dass er sich gleich ein Appartement in der Helenenstraße anschauen wird.

„Was tust Du hier eigentlich?!“ schwirrt ihm der Gedanke durch den Kopf, als er die mit bunten Graffiti besprühten Sichtschutzwände passiert. Vor Ort zeigt ihm der Eigentümer das Appartement in dem Sieben-Parteien-Wohnhaus. Vor vier Jahren sei das Haus vollständig saniert worden, erfährt der Student. Seitdem wohnen dort junge Männer im Alter von 20 bis 30 Jahren. Die meisten von ihnen machen eine Ausbildung oder studieren.

Mit gemischten Gefühlen

Die Wohnung gefällt Max Richter. Alles, was er braucht, ist vorhanden. „Ich hab eh nur eine Übergangswohnung gesucht, bis ich meine Abschlussarbeit geschrieben und verteidigt habe“, sagt er. Dennoch sei er nach dem Besichtigungstermin mit gemischten Gefühlen nach Hause gefahren. „Mal schauen, ob ich das mache“, hat er sich gesagt und einige Tage lang überlegt, ob er in die Helenenstraße ziehen soll. Auch mit Freunden und Familie hat er gesprochen, bevor er sich letztendlich für das Appartement auf der Rotlichtmeile entschieden hat. Freunde haben unterschiedlich reagiert. „Meine Mutter war amüsiert und sieht das recht locker“, erzählt er.

Am Umzugstag durfte er das Auto vor dem Haus abstellen. Denn in der Regel herrscht in der Straße ein Parkverbot, um die Fenster der Prostituierten nicht zu verstellen. Als er mit seinen Freunden einige Kisten und Möbel in die Wohnung getragen hat, lernte er gleich einige Prostituierte kennen. „Sie haben die Straße gefegt, in Mantel und Tanga“, beschreibt er das ungewöhnliche Nachbarschaftsbild. Wie beim Einzug üblich, habe er sich bei ihnen als neuer Nachbar vorgestellt. „Die Mädels sind alle sehr freundlich“, sagt er.

Mit Schirmmütze und Sonnenbrille

Doch an seine neue Wohnsituation musste er sich erst gewöhnen: „Anfangs bin ich nur mit Schirmmütze und Sonnenbrille zwischen den Sichtschutzwänden durchgehuscht“, beschreibt er und schmunzelt heute über sich selbst. Auch seinen Namen hat er erst eine Weile nach Einzug neben der Türklingel angebracht.

Es sei auch schon vorgekommen, dass ein Mädel wie er die Frauen in der Straße nennt – aufgeregt bei ihm sturmgeklingelt hat. „Sie wollte, dass ich mein Auto wegstelle, weil ihre Schicht gleich anfängt“, erzählt er. Andererseits würden nachts auch mal betrunkene Freier bei ihm schellen, in der Annahme, es sei ein Laufhaus.

Der Single wohnt nun seit einigen Wochen in der Helenenstraße. Freunde kommen zwar mal zu Besuch, aber öfter würden die Treffen bei Bekannten oder in Bars und Cafés stattfinden. Nicht jeder komme gerne in die Straße und sein Appartement sei auch zu klein, um Partys zu feiern. 

Kürzlich bekam Max Richter Besuch von seiner Schwester. Sie ließ es sich nicht nehmen, zu schauen, wie ihr großer Bruder wohnt und wartete eines Abends gespannt am Eingang zur Helenenstraße an der Straße Vor dem Steintor, bis ihr Bruder sie abholte und durch die mit bunten Neonlampen beleuchtete Straße in sein Appartement brachte. In der Wohnung angekommen, setzte sich die Studentin an den Schreibtisch, der am Fenster steht, und beobachtete die Frauen, die sich gegenüber im Fenster präsentierten. "Sie fand alles sehr spannend", erzählt der 30-Jährige.

Auch seine Nachbarn im Haus würden Besuch bekommen, zum Beispiel von ihren Freundinnen, sagt er. Die allgemeine Annahme, dass normale Frauen nicht in die Helenenstraße hineingehen dürfen, nennt er deshalb einen Mythos. Allerdings könne die Adresse durchaus hinderlich sein, wenn ein Bewohner in der Straße auf Partnersuche ist.

*Name von der Redaktion geändert.

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