Ein Jahr nach dem Tod des Autors haben die Mitarbeiter des Medienarchivs viel zu tun / Hörbuch-Edition entsteht Zahlreiche Anfragen zu Günter Grass

Grohn. Er war ein Urgestein der Literatur. Die einen mochten ihn, die anderen konnten ihn nicht ausstehen.
02.05.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Imke Molkewehrum

Er war ein Urgestein der Literatur. Die einen mochten ihn, die anderen konnten ihn nicht ausstehen. Aber zu überhören war er nicht: Günter Grass. Vor gut einem Jahr, am 13. April 2015, ist der Autor und Grafiker gestorben. Seither häufen sich die Anfragen an die Stiftung „Medienarchiv Günter Grass“, die ihren Sitz auf dem Campus der Jacobs University hat. Aus der ganzen Welt melden sich Wissenschaftler, Journalisten oder Privatleuten. „Es ist eindeutig turbulenter geworden nach seinem Tod“, sagt Jörg-Dieter Kogel, Mitbegründer und Vorstand der Günter-Grass-Stiftung. „Offensichtlich ist den Leuten die Endgültigkeit bewusst geworden.“ Ungewöhnlich sei jedoch, dass Grass auch ein Jahr nach seinem Tod „eine solche Konjunktur hat“ , so der langjährige Weggefährte des Nobelpreisträgers. „Er lebt noch ziemlich kräftig“, freut sich Kogel. Dazu trage der Verleger Gerhard Steidl maßgeblich bei, indem er Grass’ Werke in hochkarätiger Druckqualität publiziere. Kogel selbst arbeitet derzeit an einer umfassenden Hörbuch-Edition, die er im Herbst anlässlich des 90. Geburtstages von Günter Grass veröffentlichen will. Dafür nutzt der Hörfunkjournalist den audio-visuellen Nachlass, der von Mitarbeitern der Stiftung gesichtet, geordnet und konserviert wird. „Ich könnte das notfalls auch von zu Hause aus machen, aber die Audio-Edition entsteht jetzt hier im Medienarchiv. Und der Editionsplan ist mit Grass noch abgesprochen worden – kurz vor seinem Tod.“ Publiziert werden Hörbücher, die Grass selbst gelesen hat. Im Gegensatz zu anderen Autoren sei Grass nämlich ein begnadeter Vorleser gewesen, unterstreicht Jörg-Dieter Kogel.

Das audio-visuelle Archiv der Günter- Grass-Stiftung in Bremen-Nord trage maßgeblich zur weltweiten Reputation des Literaten bei, weiß der Experte. Ebenso wie das Göttinger Günter-Grass-Archiv am Sitz des Verlegers, das Lübecker Günter Grass-Haus mit dem bildkünstlerischen Nachlass und das Archiv in Berlin mit den Original-Manuskripten.

„Nach dem Tod von Günter Grass haben sich die Anfragen von Forschern, Medien und Privatpersonen aus dem In- und Ausland etwa verdreifacht“, erzählt Anja Hillerts-Lichtenberg, Geschäftsführerin des Medienarchivs. Das italienische Fernsehen habe hier sogar Filmaufnahmen gemacht. Bemerkenswert sei auch der Anruf einer Bremerin gewesen, die in einer Kiste ihres Vaters Schwarz-weiß-Fotos entdeckt hatte, auf denen Günter Grass in einem Starfighter des Jagdgeschwaders Richthofen in Wittmund zu sehen ist. „Ich habe die Fotos später eingescannt und dann nach Lübeck weitergegeben“, sagt die Archivarin Sonja Wohllaib. Die Finderin habe die Foto nämlich nicht zurückhaben wollen.

Aber was wollte Günter Grass in einem Starfighter? Der Schriftsteller habe sich seinerzeit im Wahlkampf für Willy Brandt stark gemacht, erläutert Jörg-Dieter Kogel. „Er war gegen eine Berufsarmee und wollte, dass jede Kaserne eine Bibliothek erhält, damit die Soldaten lesen.“ Und dafür habe sich Grass pressewirksam in den Starfighter gesetzt. Kogel: „Er wusste genau, wie die Medien funktionieren.“ Natürlich habe Grass auch die weltweite Verehrung sehr genossen. „Er steht gern auf einem Denkmal.“

Personenkult betreibe das Medienarchiv aber nicht, versichert Sonja Wohllaib. Anfangs habe sie zwar befürchtet, es könne einseitig sein, sich auf das Werk eines einzigen Schriftstellers zu konzentrieren. „Aber da tut sich ein Universum auf aus Politik, Weltgeschichte und Literaturgeschichte“, schwärmt die Medienarchivarin. „Grass ist der Ausgangspunkt, aber das ist kein Personenkult. Da wird sehr viel zurückgespiegelt.“

Grass sei selbst auch gegen einen Personenkult gewesen, betont Jörg-Dieter Kogel. Vielmehr habe er gewollt, dass auch der Nachlass der Kollegen Christa Wolf, Siegfried Lenz, Elfriede Jelinek und Adolf Muschg in Bremen-Nord archiviert wird. Und tatsächlich habe das Medienarchiv vom NDR jetzt den kompletten Audio-Nachlass von Siegfried Lenz erhalten. „Aber Grass hat sich schon als Zugpferd anerkannt“, räumt Kogel ein. „Es gibt eben keinen Wirkungsmächtigeren. Grass war das Wappentier der Republik – als Schriftsteller und als engagierter Bürger.“ Eine Persönlichkeit, die jetzt fehle. „Er hat sich immer eingemischt und ist den Leuten oft auf den Geist gegangen, aber heute redet gar keiner mehr“, bedauert der Stiftungsvorstand und fügt hinzu: „Es gibt kaum noch Intellektuelle, und die Koliken bestimmter Schriftsteller interessieren mich nicht die Bohne.“ Niemand äußere sich zu öffentlichen Themen. „Es fehlt eindeutig der Provokateur.“

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