Konservieren und Erhalten In der Corona-Pause: Im Bremer Rathaus wird die Decke restauriert

Sie gilt als Bremens schönster Festsaal: Die Obere Rathaushalle. In diesem Jahr müssen wegen Corona jedoch die zahlreichen die Events ausfallen. Die Pause wird allerdings für Restaurierungsarbeiten genutzt.
14.06.2020, 05:00
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In der Corona-Pause: Im Bremer Rathaus wird die Decke restauriert
Von Rebecca Sawicki

Von der hohen Decke hängen Modellschiffe, Nachbauten von Marineschiffen, die die Händler begleiteten, um sie vor Piraten zu schützen. Doch auch darüber befindet sich ein Kunstwerk: Insgesamt 33 Kaisergemälde zieren die 40 Meter Holz aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert über Bremens schönstem Festsaal – zumindest gilt die Obere Rathaushalle als jener. Ob sie wirklich der schönste Festsaal ist, bleibt dem eigenen Ästhetikverständnis überlassen. In jedem Fall zeugt sie von vergangenem Reichtum und alter Pracht der Hansestadt.

Normalerweise ist sie der Schauplatz zahlreicher Events, dieses Jahr ist aber alles anders. Zwar konnten die Gäste der Schaffermahlzeit noch wie gewohnt an ihren ­Tischen Platznehmen und Speisen und ­Getränke genießen, die meisten anderen Veranstaltungen jedoch wurden abgesagt. Grund dafür, wie bei allen anderen Veranstaltungsorten auch, die Pandemie. Statt die Halle verstauben zu lassen, wird die aktuelle Zwangspause genutzt, um ihre Decke zu restaurieren.

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„Bereits vor sechs Jahren gab es eine Grunduntersuchung. Dadurch sollte festgestellt werden, in welchem Zustand sich die Decke befindet. Seither hat sich allerdings viel verändert, die Farbe ist sehr fragil“, sagt die Restauratorin Aika Schnacke. Sie und ihr Team sind aus Hamburg angereist. Ihr Arbeitsplatz für die kommende Zeit: Ein ­meterhohes Gerüst, das es ihnen ermöglicht, den ersten Abschnitt der Decke zu restaurieren.

Oben auf dem Gerüst ist es warm, ein bisschen stickig und dennoch auf eine Weise beruhigend. Es überkommt einen das Gefühl, Abstand zu gewinnen, zu den Problemen des Alltags. Es ist friedlich. „Man fühlt sich dem Himmel nah“, beschreibt die Restauratorin dieses Gefühl. Sie würde ihre Arbeit als meditativ charakterisieren, auch wenn sie an heißen Tagen froh sei, irgendwann wieder an die frische Luft zu kommen. „Wir müssen uns zum Glück nicht viel bewegen. Da ist es nicht so schlimm, dass es heiß wird.“

In vier Jahren erbaut

Der Grundstein für das Bremer Rathaus wurde 1405 gelegt, bereits vier Jahre später wurde der Bau fertig gestellt. Das Haus gilt als eines der bedeutendsten Bauwerke der Backsteingotik. Die Decke der Oberen Rathaushalle allerdings stammt von einem ­Umbau von 1608 bis 1612. Wissenschaftler vermuten, dass die Originaldecke ein gotisches Tonnengewölbe war. Die neue Decke ist aus Holz, gehalten seit jeher von Eichenstämmen. Die 33 Kaisermedaillons, die damals aufgemalt wurden, zieren sie auch heute noch. Zu sehen sind die deutsch-römischen Kaiser von Karl dem Großen bis Sigismund dem Ersten. Stilistisch lassen sich diese Bildnisse dem 19. Jahrhundert statt dem 17. Jahrhundert zuordnen, da bei einer ersten Restaurierung die Originaldecke fast komplett übermalt wurde.

Auch bei einer zweiten Restaurierung in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts haben die Restauratoren viel verändert statt das Original zu bewahren. „Auch damals wurde noch viel übermalt. Seither hat sich die Berufsethik allerdings verändert. Wir versuchen zu erhalten“, erklärt Schnacke. Ziel sei, sich beim Malen nur auf die Fehlstellen zu begrenzen. Zwei Mal wurde die Decke bisher restauriert. „Unsere Arbeit wird auch erst einmal eine Weile halten, bis wieder restauriert werden muss“, sagt Schnacke.

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Vier Frauen zählt das Team um die Restauratorin. Zwei von ihnen arbeiten auf dem hinteren Teil des Gerüstes, das insgesamt knapp ein Viertel der Halle einnimmt. Sie sind bereits dabei zu retuschieren: Kleine Stellen, bei denen die Farbe komplett abgeblättert ist, tönen sie wieder ein. Die anderen beiden festigen auf dem vorderen Teil. „Das bedeutet, dass wir die lose Farbe wieder mit dem Untergrund verbinden“, erklärt die Restauratorin. Dafür arbeiten sie teils mit einer Spritze und teils mit einem Pinsel: Sie bringen das Festigungsmittel auf die Farbschicht auf und fixieren diese anschließend mit einer kleinen Rolle wieder am Untergrund.

Die bisherigen Restaurierungen sind bei näherer Betrachtung der Decke gut zu erkennen. Da sind die dicken Farbschichten, die aus der Überpinselung im 19. Jahrhundert stammen und die dünneren Farbschichten, die von der Ausbesserung in den sechziger Jahren herrühren. „Die anderen Restauratoren haben sich alle namentlich in der Decke verewigt, das haben wir nicht vor“, sagt Schnacke. Heutzutage setze man sein Zeichen dadurch, dass Restaurierungen genau dokumentiert würden. „Wir beschreiben den Zustand, wie wir die Decke vorgefunden haben, was wir gemacht haben und wie wir vorgegangen sind“, erklärt sie. So könne man nachvollziehen, womit gearbeitet wurde und wie sich der Zustand der Decke verändert hat.

Eine Decke wie ein Gemälde

Restauratoren haben Gebiete, auf die sie sich spezialisieren. „Da es sich bei der Decke um eine polychrome Holzfassung handelt, fällt sie in den Bereich von Gemälden und damit in mein Spezialgebiet“, sagt Schnacke. Die verschiedenen Bereiche der Decke sind unterschiedlich stark beschädigt. „Das hat mit der Lage zu tun, die Außenwände sind anfälliger für Witterung, an der Lüftung sammelt sich mehr Staub“, erklärt Schnacke.

An welchem der restaurierten Objekte ihr Herz am meisten hänge könne sie nicht sagen. „Im Rathaus ist es denke ich das Gemälde mit dem Schwertfisch. Das war in einem sehr desolaten Zustand“, überlegt sie. Außenstehende können oftmals kaum erkennen, dass ein Werk restauriert wurde. „Es geht dabei schließlich um minimale ­Eingriffe, die wir machen um das Werk zu erhalten“, erklärt die Restauratorin. Für ihre Arbeit brauche sie nicht nur Geduld, sondern auch Konzentration. Die Arbeit an der Decke sei natürlich anstrengend, aber erträglich. Sollte der Nacken sich irgendwann verweigern, ist Schnacke mit einem Nackenhörnchen ausgestattet. Das U-förmige Kissen könne den Nacken dann stützen, wenn es zu anstrengend werden sollte nach oben zu sehen.

Die Decke der Oberen Rathaushalle zählt, wie der Rest des Gebäudes, seit 2004 zum Unesco- Weltkulturerbe. Bereits seit 1973 steht das Rathaus unter Denkmalschutz. „Die Restaurierung in einem solchen Gebäude ist natürlich eine Arbeit, die einen mit Stolz erfüllt“, sagt Schnacke. Dennoch behandele ihr Team die Decke nicht anders als andere Objekte, die sie restaurieren. „Es geht uns ums Konservieren. Der Erhalt eines Werkes steht im Vordergrund, nicht das Werk selbst.“

Kenntnisse in Kunstgeschichte in Chemie gefragt

Der Beruf der Restauratorin ist wissenschaftlicher Natur. So müssen die Frauen sich sowohl mit Kunstgeschichte als auch mit Chemie auskennen. „Restauratorinnen brauchen auch handwerkliches Geschick, insofern ist der Beruf eigentlich ein Hybrid aus Wissenschaft und Handwerk“, fasst Schnacke zusammen. Unter der Woche arbeiten die Restauratorinnen acht Stunden täglich, währenddessen lauschen sie Hörbüchern. So läuft in der Oberen Rathaushalle momentan das Buch „Neue Vahr Süd“ vom Bremer Autor und Musiker Sven Regener – passend zum Standort des aktuellen Objekts.

Im Juli soll das Gerüst an die andere Seite der Oberen Halle geschoben werden. Dann geht es auch dort zunächst mit der Festigung und anschließend mit der Retusche los. Abgeschlossen werden soll die Restaurierung im Jahr 2021. Bis dahin werden Schnacke und ihr Team von Hamburg nach Bremen pendeln und ihren Teil für den Erhalt des Weltkulturerbes beitragen.

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