Rabba regt sich auf über ... Balla-Balla-Lalla

Lieder, die wie Gelalle im Delirium nach einer Druckbetankung klingen, sind nichts für unseren Kolumnisten. Zur Schlagerparty auf der Bürgerweide Bremen sagt er deshalb nicht olé, sondern oje.
10.08.2018, 11:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Michael Rabba

Ballermann ist inzwischen überall - auch in diesem Jahr ziehen Vertreter dieser Szene durch die Republik, die sich am Mutterort aller als "Party" euphemistisch verbrämten Niveau-Abstürze einen (zweifelhaften) Ruf erworben haben.

"Düp düp", "gal gal"

Olé, olé? Mir kommt mehr als spanisch vor, was die Ballermänner dem Partyvolk um die Ohren hauen. Und die Ballerfrauen natürlich, so viel Gendergerechtigkeit muss sein. Zwar spielt Gendergerechtigkeit beim Thema Ballermann - nomen est omen - keine Rolle. Aber auch die holde Weiblichkeit in Gestalt zum Beispiel von Mia Julia steuert schließlich Texte wie „Düp düp düp, düp dü dü dü dü düp“ zum Kulturerbe der Menschheit bei.

Wie der gerade zitierte klingen viele sogenannte Party-Hits wie nach einer Druckbetankung im Delirium hervorgewürgtes Gelalle. Balla Balla-Lalla. Noch ein Beispiel gefällig? Bitteschön: „Senegal, gal, gal, illegal, scheiß egal, gal, gal, Wuppertal“. Wenigstens nennt sich der Typ, der diese jeden Sinnes beraubten Wörter zu Schall werden lässt, „Honk“. Was zumindest ein bisschen Talent zur Selbstironie vermuten lässt.

"Dicke Titten Kartoffelsalat"

Wenn ich „Johnny, Johnny Däpp, Däpp, Däpp, Johnny Däpp, Däpp“ höre, klingt das in meinen Ohren immer wie Depp. Aber es geht ja noch depperter. Ein Typ namens "DJ Düse" singt "Titten raus, es ist Sommer, Ding Dong Ding Dong" (Mann kann froh sein, dass noch keine Duse als Anwort auf Düses dämlichen Text "Pimmel raus, es ist Sommer" krakeelt). Und Ikke Hüftgold gröhlt „Olé, Olé, Olé – Dicke Titten Kartoffelsalat“. Darauf muss man erstmal kommen. Aber Ikke, der in seinem Trainingsanzug daherkommt wie eine missglückte Persiflage von Cindy aus Marzahn, hat ja auch Abitur. Wenn man den im Netz über ihn verbreiteten Informationen vertrauen kann. Über DJ Düse ist nichts dergleichen überliefert.

Hackevoll und Entenkopf

Mickie Krauses „Jan Pillemann Otze“ und sein absonderliches Rezept für männlichen Balzerfolg „Biste braun, kriegste Fraun“ muten im Vergleich zu „Däpp, Däpp“, „Düp Düp“ und "Ding Dong" fast wie literarische Kleinode an. Zumindest, wenn man in Anlehnung an einen weiteren Krause-Song immer dann Bier geholt und konsumiert hat, wenn man hört, was der wirklich singt.

Das wird denn auch ausdrücklich von den Akteuren hinterm Mikro empfohlen. Ikke Hüftgold etwa blökt „Hackevoll durch die Nacht“, und ein möglicherweise menschliches Wesen (die Maskierung mit Entenkopfmaske lässt das nur vermuten) mit dem echt einfallsreichen Namen „Ingo ohne Flamingo“ lässt uns wissen: „Saufen, morgens, mittags, abends, ich will saufen“.

Erklärungsversuche

Dass man solchen akustischen Blödsinn anbietet, wenn er sich gut verkaufen lässt, kann ich ja verstehen. Doch warum übt es auf so viele Menschen einen großen Reiz aus, im Kollektiv "Däp Däp" und "Gal gal" mitzubrüllen, und warum gelingt es ihnen, das "Achtung Verarschung" mahnende Unterbewusstsein dabei auszuschalten? Alkohol ist eine Erklärung. Dazu sei Mia Julia erneut zitiert: "Wir denken nicht zurück, wir denken nicht nach vorn; 1,2 Bier; 3,4 Korn".

Aber es gibt tiefer gehende Erklärungsversuche. Denn die Interpreten der zu Leber gehenden Botschaften und deren Rezipienten haben es nicht nur geschafft, sich Spötteleien wie dieser ausgesetzt zu sehen, sondern auch, Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung zu werden. Die Ballermann-Party sei ein "außeralltäglicher Ort", an dem der Mensch eine "unreflektierte Unmittelbarkeit" erleben könne, erläutert der Soziologe Sacha Szabo in einem Interview mit dem Philosophie Magazin.

„Unreflektierte Unmittelbarkeit“ - herrlich. Dazu sage ich olé!

Ach ja, aufgepasst: Zeitgleich zu "Bremen Olé" gastiert am 11. August 2018 ein "Zirkus des Horrors" auf der Bürgerweide. Da besteht Verwechslungsgefahr!

Alle "Rabba regt sich auf"-Beiträge gibt es in unserem Dossier.

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