"Wir sind mit allen Wassern gewaschen" Guano Apes veröffentlichen nach acht Jahren wieder ein Album

2003 gab es mit "Walking The Line" das letzte Lebenszeichen der Guano Apes. Jetzt kehrt die Göttinger Band mit ihrem neuen Album "Bel Air" zurück.
01.04.2011, 00:00
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Von Christina Zimmermann

2003 gab es mit "Walking The Line" das letzte Lebenszeichen der Guano Apes. Jetzt kehrt die Göttinger Band mit ihrem neuen Album "Bel Air" zurück.

"Irgendwann hat es einfach gereicht" - so klingt Henning Rümenapps Fazit. Obwohl die Guano Apes 2003 mit ihrem damals dritten Album "Walking on a Thin Line" auf Platz eins der Charts schossen, trennte sich die Band noch im gleichen Jahr. Vieles hat sich seither getan - musikalisch wie privat. Dass die Musiker, die sich zwischenzeitlich eigenen Projekten gewidmet hatten, jetzt mit ihrer neuen gemeinsamen Platte "Bel Air" zurückkommen, überrascht sie selbst wohl am meisten. Von Erfolgsdruck ist im Interview nichts zu spüren: Gitarrist Henning Rümenapp, der mittlerweile auch als Dozent arbeitet, und Frontfrau Sandra Nasic, die vor vier Jahren ihr Soloalbum "The Signal" veröffentlichte, sitzen völlig entspannt auf der Couch und erzählen, wie es war, wieder die alten Hits zu spielen, was sich alles verändert hat und warum Bassist Stefan Ude eigentlich an allem schuld ist.

teleschau: Wie fühlt es sich an, nach acht Jahren Pause wieder hier zu sein?

Sandra Nasic: Ungewohnt gewöhnlich. Es ist viel Zeit vergangen, aber endlich sind wir wieder am Start.

teleschau: Nervös?

Henning Rümenapp: Klar! Es ist toll, endlich unser neues Album zu präsentieren. Wir arbeiteten so lange daran, jetzt bekommen wir das langersehnte Feedback.

teleschau: Vor einiger Zeit konntet Ihr bei verschiedenen Festivals schon wieder Live-Luft schnuppern ...

Nasic: Und ich war total nervös! Wie beim ersten Auftritt. Ich brauchte vorher ein Glas Rotwein. Auf der Bühne ging es aber in Mark und Bein über.

teleschau: Wer hatte überhaupt die Idee, die Guano Apes noch einmal aufleben zu lassen?

Nasic: Unser Bassist Stefan. Er ist immer schuld (lacht). Eigentlich wollte ich ihn für meine Solo-Auftritte abwerben. Er spielte dann ganz brav in meiner Band und dachte sich wahrscheinlich im Hinterkopf: "Die hole ich schon zurück!"

teleschau: Und wie war es, wieder gemeinsam die alten Hits zu spielen?

Rümenapp: Wir lagen vor Lachen am Boden! Teilweise mussten wir Songs auch wieder neu lernen. Irgendwann kam dann der Zeitpunkt, dass die Hände von alleine spielten und Sandra der Text wieder eingefallen ist. Zunächst wollten wir erst wieder nur live spielen. Weil sich das aber für uns alle gut anfühlte, fassten wir den Entschluss, weiterzumachen und uns an ein neues Album heranzuwagen.

Nasic: Wir ließen es sachte und vorsichtig angehen. Ehrlich gesagt wollten wir auch erst einmal sehen, ob die Chemie innerhalb der Band noch stimmt ...

teleschau: ... weil Ihr Euch ursprünglich aufgrund persönlicher Differenzen getrennt habt.

Rümenapp: Als wir mit den Guano Apes durchstarteten, waren wir gerade 18 und 19, hingen dann zehn Jahre rund um die Uhr aufeinander. Irgendwann hat es einfach gereicht. Es war auch gut, dass wir uns alle erst einmal nicht sahen. Jeder konnte sich um sein eigenes Leben und um die Dinge kümmern, die für jeden separat wichtig waren. Als wir uns jetzt wieder die alten Geschichten erzählten, fügte sich alles wie ein großes Puzzle zusammen. Auch, weil wir darüber sprachen, was jeder von uns wie empfand. Dadurch wurde das Bild von früher erweitert. Das Charmante war schließlich, dass wir feststellen konnten, wie viel wir gemeinsam erreicht haben und wie das jeder von uns wertzuschätzen weiß. Und natürlich, wo damals die Probleme lagen. Umso schlauer sind wir jetzt hoffentlich beim nächsten Anlauf.

teleschau: Vielleicht seid Ihr mittlerweile einfach erwachsen geworden ...

Nasic: Wir üben einen Beruf aus, in dem es Luxus ist, Kind zu bleiben. Genau deswegen will ich Musik machen. Natürlich sind wir alle gereift, mit vielen Dingen gehen wir heute anders um als früher. Jetzt haben wir eine gewisse Lässigkeit. Das ist sehr angenehm, denn wir können uns nun auf das Wesentliche konzentrieren und werden nicht mehr so oft von unseren Egos abgelenkt. Die haben wir zwar immer noch und die sind auch immer noch ziemlich groß, aber das ist schon in Ordnung so. Wir setzen sie mittlerweile anders ein - für die Musik und für die Band. Das bringt uns momentan wahnsinnig viel.

teleschau: Geht Euch die Band also wieder über alles?

Rümenapp: Ich glaube, im Vergleich zu früher setzt jeder von uns mittlerweile andere Prioritäten. Die Jahre, in denen wir nicht als Guano Apes aktiv waren, nutzten wir auch, um privat weiterzukommen. Das wollen wir jetzt natürlich nicht so ohne Weiteres an den Nagel hängen, nur um rund um die Uhr für die Band da zu sein. In unserer Branche hat erst einmal alles viel Zeit, dann muss es aber meistens sehr schnell gehen, am besten gestern fertig sein. Wir haben heute Erfahrung, um damit relaxter umzugehen.

teleschau: Gibt es noch Wegbegleiter von damals?

Nasic: Die Stammleute, aber nicht viele. Für uns ist eine neue Zeit angebrochen, auch musikalisch. Wir wollten uns unbedingt ein neues Umfeld schaffen, mit Leuten, die keine Altlasten mitschleppen.

teleschau: Was sagen Eure Familien zu Eurem Vorhaben?

Nasic: Meine Mutter war vor acht Jahren bei unserem Abschlusskonzert in Braunschweig dabei. Damals freute sie sich sehr für mich, weil sie wusste, dass jetzt was anderes in meinem Leben passieren muss. Als wir dann im letzten Jahr in Polen auf dem Woodstock Festival spielten, war sie wieder dabei. Sie war fast am Heulen, als sie uns auf der Bühne sah. Sie meinte, man konnte richtig merken, dass wir uns selbst befreit und wieder Freude innerhalb der Band haben.

teleschau: Standen Eure Eltern von Anfang an hinter Eurer Musikkarriere?

Nasic: Meine Mutter roch den Braten sehr früh, kaufte mir auch sofort eine Gesangsanlage. Sie merkte, dass da was dahintersteckt und glaubte immer an mich. Sie machte nie Druck, unterstützte mich, wo es ging. Meinen Vater freute es sowieso. Er spielte selbst in einer Band, hatte aber keine Musikkarriere. Umso stolzer ist er jetzt auf mich. Nach Rock am Ring rief er mich an, um mir zu sagen, dass ich ihn stark an ihn selbst in seiner Jugend erinnere - als er betrunken war (lacht).

Rümenapp: Ob das wirklich positiv ist (lacht)? Nun, Eltern sind ja immer nur auf die Existenz ihrer Kinder bedacht. Hauptsache weg von der Straße. Ironischerweise sind wir genau dort gelandet.

teleschau: Wenn ihr Eure Karriere 2011 erst starten müsstet, wäre das mitunter schwieriger als Ende der 90-er?

Nasic: Newcomer haben es nie leicht. Wir haben einen langen Weg hinter uns, auch bei uns funktionierte es nicht von Anfang an. Man muss zäh sein. Dennoch wäre es schwieriger, heutzutage bei Null anzufangen - bei der Masse an Musikern, dem Internet ...

Rümenapp: Ich würde nicht tauschen wollen! Klar, man kann schon mal für einen Kasten Bier quer durch die Republik fahren, dann vor 13 Leuten spielen, ein T-Shirt und eine CD verkaufen. Seinen Lebensunterhalt verdient man sich damit aber nicht.

Nasic: Das Problem ist, dass der amerikanische Markt überall reindrückt und leider immer noch Priorität hat. Das ärgerte mich vor zehn Jahren und das tut es heute immer noch. Ich finde, wir sollten etwas mehr französisch denken und stolzer mit unseren eigenen Produkten umgehen. Deutsche Musik ist weiß Gott nicht schlechter als amerikanische.

teleschau: Was haltet Ihr vom Castingwahn im deutschen TV?

Rümenapp: Das ist eine andere Welt. Dort werden medienwirksame Interpreten gesucht, bei uns geht es um Künstler und Autoren. Leute, die ihren eigenen Stiefel machen und sich authentisch präsentieren. Allerdings bin ich gespannt, wohin sich das entwickeln wird. Gerade in Zeiten von Lena Meyer-Landrut, die als Charakterkopf aus den generell gesichtslosen Interpreten heraussticht.

teleschau: Als die Guano Apes anfangs noch keine Sängerin hatten, habt ihr selbst quasi ein Casting veranstaltet. Wie hast Du die drei Männer denn überzeugt, Sandra?

Nasic: Ich bin mir sicher, gute Leute finden sich. Aber was glaubst Du, an wie vielen Probetüren ich gehorcht habe! Ich musste lange nach einer Band suchen, die etwas Spezielles hatte.

Rümenapp: Auch für uns war es wahnsinnig schwer, jemand wirklich Gutes zu finden. Wir probierten ein paar Leute aus, aber das war katastrophal. Sandra nahm einfach das Mikro in die Hand und uns war es klar. Sowas gibt es nicht zweimal.

teleschau: War es nicht manchmal anstrengend, mit drei Typen unterwegs zu sein?

Nasic: Manchmal ja. Mittlerweile bin ich es gewohnt, und wir nehmen sehr viel Rücksicht aufeinander, und wenn sie mir auf die Nerven gehen, werfe ich sie aus meiner Lounge (lacht). Es wird nie langweilig. Am meisten freue ich mich jetzt auf unsere Europa-Tour. Obwohl ich eigentlich viel lieber im Studio sitze, als auf der Bühne zu stehen. Ich drehe bis in den Morgen hinein an Knöpfen. Das ist meine Welt.

teleschau: Seid Ihr denn selbstkritisch und analysiert Eure Shows im Nachhinein?

Nasic: Ich schaue mir das selten an! Dann halte ich meist einen Song lang durch. Die anderen sollen mir später sagen, was besser gemacht werden muss.

Rümenapp: Wir waren schon immer eine Band, die frei Schnauze und aus dem Bauch heraus spielt. Dadurch machten wir aber auch schon ganz schön viel Scheiß (lacht). Zum Beispiel beim "Sziget"-Festival zwölf Minuten am Stück so richtig schlecht jammen. Zumindest wir fanden das voll geil.

teleschau: Ab April geht ihr auf Europa-Tour, im Herbst kommt ihr nach Deutschland. Habt ihr ein bisschen Angst vor dem ersten Konzert?

Rümenapp: Klar, am Anfang ist jeder nervös. Wie geht der Text noch gleich? Wie heißt der Song jetzt richtig? Denn es wird bestimmt wieder so sein, dass irgendwelche neuen Songs auf der Set-Liste stehen und die Hälfte von uns nicht weiß, welcher es ist. Ich freue mich schon. Dann passieren so Sachen, dass unser Schlagzeuger Dennis einzählt und alle vier was anderes spielen. Aber dafür gibt's ja die Proben.

Nasic: Und wir haben dafür einfach genug Erfahrung. Wir improvisieren und keiner merkt es.

Rümenapp: Außerdem ist uns schon genug Scheiße passiert. Abgerissene Kabel, ausgefallene Funkmikrofone, zertretene Schlagzeuge, gerissene Saiten, Stromausfall, ein Bassist, der fünf Minuten vor Show-Beginn am Tropf hinter der Bühne liegt, dass jemand mal aufs Klo muss ...

Nasic: War das als wir den Burger gegessen haben aus dem ... ?

Rümenapp: Das brauchst du jetzt nicht erzählen!

Nasic: Das Mikro war auf dem Klo noch an, nur so viel. Und weißt du noch, als ihm die Seeigelstacheln aus der Hand entfernt werden mussten?

Rümenapp: Oder sein Gesicht wegen einer Eiweißallergie aufgeblasen war?

Nasic: Du siehst, wir sind mit allen Wassern gewaschen. Wir müssen irgendwann echt noch ein Buch schreiben. "Sodom und Gomorra" wird das dann heißen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+