Angststörungen

Vom Nutzen der Angst

Sorgen und Ängste sind von jeher feste Bestandteile des menschlichen Lebens. Wissenschaftler versuchen, den unterschiedlichen Facetten des Themas Angst auf den Grund zu gehen.
20.11.2017, 21:59
Lesedauer: 6 Min
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Vom Nutzen der Angst
Von Jürgen Wendler

Sorgen und Ängste sind von jeher feste Bestandteile des menschlichen Lebens. Ihre herausragende Rolle lässt sich auch an den übersteigerten Formen ablesen, in denen sie oftmals auftreten. So bescheinigen Wissenschaftler einem bis fünf Prozent der Menschen in den Industrieländern, unter Schlangen- und Spinnenphobien zu leiden.

Rund 20 Prozent der Bevölkerung erkranken nach Angaben aus dem Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie irgendwann in ihrem Leben an Angststörungen, zu denen neben den Phobien auch unspezifische Ängste gerechnet werden. Den Deutschen wird nachgesagt, allgemein eher ängstlich zu sein. Manche sprechen von „German Angst“, um sich darüber lustig zu machen oder auch gezielt Sorgen herunterzuspielen.

Besonders erhellend ist der Ausdruck allerdings nicht. Dafür versuchen Wissenschaftler, den unterschiedlichen Facetten des Themas Angst auf den Grund zu gehen. Dabei fördern sie tatsächlich viel Erhellendes zutage: über die evolutionären Wurzeln der Angst, die Körpervorgänge, die mit Angst verbunden sind, oder auch darüber, wie Ängste eingesetzt werden, um Menschen zu beherrschen.

Emotionen sind wichtig

Experten sind bemüht, sehr genau zwischen Furcht und Angst zu unterscheiden. Menschen können sich vor etwas Bestimmtem fürchten, beispielsweise einer Schlange, einer Spinne oder einem anderen Tier. Sie können aber auch allgemein von Angst geplagt werden, einem Grundgefühl, das ihr Erleben beeinflusst.

Der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers (1883 bis 1969) hat es so ausgedrückt: „Furcht ist auf etwas gerichtet, Angst ist gegenstandslos.“ Die Furcht vor Spinnen wird als Arachnophobie, die vor Kriechtieren wie Schlangen als Herpetophobie bezeichnet. Möglich ist auch, dass Angst ohne erkennbaren Grund auftritt, dass Menschen von plötzlicher Panik gepackt werden.

Wenn jemand sich ärgert, freut, traurig oder eifersüchtig ist, beeinflusst dies unter Umständen sein Verhalten gegenüber anderen. Er reagiere emotional, heißt es dann. Emotionen sind jedoch wichtig – eine Tatsache, die sich bei Furcht und Angst besonders deutlich zeigt. Sie helfen Menschen – und auch Tieren –, gefährliche Situationen zu vermeiden oder zu überstehen.

Evolutionärer Ursprung der Angst vor Schlangen und Spinnen

Wer sich fürchtet oder ängstlich ist, wird Verhaltensweisen unterlassen, die gefährlich sein könnten. Sprich: Furcht und Angst sind lebenswichtig. Sie schaffen die Voraussetzung, um Bedrohungen rechtzeitig erkennen und damit umgehen zu können. Wissenschaftler weisen unter anderem darauf hin, dass Menschen von den zahllosen Sinnesreizen, denen sie ausgesetzt sind, nur einen Bruchteil bewusst wahrnehmen.

Reize, die für das Überleben wichtig seien beziehungsweise Gefahr signalisierten, hätten aus evolutionären Gründen, also aufgrund der langen Entwicklungsgeschichte, besonderes Gewicht. Nur so sei es möglich, in Gefahrensituationen schnell zu reagieren.

„Wir gehen davon aus, dass die Angst vor Schlangen und Spinnen einen evolutionären Ursprung hat“, erklärt die Professorin Stefanie Hoehl, die als Entwicklungspsychologin am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und an der Universität Wien tätig ist. Offensichtlich seien bei Menschen wie auch bei anderen Primaten von Geburt an Mechanismen im Gehirn verankert, dank derer Objekte sehr schnell als vermeintliche Spinnen oder Schlangen identifiziert werden könnten.

Nervenzellen als Alarmsystem

Eine Bestätigung dieser Annahme sieht die Wissenschaftlerin in Beobachtungen, die sie und Kollegen – unter anderem von der Universität Uppsala in Schweden – bei sechs Monate alten Babys gemacht haben. Schon diese reagieren demnach beim Anblick solcher Tiere gestresst. "Als wir den Kleinen Bilder einer Schlange oder Spinne zeigten statt etwa einer Blume oder eines Fisches gleicher Farbe und Größe, reagierten sie mit deutlich vergrößerten Pupillen“, erläutert Stefanie Hoehl.

Dies sei bei gleichbleibenden Lichtverhältnissen ein wesentliches Anzeichen dafür, dass im Gehirn ein bestimmtes, von Fachleuten als noradrenerg bezeichnetes System aktiviert werde, das mit Stressreaktionen in Verbindung stehe. Anders ausgedrückt: Es handelt sich um ein Geflecht von Nervenzellen, das als Alarmsystem dient.

Zu den körperlichen Folgen von Furcht und Angst gehört unter anderem, dass die Herzfrequenz steigt. Der Organismus wird in die Lage versetzt, schnell reagieren, das heißt zum Beispiel die Flucht ergreifen zu können. Bilder von Nashörnern, Bären oder anderen Tieren, die theoretisch ebenfalls gefährlich werden könnten, lösen bei Babys keine Angstreaktionen aus, wie Wissenschaftler aufgrund von anderen Studien wissen.

Bei nüchterner Betrachung unangemessen

Die Ursache vermuten Stefanie Hoehl und ihre Kollegen in der Tatsache, dass gefährliche Reptilien und Spinnentiere in der Entwicklungsgeschichte des Menschen und seiner Vorfahren schon sehr viel früher eine Rolle spielten als die genannten Säugetiere. Im Falle der Schlangen und Spinnen, so die Forscher, hätten sich die Reaktionen über viele Millionen Jahre im Gehirn verankern können.

Aufgrund ihres evolutionären Erbes reagieren Menschen in einer Weise, die bei nüchterner Betrachtung unangemessen ist. In Deutschland kommen von Natur aus ohnehin nur wenige Schlangenarten vor, von denen lediglich zwei giftig sind: die Kreuzotter und die Aspisviper. Letztere ist hierzulande nur im Schwarzwald anzutreffen, und Kreuzottern wird nachgesagt, sehr scheu zu sein, rasch die Flucht zu ergreifen und nur bei massiver Bedrohung zuzubeißen.

Von den Spinnenarten, die für Menschen zu einer Gefahr werden könnten, ist in Deutschland nicht eine einzige heimisch. Selbst im globalen Maßstab gibt es nur wenige gefährliche Spinnenarten. Ein Beispiel ist die in Australien heimische Sydney-Trichternetzspinne, deren Biss tödlich sein kann. Dass zu viel Angst und Stress alles andere als gut für die Gesundheit sind, ist seit Langem bekannt.

Panikattacken lassen sich gut behandeln

Vor diesem Hintergrund untersuchen Forscher unter anderem, welche Gehirnbereiche an der Entstehung von Furcht und Angst beteiligt sind und was genau diese im Organismus bewirken. Dass die Herzfrequenz steigt und Schweiß ausbricht, hängt nach den Erkenntnissen von Wissenschaftlern mit der Amygdala zusammen, die die nötigen Signale aussendet.

Die Amygdala, die auch als Mandelkern bezeichnet wird, gibt es im Gehirn gleich in doppelter Ausfertigung, und zwar in den Schläfenlappen. Dass neben ihr auch andere Hirnbereiche beteiligt sein müssen, legt unter anderem eine Studie nahe, die vor wenigen Jahren im Fachjournal „Nature Neuroscience“ veröffentlicht worden ist. Die Wissenschaftler, darunter Professor René Hurlemann vom Universitätsklinikum Bonn, konnten zeigen, dass auch Menschen, bei denen beide Amygdalae geschädigt sind, starke Furcht empfinden können.

Zahlreiche Menschen kennen das Phänomen, dass sie plötzlich, scheinbar aus dem Nichts starke Angst empfinden. Psychologen und andere Fachleute sprechen in solchen Fällen von Panikattacken und betonen zugleich, dass es sich um ein Problem handele, das zwar für die Betroffenen sehr belastend sei, das sich aber vergleichsweise gut behandeln lasse. Wichtig sei zum Beispiel, sich bewusst zu machen, dass die Attacke von sich aus, das heißt ohne Zutun des Betroffenen, nach relativ kurzer Zeit abklinge.

"Ängste und Lebensstile gehören zusammen"

Von ganz anderer Art sind die Ängste beziehungsweise Sorgen, von denen in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen die Rede ist. Auch mit ihnen haben sich in den vergangenen Jahren viele Wissenschaftler beschäftigt, darunter der Soziologe Andreas Schmitz von der Universität Bonn.

Gemeinsam mit zwei norwegischen Kollegen hat er kürzlich im Fachjournal „Sociological Review“ eine Studie veröffentlicht, die deutlich macht, dass die Sorgen und Ängste von Menschen stark von ihrer wirtschaftlichen Lage und ihrem kulturellen Hintergrund abhängen. „Ängste und Lebensstile gehören zusammen. Sie sind Teil einer entsprechenden Lebenswelt“, erklärt Schmitz, der darüber hinaus auf ein grundsätzliches Problem aufmerksam macht: Ängste können nach seinen Angaben auch zu einem Herrschaftsinstrument werden.

Schmitz und seine Kollegen haben Umfragedaten von knapp 4000 Norwegern ausgewertet. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass Menschen mit geringem Einkommen und geringer Bildung sich eher vor Arbeitslosigkeit fürchten, während Leute mit einem hohen Bildungsstand sich besonders häufig um den Treibhauseffekt sorgen, und zwar weitgehend unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Situation.

Ängste sind auch ein Herrschaftsinstrument

Das Ergebnis lässt sich nach den Worten des Bonner Soziologen auf Deutschland übertragen. „Auch hierzulande hat jede Schicht ihre typischen Ängste.“ Um Umweltschutz und Klimawandel sorgten sich vor allem die Gebildeten. Diese Sorge sei fester Bestandteil des Denkens der Bildungselite, die in West- und Nordeuropa die öffentlichen Erörterungen zu einem großen Teil bestimme.

Diese Dominanz beziehungsweise Deutungshoheit führt laut Schmitz dazu, dass manche Sorgen als objektiv begründet, andere – so etwa die Furcht vor Überfremdung – als unangemessen betrachtet werden. Insofern seien Ängste auch ein Herrschaftsinstrument. Indem Eliten die Vorstellung vermittelten, dass ihre Sorgen die richtigen und wichtigen seien, inszenierten sie zugleich ihre Überlegenheit. Und nicht nur das: Sie festigten damit auch ihre Machtposition.

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