Bremen Auftakt des Tanzfestivals „Africtions“ im Theater am Goetheplatz

Bremen. Das Interesse europäischer Choreografen an afrikanischer Tanzkunst ist groß. Schon in den Achtzigerjahren reiste Susanne Linke, die frühere Leiterin der Tanzsparte am Bremer Theater, nach Afrika, um mit den dort heimischen Künstlern zu arbeiten.
08.11.2014, 00:00
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Auftakt des Tanzfestivals „Africtions“ im Theater am Goetheplatz
Von Alexandra Albrecht

Das Interesse europäischer Choreografen an afrikanischer Tanzkunst ist groß. Schon in den Achtzigerjahren reiste Susanne Linke, die frühere Leiterin der Tanzsparte am Bremer Theater, nach Afrika, um mit den dort heimischen Künstlern zu arbeiten. Für Choreografen muss der Kontinent viele Anregungen bereit halten, ist der Tanz in Afrika doch noch viel selbstverständlicher im Alltag integriert. Und anders als bei uns hat er dort seine rituelle, Menschen verbindende, sinnstiftende Funktion nie verloren. Auch Helge Letonja, Leiter des Bremer „steptext dance projects“, hat schon verschiedentlich mit afrikanischen Tänzern gearbeitet. Nun präsentiert er mit Partnern, vor allem mit dem Theater im Pfalzbau Ludwigshafen, das Festival „africtions“, das Arbeiten mit und von afrikanischen Tanzkünstlern umfasst.

Zum Auftakt im gut besuchten Theater am Goetheplatz stellte Helge Letonja eine eigene Choreografie vor, das Stück „Boxom“, das er mit Tänzern und Musikern aus dem Senegal kreiert hat. Boxom bezeichnet ein zusammengeknülltes Papier, dessen Netz aus Faltlinien für die vielfältigen Verbindungen der Menschen untereinander stehen. Der Abend beginnt mit einer ruhigen Szene: Vor der Kulisse von zwei nur angedeuteten Häusern fegt eine Frau im Dämmerlicht den Boden. Ein Uniformierter sitzt mit einer Flagge auf dem Schoß auf einem Stuhl, ein anderer schläft, im Hintergrund reckt und streckt sich jemand. Als eine weiße Frau auftaucht, kommt Leben in die Szene. Sie wird mit Stoffen behängt, ein Tuch wird um ihren Kopf geschlungen: Madame hier, Madame da. Aber sie kauft keine der angebotenen Waren, sie kehrt sich um und geht. Gewalt entlädt sich in der Gruppe, die schweren Stoffe werden auf den Boden geschlagen.

Helge Letonja arbeitet in den Duetten und Gruppenszenen die Unterschiede der europäischen und afrikanischen Bewegungskultur heraus. Das weiße Paar legt vorsichtig seine Hände aufeinander, die Kontakt suchen und gleichzeitig den anderen auf Abstand halten. Häufig verraten die Bewegungen der zwei eine Befangenheit im Umgang mit dem Gegenüber, ein ängstliches Lavieren. Ihre eckigen Bewegungen lassen sie dann wie Fremde im eigenen Körper aussehen. Ganz anders die Tänzerinnen und Tänzer aus dem Senegal, sie geben sich der Musik und der Bewegung hin, hier wirkt nichts verkopft oder gar skrupulös Werden hier Klischees bedient? Schon, aber Klischees haben eben auch immer einen wahren Kern. Helge Letonja kann ganz auf seine ausdrucksstarken Akteure vertrauen, sein Abend lebt vor allem von ihnen und ihrer Bühnenpräsenz.

Die männlichen Tänzer explodieren geradezu auf der Bühne, ihre unglaublich schnellen, akrobatischen Bewegungen führen sie immer präzise aus. Letonja sind einige schöne Bilder gelungen, etwa, als weiße Tutus vom Himmel schweben und in der Dunkelheit der Bühne wie Algen im Meer aussehen.

Der ursprünglich für heute angekündigte Höhepunkt des Festivals, die Aufführung von Dada Masilo’s Carmen, musste abgesagt werden. Stattdessen ist im Theater am Goetheplatz „Afro-Dites/Kaddu Jigeen!“ von Germaine Acogny und Patrick Acogny zu sehen. Bis zum 16. November finden noch diverse Aufführungen in der Schwankhalle und im Theater am Leibnizplatz statt.

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