Eine Schule in Schleswig-Holstein ist heute ein Seniorenheim – die Geschichte eines demografischen Trauerfalls Der letzte Unterricht

„Wenn jemand studieren will oder einen Job sucht, geht er woanders hin.“ Bürgermeister Björn Baasch Lütjenwestedt.
31.05.2015, 00:00
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Der letzte Unterricht
Von Alexander Tietz

Auf dem Hof an der Schulstraße toben Mädchen. Sie spielen Völkerball, zwei Teams gegeneinander. Sie rennen, täuschen ihre Würfe an und greifen an, wenn es günstig ist. Manchmal ducken sich die Mädchen vor dem Ball. Oder sie versuchen ihn zu fangen. Das Spielgerät fliegt hin und her. Dann läutet die Klingel. Der Unterricht beginnt. Die Kinder rennen in das Gebäude.

85 Jahre später bewegt Anneliese Künzel ihre Beine vorsichtig. Sie hält sich an einem Rollator fest, den linken Fuß setzt sie zuerst, den rechten zieht sie nach. Mit ihren schmalen Augen schaut sie auf eine Wiese, deutet mit dem Finger darauf und sagt: „Hier war der Schulhof – ganz sicher.“ Das Mädchen, das früher mit Freundinnen Völkerball spielte, ist heute 94 Jahre alt. Heute befindet sich auf dem Hof ein Garten, in dem Anneliese Künzel die frische Luft genießt, wenn es warm ist.

Für die 94-Jährige schließt sich ein Kreis. An einem Ort, wo sie Klassenarbeiten geschrieben und ihr Leben begonnen hatte, verbringt sie ihren Lebensabend. Zwischen den Jahren 1927 und 1935 ging sie hier zur Schule. Heute bewohnt sie das Gebäude mit etwa 40 Pflegebedürftigen. Die ehemalige Volksschule in Lütjenwestedt, eine kleine Gemeinde in Schleswig-Holstein nördlich von Itzehoe, ist heute ein Pflegeheim. Ein Ort der Zukunft ist zu einem Ort der Endlichkeit geworden.

Im Flur des Hauses steht noch eine alte Schulbank. Darauf ein Gästebuch. Der letzte Eintrag stammt von einer Besucherin: „Ich komme nicht oft zu meiner Tante. Umso größer war auch diesmal wieder die Freude, sie gut aussehend und wach vorzufinden.“ Ein paar Schritte weiter befindet sich das Treppenhaus. Früher steckten auf dem Treppengeländer kleine Holzknubbel, damit Kinder nicht herunterrutschen. Später wurden die Knubbel wieder abgesägt – Senioren sollten sich ungehindert am Geländer festhalten können.

Eine Familie baute das Gebäude im Jahr 1973 aufwendig zu einem Pflegeheim um. Sie ließ Wände durch die großen Klassenzimmer ziehen, damit kleine Wohnungen entstehen. Später richtete man einen Wintergarten an der Außenseite ein, einen geräumigen Fahrstuhl gibt es auch. Überall im Haus befinden sich Rampen und kleine Treppenlifte. Im Wintergarten spielen einige Herrschaften Skat. Andere lesen ein Buch in der Sitzecke.

Das Leben an der Schulstraße ist geruhsam. Der Kinderlärm ist ausgezogen. Die Gemütlichkeit eingezogen. Die einzige Schule des Dorfes gibt es nicht mehr. Es ist ein irreversibler Wandel in einem kleinen Ort, der zeigt, was mit der Gemeinde und – überhaupt – was mit Deutschland passiert. Das Seniorenheim entstand in einer Zeit, als eine fatale Entwicklung in der Republik begann: Zwischen 1960 und 1970 brach nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Zahl der Geburten von mehr als 1,3 Millionen auf 800 000 Kinder ein. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung, was zur Folge hatte, dass der Bedarf an Seniorenheimen stieg, während die Nachfrage nach Schuleinrichtungen sank.

Im Kreis Rendsburg-Eckernförde, zu dem das kleine Dorf Lütjenwestedt gehört, wird die Bevölkerung älter. Nach Angaben des Statistikamtes Nord soll das Durchschnittsalter der knapp 270 000 Einwohner im Kreis von 44,2 Jahren in 2011 auf 48,8 Jahre in 2030 steigen. Zudem erwarten Demoskopen einen jährlichen Bevölkerungsschwund von 656 Einwohnern in Rendsburg-Eckernförde.

In Lütjenwestedt gibt es einen Mann, dem die demografische Entwicklung in seinem Dorf Sorgen bereitet. Er heißt Björn Baasch, ist 30 Jahre alt, Energie-Elektroniker und seit zwei Jahren Bürgermeister von Lütjenwestedt. In seinem Wohnzimmer toben seine zwei Söhne. Björn Baasch ist ein junger Mann, einer, der gegen die Überalterung der Gesellschaft kämpfen will. Aber er ist ein Mangelverwalter, der die jungen Menschen, die noch im Dorf sind, halten will.

Weniger als 560 Einwohner hat Lütjenwestedt derzeit. Im Jahr 2005 waren es noch 610. „Wir sind eine kinderreiche Stadt“, sagt der Bürgermeister. Zwei Drittel der Einwohner seien unter 18 Jahre alt. Doch eine andere Entwicklung zeigt, warum sich Baasch Sorgen macht. Es sind die Schülerzahlen in der Theodor-Storm-Dörfergemeinschaftsschule in Todenbüttel und in Hanerau-Hademarschen, jene nahegelegenen Schulen, die Anlaufpunkt für Kinder sind, die in Lütjenwestedt seit Schließung der Volksschule keine Bildungseinrichtung mehr haben. Nach Angaben des Bürgermeisters ist die Zahl der Jugendlichen in der Gemeinschaftsschule im Vergleich zum Vorjahr um 90 gesunken.

Der Bürgermeister von Lütjenwestedt führt den Bevölkerungsschwund auf die schwindende Attraktivität ländlicher Regionen zurück. „Wenn jemand jung ist, studieren will oder nach einem Job sucht, geht er woanders hin“, sagt Baasch. In der Gegend gebe es wenige Möglichkeiten. Junge Leute würden in Großstädte drängen, in diesem Fall in das etwa 80 Kilometer entfernte Hamburg.

Das Dorf blutet allmählich aus. Um die demografische Entwicklung zu stoppen, will Björn Baasch investieren, vor allem in Wohnungsbau, um junge Familien anzulocken. Doch das Geld droht knapp zu werden, auch, weil zehn Prozent des Haushalts, etwa 600 000 Euro, in die Erhöhung von Bordsteinen an Bushaltestellen fließen sollen – damit Barrierefreiheit für Senioren geschaffen wird.

Ein Supermarkt im Dorf hat vor kurzer Zeit geschlossen, weil es zu wenig Kunden gibt. Ähnliche Probleme beklagte ein Inhaber eines Baugeschäftes und einer Schmiede. Beide Betriebe sind dicht. Das Vogelschießen, das früher für Kinder und Jugendliche veranstaltet wurde, ist mittlerweile ein Dorffest für alle. Und die Schule, die heute ein Altersheim ist, ist auf ihre Weise gealtert, obwohl das Gebäude moderner ist als jemals zuvor. Das Pflegeheim in Lütjenwestedt erinnert heute kaum noch an eine Schule. Im Innern aber, in den Menschen, lebt die Vergangenheit. Die ersten Jahre, die man bewusst erlebt, vergehen nie. Anneliese Künzel kann kaum sprechen. Ihre Erinnerungen verschluckt ihr gealterter Mund. Es sind leise Laute, die zwischen ihren schmalen Lippen hervorkommen. Aber noch immer ist sie das Mädchen, das eine „Sportskanone“ war. Sie sagt: „Weitspringen, Laufen, Völkerball, egal. Ich konnte alles.“

Anneliese Künzel blickt dort, wo sie in die Zukunft schaute, auf ihr Leben zurück. Unweit der Schule, etwa 50 Meter entfernt, betrieben ihre Eltern eine Gastwirtschaft. Sie arbeitete als kleines Mädchen im Haushalt, half bei der Ernte, holte die Milch vom Bauern. Nach der Schulzeit heiratete sie einen Mann aus dem Dorf. Sie waren glücklich, doch ihr Mann zog in den Krieg und kehrte nie zurück. Später ging sie nach Gelsenkirchen mit einem anderen Mann. Dort arbeitete sie als Putzkraft bei einem Pastor. Ihr Gatte starb, sie war wieder allein und wurde älter.

Wollte sie ihr Lebensende in Gelsenkirchen verbringen? Diese Frage stellte sich bald nicht mehr. Ihre Tochter, Elke Sibbel, wollte sie nach Lütjenwestedt holen, auch, weil sie wusste, dass die ehemalige Schule zu einem Seniorenheim umgebaut wurde. Im Jahr 2012 zog Künzel wieder in ihre Heimat, in ihre Vergangenheit. Hier wird ihr bewusst, dass die Zeit zwischen Lebensbeginn und Lebensabend kurz ist. Dass das Leben vergeht und doch irgendwie stillsteht. Als Mutter und Tochter beim Einzug vor dem Gebäude standen, blickten sie auf die Fassade. Elke Sibbel fragte ihre Mutter: „Für immer?“. Anneliese Künzel nickte: „Ja, für immer.“

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