Fifty Shades of Kale

usiker tragen Grünkohl-T-Shirts und das Weiße Haus serviert ihn bei seinem Presseball. Online-Medien erstellen Listen mit Titeln wie: „21 Zeichen, dass unsere nationale Grünkohl-Obsession außer Kontrolle ist.
22.11.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Fifty Shades of Kale
Von Jan Raudszus

usiker tragen Grünkohl-T-Shirts und das Weiße Haus serviert ihn bei seinem Presseball. Online-Medien erstellen Listen mit Titeln wie: „21 Zeichen, dass unsere nationale Grünkohl-Obsession außer Kontrolle ist.“ Die USA sind im Grünkohlfieber und seine Anhänger suchen immer neue Wege, ihn zuzubereiten. Das Gemüse ist in den USA so beliebt, dass es bereits eine Gegenbewegung gibt: kale hater.

Fette Burger, dünnes Bier, Fleischberge und überzuckerte Limonade – die Klischees über amerikanisches Essen sind tief verwurzelt. Nur, sie ignorieren einen wichtigen Trend. Die „Foodie“-Bewegung wächst in den USA seit einigen Jahren massiv, ist ein wichtiger Teil der Popkultur geworden. Zeitschriften wie das „New York Magazine“ oder der „New Yorker“ widmen in ihren Ausgaben etliche Seiten neuen Essentrends und Restaurants. Was ist besonders gesund? Welche neuen Trends gibt es? Ganz vorne mit dabei: Grünkohl oder „Kale“ wie er auf Englisch heißt. Die Magazine veröffentlichen Artikel über ihn, berichten über Lieferschwierigkeiten. Whole Foods ist eine Supermarktkette, die sich auf gesundes Essen spezialisiert hat –kein kleines Unternehmen, sondern börsennotiert. Die Lebensmittel sind frisch, die Gemüseauswahl riesig.

In Sichtweite des neuen World Trade Centers in New York gibt es eine Filiale, in der sich die Angestellten der umliegenden Büros mittags mit Essen versorgen. Unter anderem mit ungekochtem und rohem Grünkohl. Viele Bauern naschen auf dem Feld vom Kohl, aber als Salat? An der Salatbar gibt es dort sogar mehrere Varianten mit verschiedenen Dressings und rohem Gemüse. Auch in der Gemüseabteilung liegt er, zwischen Rukola und Feldsalat. Warum auch nicht. Roh ist er etwas bissfester als Spinat und schmeckt ein wenig bitter. Eine interessante Abwechslung.

Grünkohl wird in den USA schon lange angebaut. Vor allem als Tierfutter und als herzhaftes Bauernessen. Aber seit einigen Jahren ist er ein richtiger Trend, sagt Drew Ramsey. Der ist Psychiater mit Praxis in New York und ein großer Grünkohl-Enthusiast. Sein Twitterprofil schmückt ein Bild der grünen Blätter. „In den USA schauen die Menschen immer stärker darauf, was sie essen. Sie wollen gesünder leben“, sagt Ramsey. Es gibt verschiedene Diäten und Ernährungsstile. Aber alle haben eins gemeinsam: Grünkohl passt perfekt hinein. Er ist besonders nährstoffreich, hat fast keine Kalorien und ist in der Küche vielseitig einsetzbar.

Das macht ihn für den Arzt zu einem perfekten Therapie-Instrument: „Es gibt immer mehr Untersuchungen, die den Zusammenhang zwischen Ernährungsgewohnheiten und psychischer Gesundheit belegen“, sagt Ramsey. „Die meisten Menschen stellen diese Verbindung nicht her. Aber wir können das Risiko von Depressionen um 40 Prozent reduzieren, wenn wir uns gesünder ernähren.“

Für Ramsey ein sehr gutes Argument, seinen Patienten Grünkohl als Verbesserung ihrer Ernährung zu empfehlen. „Wir wissen, dass es wenig bringt, den Menschen zu sagen, sie sollen sich gesünder ernähren“, sagt er. „Aber wenn ich rate: Essen Sie mehr Grünkohl, und ich kann meinen Patienten auch noch eine ganze Reihe von leckeren Rezepten zeigen, dann funktioniert das.“ Er hat zusammen mit der Profi-Köchin Jennifer Iserloh 2013 das Kochbuch „50 Shades of Kale“ veröffentlicht. Ein Haufen Gerichte, auf die auch die grünkohlgewöhnten Norddeutschen vermutlich nie gekommen wären, stehen darin. Da finden sich dann neben Rezepten für Grünkohlsalat auch solche für Grünkohl-Smoothies, Grünkohl-Cocktails und sogar für Schokoladenkekse mit Grünkohl. Ramseys Favorit ist die Grünkohl-Mayonnaise – „Kaleyonnaise“. „Mayonnaise ist nicht unbedingt etwas, das viele Leute mit gesundem Essen in Verbindung bringen, aber wenn ich Grünkohl hinzufüge, dann bekomme ich für fast keine Kalorien so viele gute Sachen dazu.“

Auch im Supermarkt gibt es eine ganze Palette von Grünkohlprodukten, nicht nur Salat. Aus Grünkohl lässt sich offenbar fast alles machen. Die vermutlich derzeit auch in Deutschland bekannteste Variante sind die Grünkohlchips. Getrocknete Grünkohlblätter sind das, meistens angemacht mit etwas Gewürz, riechen sie wirklich stark nach Grünkohl. Allerdings schmecken sie zunächst vor allem nach den Gewürzen. Erst nach einigen Sekunden verbreiten die krümeligen Blätter im Mund den säuerlichen und bitteren Geschmack von kaltem Kohl.

Die Smoothie-Welle hat bereits vor einigen Jahren auch Europa erreicht. Aber Smoothies aus Grünkohl? Das Vergnügen ist gewöhnungsbedürftig, denn im Gegensatz zu anderem Blattgrün, hat der Kohl einen kräftigen Eigengeschmack. Er fällt bei dem Saftmix „Kaleforina“ erstaunlich wenig auf. Der riecht zwar ein wenig danach, aber schmeckt eigentlich nur ein bisschen säuerlich.

Ganz anders der „Green Zinger“. Bereits beim Öffnen der kleinen Flasche verbreitet sich ein intensiver Grünkohlgeruch. Und genauso schmeckt das Getränk auch: wie flüssiger Grünkohl. Die außerdem enthaltene Jalapeno macht das Ganze dann noch extrem scharf.

Überrascht es bei diesem ganzen Kreativdrang, dass es bereits Eiscreme mit Grünkohl gibt? „The Puddle Jumper“ – der Pfützenspringer – ist allerdings ein ziemlich teures Spezialeis. Die Macher haben Grünkohlsaft mit Birne und Banane kombiniert. Das schmeckt überraschend gut. Eigentlich gar nicht nach Grünkohl, sondern vor allem nach Banane und etwas säuerlich. Wenn man sich an die grünliche Farbe gewöhnen kann, eine erfrischende Alternative.

Was das alles zeigt: Grünkohl ist auf einem guten Weg, fester Teil der amerikanischen Küche zu werden. Um dieses Ziel weiter voranzutreiben, haben Ramsey, seine Ko-Autorin Jennifer Iserloh und ein paar andere 2013 den nationalen Grünkohltag ausgerufen. Denn sie wollen, dass mehr Menschen zu dieser gesunden Alternative greifen. Jedes Jahr Anfang Oktober werben sie für den Kohl, veranstalten eine große Grünkohlparty. Sie haben ihre Idee inzwischen in eine kleine gemeinnützige Organisation umgewandelt und die hat beeindruckende Partner. So bekommen am nationalen Grünkohltag die Schüler im öffentlichen Schulsystem New Yorks Grünkohlsalat angeboten. Ein Krankenhaus in Indianapolis baut seinen eigenen Kohl an und verarbeitet ihn im Krankenhausessen.

Drew Ramsey ist sich sicher, das läuft: „Es gibt sogar schon eine Gegenbewegung zum Grünkohl, Grünkohlhasser“, erzählt er. Ein sicheres Zeichen, dass die Menschen in den USA mit ihrem Grünkohl ziemlich weit seien.

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