„Ganz unterschiedliche Lebensgeschichten“

Frau Rahden, Sie sind Fallmanagerin. Erzählen Sie uns von Ihrer Arbeit.
10.04.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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„Ganz unterschiedliche Lebensgeschichten“
Von Max Polonyi

Frau Rahden, Sie sind Fallmanagerin. Erzählen Sie uns von Ihrer Arbeit.

Elisabeth Rahden: Die Menschen, die wir betreuen, haben sehr viele Vermittlungshemmnisse, sodass sie kaum eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. Wir
Fallmanager können uns intensiver um diese Menschen kümmern als die Arbeits­vermittler.

Was meinen Sie konkret mit Vermittlungshemmnissen?

Da geht es um primäre Dinge des Lebens: neben Langzeitarbeitslosigkeit um unzureichende Qualifikation, Suchtprobleme, Probleme in der Familie, Obdachlosigkeit und vieles mehr – eben alles, was man sich eigentlich im Leben besser nicht wünscht. Oft kommen viele Probleme zusammen. Es sind ganz unterschiedliche Lebensgeschichten. Manche von ihnen sind wie ein schlechter Film: Jemand verliert mit 40 Jahren seinen Arbeitsplatz und mag es zu Hause nicht sagen. Und dann nimmt das Chaos seinen Lauf: Ehekrise, Scheidung, Sucht, Haus weg, Schulden.

Welche Folgen hat das für den Alltag?

Manche verdrängen ihre Probleme, weil sie mit ihnen nicht leben, sie nicht aushalten können. Menschen verstecken zum Beispiel ihre Post zu Hause hinterm Schrank. Und dann wundern sie sich, dass die SWB den Strom abstellt oder vom Vermieter eine Zwangsräumung der Wohnung angedroht wird. Das ist Realität.

Was heißt das für Ihre Arbeit?

Meine Aufgabe ist es, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, um ihnen dann einen Weg zurück ins Leben und ins Arbeitsleben aufzuzeigen. Oft geht es als Erstes darum, den Behördenwust aufzulösen. Amtliche Briefe sind kompliziert und lösen Angst aus. Statt die Post von der SWB oder vom Vermieter zu öffnen, fragen die Betroffenen sich irgendwann: Warum wird der Strom abgestellt? Ich habe doch nie Post von denen bekommen. Warum schreibt mein Vermieter mir, ich muss zum nächsten Ersten raus? Dann muss ich erklären, was da passiert ist. Für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, haben viele nie gelernt oder verlernt.

Wie geraten Menschen in diese Situation?

Es ist unterschiedlich. Oft sind es Schicksalsschläge, die nicht verkraftet werden. Manchmal kommen Menschen aus kaputten Familien, in denen Drogen, Alkohol oder Gewalt eine Rolle spielen. Kinder haben so ein schlechtes Vorbild. Weil man die Situation nicht aushalten kann, greift man mal zur Flasche. Nicht selten kommen dann psychische Probleme dazu. Es setzt ein Verdrängungsmechanismus ein. Dann vergisst man, wie das richtige Leben geht. Oft muss man erst ganz unten ankommen, bevor man bereit ist, sich helfen zu lassen.

Dieser Weg ist sicherlich nicht einfach.

Das ist schon eine große Überwindung, sich die Probleme einzugestehen und sich helfen lassen zu müssen. Da sind eine ganze Menge Ängste dabei.

Was passiert im Lobez?

Dort wird intensiv geschaut, ob die Menschen überhaupt arbeitsfähig sind, inwieweit sie in der Lage sind, sich in eine Arbeitsgruppe zu integrieren und wie sie weiter gefördert werden können. Für den Fall, dass in der Maßnahme festgestellt wird, dass ein Teilnehmer den Anforderungen des ersten Arbeitsmarktes nicht entsprechen kann, wird in enger Zusammenarbeit mit der Fallmanagerin versucht, einen Übergang in die Grundsicherung zu finden – oder, wenn der Betreffende das will, in eine Werkstatt für behinderte Menschen, wie gerade kürzlich passiert.

Das Interview führte Lisa Boekhoff.

Zur Person

Elisabeth Rahden ist Fallmanagerin in der Geschäftsstelle Süd des Jobcenters Bremen. Die Probleme der Menschen, die sie betreut, sind komplex. Sie arbeitet eng mit dem Beschäftigungszentrum in Huchting zusammen.
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