„Kulturszene Bremerhaven“: Das Klimahaus

Die größte Klimaanlage der Seestadt

Gletscher, Wüste und Urwald sind in Norddeutschland eigentlich nicht zu Hause – im Klimahaus Bremerhaven allerdings doch. Damit das möglich ist, braucht es viel Energie und eine ausgeklügelte Klimaanlage.
10.10.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Die größte Klimaanlage der Seestadt
Von Maurice Arndt

„Unter uns liegt Kamerun“, sagt Mathias Schmidt. Damit beschreibt der stellvertretende Technikchef des Klimahauses keineswegs die geografische Lage des afrikanischen Landes. Er steht tatsächlich auf Kamerun – oder zumindest jenem Ausstellungsbereich der sogenannten Wissens- und Erlebniswelt in Bremerhaven, die Kamerun darstellen soll. Er möchte deutlich machen, wie viel Aufwand betrieben wird, damit im Klimahaus möglichst wenig Energie verschwendet wird. Doch von vorne.

Mit bunten Farben sowie wechselnden Luftfeuchtigkeiten und Temperaturen beeindrucken im Klimahaus verschiedene nachgestellte Regionen entlang des achten Längengrades. Für Besucher beginnt diese Reise am nachgestellten Bahnhof von Bremerhaven, im Erdgeschoss der sogenannten Wissens- und Erlebniswelt, mit dem Zug. Für Mathias Schmidt und sein Team beginnt sie ein Stockwerk tiefer – sozusagen im Maschinenraum der Eisenbahn.

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Tagtäglich sorgt er dafür, dass die Besucher sich tatsächlich wie auf einer Reise um den Globus befinden. Zahlreiche riesige Maschinen beaufsichtigen er und sein Team. Mit der richtigen Dosierung von Wärme und Kälte sowie Luftfeuchtigkeit simulieren sie das Klima auf Sizilien, Samoa oder in der Antarktis. Statt knallbunt und tropisch feucht oder eisig trocken ist sein Arbeitsplatz grau und weiß lackiert. Unterbrochen wird die Monotonie von schier unendlich vielen silbernen Stahlröhren und den kleinen grünen oder roten Farbtupfern der Ventile. Und natürlich ist es warm und laut – ein Maschinenraum eben.

Ein Haus im Haus

Es ist bei weitem jedoch nicht so laut, wie man vermuten würde. Der Grund: Das Klimahaus, respektive die Bremerhavener Entwicklungsgesellschaft (BEAN) als technischer Betreiber, arbeitet mit so viel alternativen und nachhaltigen Energiekonzepten wie möglich. Denn es ist ja so: Eigentlich will das Klimahaus auf die Folgen und Gefahren des Klimawandels aufmerksam machen – und das eben so anschaulich wie möglich. Gleichzeitig ist der Energieverbrauch massiv – und er stoppt zum Erhalt der Zonen nie. Das stellen ein Notstromaggregat und eine Notfallbatterie sicher. Alle wichtigen Maschinen gibt es zudem doppelt.

Und hier spielt nun auch wieder jener Ort eine Rolle, der über Kamerun und eigentlich dem gesamten Ausstellungsbereich der Reise liegt. Farblich unterscheidet er sich kaum von den Kellerräumen: rechts und links reiht sich grau an weiß, selbst der Blick durch die Scheiben der riesigen Glashülle, die sich um das Gebäude zieht, ist wegen der abgedunkelten Scheiben trist. Die dicken Regenwolken, die über der Außenweser hängen, tun ihr Übriges. Einzig eine kleine schwarz-gelbe Absperrkette bringt Farbe in die Szenerie.

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Das Klimahaus sei ein Haus im Haus, sagt er. Das erkennt man von hier aus sehr gut. Der Teil des Klimahauses, der „Die Reise“ genannt wird, also jener mit den verschiedenen Klimazonen, befindet sich wie eine große Sphäre innerhalb des Gebäudekomplexes. Fast könnte man meinen, sie schwebt. Diese Isolierung soll es leichter und effizienter machen die Klimata in den einzelnen Ausstellungsräumen realistisch zu reproduzieren.

Die Räumlichkeiten außerhalb der 11.500 Quadratmeter großen Sphäre werden unter anderem durch Schläuche gekühlt, die Wasser entlang von 464 der insgesamt 770 Betonpfählen, auf denen das Klimahaus fußt, meterweit ins Erdreich befördert – ein bisschen so wie bei einer Wärmepumpe. Ganz so einfach und natürlich klappt die Kühlung für die Klimazonen aber eben nicht. „Die Kühlfähigkeit über unsere Energiepfähle ist immer abhängig von den schwankenden Temperaturen unter der Erde. Die Zonen der Reise müssen präziser und extremer temperiert werden. Dafür haben wir spezielle Maschinen“, erklärt Schmidt.

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Eine davon ist das „descinant cooling system“ (DCS). Es belüftet die Wege, die die Klimazonen verbinden. Dahinter verbergen sich zwei mannshohe Scheiben, die sich in einem Tunnel drehen. Die Maschine, die in den penibel aufgeräumten Technikräumen steht, pustet Luft durch den langen Korridor, in den die beiden luftdurchlässigen Räder zur Hälfte eingeschoben sind. Das erste Rad nimmt die Feuchtigkeit aus der Luft auf, rotiert sie aus dem Gang heraus und gibt sie in einem parallelen Gang an einen anderen Luftstrom ab.

Dazu ist die Scheibe mit Silicat überzogen – dem Material, aus dem die kleinen Kügelchen sind, die neuer Kleidung beiliegen. Das zweite Rad tauscht die Wärme nach einem ähnlichen Prinzip aus. So werden pro Stunde 33.500 Kubikmeter frische Luft erzeugt. Insgesamt erhält das gesamte Klimahaus über die verschiedenen Anlagen pro Stunde 120.000 Kubikmeter Frischluft. Das ist die gesamte Luft, denn aufgrund der Pandemie darf keine Umluft genutzt werden.

80 Reptilien und Amphibien

Das wahre Highlight hinter den Kulissen der Technik sei aber vermutlich ein kleiner unscheinbarer roter Kasten, findet Schmidt. Nach frischem Gras oder verbranntem Holz riecht die Box. Sie produziert die Gerüche, die in der Ausstellung an ausgewählten Orten das Erlebnis der jeweiligen Klimazone verstärken. Dazu werden spezielle Flüssigkeiten von der Box aus über kleine Drüsen in der Anlage verstäubt. Auch ohne die Assoziation über die optischen Eindrücke der Klimazonen riechen die Flüssigkeiten ihren natürlichen Vorbildern zum Verwechseln ähnlich.

Doch nicht nur für die Besucher wird dieser Aufwand betrieben, sondern auch für die Bewohner, die sich wie zu Hause fühlen sollen. Schließlich ist die Ausstellung auch ein anerkannter Zoo, der sich den Tieren, die entlang des achten Längengrades leben, verschrieben hat. Über die Hälfte dieser Tiere lebt hinter den Kulissen im Reich von Tierpfleger Mirko Brüger. Warum ist das so? „Das hat verschiedene Gründe: Viele neue Tiere oder Jungtiere sind zum Beispiel bei uns hinter den Kulissen, weil wir sie erst groß ziehen“, erklärt der Tierpfleger und präsentiert eine gerade erst geschlüpfte Schildkröte, die nicht größer als ein Fingernagel ist. Aufgrund der Nähe zum Containerhafen sind neue Tiere nicht selten. „Erst kürzlich haben wir einen Gecko bekommen, der in einem Container aufgetaucht war.“

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Das Quartier der Tiere und ihrer Pfleger ist nur wenige Meter entfernt von den Technikräumen. In langen Reihen stehen Aquarien und Terrarien in Regalen, die bis zur Decke reichen. Sie beherbergen Anemonen und Clownfische, Echsen und Schlangen. Allein 80 verschiedene Arten von Reptilien, Amphibien und Co. leben hier. Damit sich die Tiere wohlfühlen, sorgen die Pfleger für möglichst perfekte Lebensbedingungen. Das richtige Klima gibt es dank der Technik bereits.

Futter lagert tiefgefroren in einer großen Kühltruhe. Das richtige Wasser setzen die Mitarbeiter der Aquaristik selbst an. Für das Salzwasser entziehen sie dem Wasser zunächst sämtliche Mineralien, um dieses sogenannte Osmose-Wasser anschließend mit der jeweils naturgetreuen Dosierung an Salz und anderen Mineralien zu versetzen. Zudem filtern sie das Wasser in den verschiedenen Becken über ein ausgeklügeltes System mit mechanischen und biologischen Filtern.

Ein kranker Fisch wird schnell zum Problem

Damit die Tiere stets munter bleiben, achten die Mitarbeiter darauf, dass neue Fische und Reptilien gesund sind, bevor sie in ein Becken kommen – ein weiterer Grund, warum viele Klimahaus-Bewohner hinter den Kulissen leben. „Vor allem bei den Fischen gilt: Wenn sie einmal in den Aquarien sind, dann bekommen wir die nicht mehr so leicht raus“, sagt Brüger. Ein kranker Fisch, der andere ansteckt, würde da schnell zum Problem. Zudem werden viele Tiere in der Aquaristik gezüchtet. Zahlreiche Tierarten entlang des achten Längengrades sind bedroht. Dagegen arbeiten die Tierpfleger an.

Trotz dieses immensen Aufwandes läuft dennoch nicht immer alles reibungslos. So versuchten die Tierpfleger bereits mehrfach, Grunzgroppen im Klimahaus anzusiedeln, wenige Zentimeter große Fische, die in tiefen und kühlen Regionen des Meeres leben. Doch da diese ausgesprochen selten sind, gibt es wenig Informationen darüber, wie man sie aufzieht und pflegt. „Da hilft manchmal nur ausprobieren“, berichtet Brüger. Doch nun scheint es geklappt zu haben. In einem kleinen, von Frost ummantelten Aquarium in der Aquaristik, schwimmen einige der kleinen Fische. Doch bei diesen Tieren soll das nicht so bleiben: In einigen Wochen sollen sie in einem eigenen Aquarium die Besucherausstellung bevölkern.

Info

Zur Sache

Klimahaus Bremerhaven

Adresse: Am Längengrad 8

Tickets: an der Kasse oder online unter klimahaus-bremerhaven.reservix.de/events

Eröffnung: Juni 2009

Besucher: 500.000 pro Jahr

Ausstellungsfläche: 20.000 Quadratmeter, davon entfallen 11 500 auf „Die Reise“

Fläche der Glashülle: 10.000 Quadratmeter mit ungefähr 4700 verschieden großen Scheiben

Volumen unter der Glashülle: 160.400 Kubikmeter

Frischluft: 120.000 Kubikmeter pro Stunde

Volumen der Aquarien und Wassertanks: über 500 Kubikmeter

Nachgestellte Klimazonen: neun. Sie teilen sich auf wie folgt: Schweiz, Sardinien, Niger, Kamerun, Antarktis, Samoa, Alaska, Hallig Langeness, Bremerhaven

Weitere Informationen

Der nächste Teil unserer Serie über die Kulturszene Bremerhaven befasst sich mit dem Deutschen Schifffahrtsmuseum.

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