Kreativ mit der Kettensäge Kunst mit 50 Jahren Lebensdauer

Wo andere einen Pinsel nutzen, tobt sich Bruno Gerdes mit der Kettensäge aus. Unter den Händen des Bokelers entstehen Holzskulpturen.
13.05.2020, 05:32
Lesedauer: 4 Min
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Von Andrea Grotheer

Beverstedt. Holzspäne fliegen, wenn die Motorsäge mit geübten Griffen und aufheulendem Geräusch immer wieder vorsichtig am Eichenstamm angesetzt wird. Erst entsteht eine grobe Form, nach und nach ist ein Motiv zu erahnen. Aus dem gefällten Baum wird ein dekoratives Kunstwerk. Augen sind zu erkennen, ein Schnabel und auch ein Federkleid. Bruno Gerdes ist Kettensägenkünstler. Ausgestattet mit Handschuhen, Schutzbrille oder Mütze sowie Gehörschutz erschafft er eine Eule. Das Kreischen der Säge ist für den Bokeler wie Musik in seinen Ohren: „Ich mochte schon immer alles, was mit Holz zu tun hat“, sagt der 61-Jährige. Besonders habe es ihm aber das Sägen angetan.

Ursprünglich erlernt hat Bruno Gerdes den Beruf des Kraftfahrzeugmechanikers. Dann war er lange Jahre im Tiefbau tätig. Seine Leidenschaft machte er erst später zum Beruf: „Vor 21 Jahren habe ich im Urlaub auf Texel gesehen, wie jemand das gemacht hat“, erinnert sich Gerdes, der zu dieser Zeit als selbstständiger Garten- und Landschaftsbauer unterwegs war. Er sei sofort begeistert gewesen: „Das kannst du ja auch einmal ausprobieren“, habe er bei sich gedacht.

In den ersten Jahren entstanden seine Kunstwerke, die er zum Teil auch schon verkaufte, nur an den Wochenenden. Seit 2002 ist Bruno Gerdes ausschließlich als freischaffender Künstler tätig und widmet sich ganz seiner Holz-Leidenschaft. Diese Entscheidung hat ihm ein Sponsorenvertrag mit einem namhaften Sägenhersteller leicht gemacht. „Alle zwei Jahre bekomme ich von dort neue Sägen und neue Kleidung“, freut er sich über die bis heute andauernde Kooperation. Zunächst sei er als Künstler zu Veranstaltungen und Markteröffnungen des Sägenherstellers eingeladen worden. „Dann habe ich mich selber um Auftritte bei Veranstaltungen gekümmert“, erzählt Bruno Gerdes. Heute ist er überwiegend auf Bauernmärkten zu finden, bei denen er seine Kunst präsentiert und verkauft.

Bearbeitet wird überwiegend Eichenholz. „Das ist gut zu sägen und hält 50 Jahre“, weiß der Fachmann. Risse könne es allerdings immer geben, die ließen sich nicht voraussagen. Auch Buche lasse sich gut verarbeiten. „Alles andere habe ich auch probiert. Es lässt sich etwas daraus sägen, aber das hält nicht lange“, so seine Erfahrungen. Hölzer, die man im Kamin nicht gebrauchen könne, seien auch zum Sägen nicht gut geeignet. Für seine großen, aus einem Stamm entstehenden Werke benötigt er das richtige Material. „Es ist nicht einfach, passendes Holz zu bekommen. Zwei Meter dicke Eichen darf man ja nicht einfach so fällen“, erzählt er. Und auch nicht jede Eiche eigne sich: „Als in Hambergen der Kreisel gebaut werden sollte, wurde mir die Eiche angeboten, die vorher an dem Platz stand. Doch sie war voller Granatsplitter von den Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs“, so Gerdes. Sehen könne man die Belastung durch die Stahlsplitter an den schwarz gefärbten Jahresringen: „Die fünf Kriegsjahre konnte man genau erkennen.“ Für seine Säge wäre das Holz extrem problematisch. „Die Kette könnte man danach wegschmeißen“, bringt Bruno Gerdes es auf den Punkt. Bei normaler Abnutzung könne eine Kette vier bis sechs Mal nachgeschliffen werden.

Wer seinem Outdoor-Kunstwerk immer wieder neuen Glanz verleihen wolle, könne es einmal im Jahr mit Lasur überstreichen. „Die meisten Leute mögen es aber lieber natürlich“, hat Bruno Gerdes festgestellt. Die ersten Stämme für seine Sägearbeiten habe er sich noch aus dem Wald geholt oder passendes Holz beim Förster gekauft. Heute lasse er das Material liefern. „Durch meinen Sponsor habe ich auch mehr Möglichkeiten“, nennt er einen weiteren Vorteil der Zusammenarbeit. Bei der Auswahl der Motive sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. „Ich habe aus dem Holz schon einen Knoten ausgearbeitet“, berichtet Bruno Gerdes. Auch ein Gartensessel sei mit Hilfe der Motorsäge schon entstanden. Zu Ostern sägt er Osternester, zu Weihnachten Sterne. Gerade hat er ein lebensgroßes Alpaka mit einer Höhe von 2,30 Meter aus einem Stamm für den Alpaka-Hof in Misselwarden angefertigt. Die Motive spielen für den Kettensägenkünstler dabei eher eine untergeordnete Rolle: „Was ich säge, ist mir an sich egal. Ich gucke mir Bilder an und denke mich da rein“, sagt er. Für ihn sei das Sägen an sich die größte Leidenschaft. Gleichwohl hat die Absage sämtlicher Veranstaltungen und Workshop-Termine aufgrund der Corona-Krise auch ihn als freischaffenden Künstler hart getroffen.

Seine Kenntnisse stellt Bruno Gerdes nämlich nicht nur bei Veranstaltungen zur Schau, er vermittelt sie auch bei Workshops auf dem eigenen Grundstück. Dazu muss aus versicherungstechnischen Gründen eine eigene Säge mitgebracht werden. Ein Kettensägenschein sei dafür gleichwohl nicht erforderlich: „Den benötigt man nur bei Baumfällungen“, erklärt Bruno Gerdes. Bei Arbeiten in öffentlichen Forsten sei zudem Schutzkleidung und die Erledigung der Arbeiten mit zwei Personen ein Muss. „Mit einer Kettensäge ist es wie mit einer Bohrmaschine: Es ist eine Betriebsanleitung dabei, an die man sich zu halten hat.“ Einen Gehörschutz trage er immer: „Wenn du jeden Tag die Säge hörst, wirst du verrückt“, sagt er mit einem Schmunzeln. In seiner Werkstatt störe er aber mit seiner geräuschvollen Arbeit keine Nachbarn: „Ich wohne 50 Meter aus der Ortsgrenze raus, und der Schall geht in Richtung Wald“, hat er den passenden Wohnort für seine künstlerische Arbeit. Hier sind in einer Dauerausstellung auch immer wieder Einzelstücke zu sehen. Zu finden ist die Ausstellung im Weckeweg 4 bis 8 in Beverstedt-Bokel. Zu erreichen ist Bruno Gerdes unter Telefon 0 47 48 / 37 59 oder bei Facebook unter Kettensägenkunst.

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