Lesung mit Ulrike Folkerts Die vielen Facetten der Ulrike Folkerts

Im Syker Theater feierte Schauspielerin Ulrike Folkerts am Montagabend eine besondere Premiere. Die als Tatort-Kommissarin bekannte Schauspielerin las erstmals aus ihrer Autobiografie vor.
24.11.2021, 12:14
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Die vielen Facetten der Ulrike Folkerts
Von Sarah Essing

Syke. Eine gewisse Nervosität konnte sie nicht verhehlen. Wollte die vor allem als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal bekannt gewordene Schauspielerin aber auch gar nicht. Schließlich war es am Montagabend das erste Mal, dass Ulrike Folkerts ihre eigenen Sätze laut einem Publikum vorlas. Ehrlich und freimütig, wie sie in ihrer Biografie auf ihr Leben und ihre Arbeit zurückblickt, begeisterte sie im Syker Theater das Publikum mit der Schilderung ihres Werdens – als Mensch, als Frau und als Schauspielerin.

Die Kreissparkasse Syke hatte in Kooperation mit Radio Bremen 2 zu dieser Lesung geladen – die 18., wie Vorstandsmitglied Olaf Meyer-Runnebohm in seiner Begrüßung erinnerte. Und umso schöner, da sie in Präsenz stattfinden konnte. Der Aufforderung der Moderatorin des Abends, Hilke Theessen von Radio Bremen 2, "gleich mal zu eskalieren", um die Hauptdarstellerin des Abends gebührend zu begrüßen, kam das Syker Publikum gerne nach. Souverän und feinfühlig führte Hilke Theessen das einleitende Gespräch, in dem Ulrike Folkerts erzählte, wie diese Autobiografie überhaupt entstanden ist – auf Nachfrage eines Verlags und dank eines coronabedingten Drehabbruchs – wie es ihr damit gehe – "Vielleicht werden Sie noch eine Seite an mir kennenlernen, die Sie noch nicht kennen" – und ob es Grenzen gegeben habe. Die gebe es natürlich, doch sie habe sich gesagt: "Ich brauche keine Biografie zu schreiben, wenn ich nicht ans Eingemachte gebe." Daran hat sie sich gehalten.

"Ich will raus!" heißt die Autobiografie, die Ulrike Folkerts geschrieben hat. Und wie viele Dimensionen so ein kleines Wörtchen wie "raus" im Laufe eines Lebens annehmen kann, wurde beim Vorlesen schnell deutlich. Es bezieht sich nicht so sehr auf Orte, sondern vielmehr auf Situationen, in denen sie sich nicht "richtig" fühlte – nicht wohl in ihrer Haut, nicht im Reinen mit sich. Es zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Biografie, dass dies vor allem dann geschah, wenn andere Erwartungen an sie hatten, die sie nicht erfüllen konnte oder nicht erfüllen wollte. Sie sei 1961 geboren worden, wuchs als mittleres Kind in einem Dorf bei Kassel auf. Damals habe noch eine ganz klare Rollenverteilung geherrscht: Mädchen hatten nicht Fußball zu spielen oder auf Bäume zu klettern, sie hatten artig und adrett zu sein. Doch das alles sei sie nicht gewesen. Mehr noch: Sie wollte nie ein "typisches Mädchen" sein. Im Lauf der Zeit habe sie zwar gelernt zu "funktionieren", doch "wenn ich etwas nicht wollte, habe ich mich komplett geweigert". Sie habe dann einen "inneren Widerstand" gespürt, eine Blockade, die sie lähmte. Dann sei sie das "sture Kind" gewesen. 

Doch diese "Sturheit" habe sie vor manchem bewahrt, kann sie im Rückblick inzwischen sagen. Sie habe ihr manches ermöglicht, wenngleich auch manches schwieriger gemacht. Etwa in der Tanzstunde, wo sie nicht verstehen konnte, warum Mädchen auf die Aufforderung warten mussten, oder warum Schauspielerinnen sich nicht die Haare kurz schneiden sollten. "Das war's, Ulrike, deine Karriere ist im Arsch", habe ihr ein Dozent nach diesem rebellischen Akt an der Schauspielschule mit auf den Weg gegeben. "Er lag falsch", ließ Ulrike Folkerts das Publikum mit einem süffisanten Grinsen wissen. Mal mit Staunen, mal mit solidarischer Wut, mal unter leisem Kichern, aber immer gebannt, folgten die Zuschauer ihr auf diesem Parforceritt durch ihr Leben.

Bis zum Wendepunkt 1988, als sie für die Rolle einer neuen Tatort-Kommissarin gecastet wurde. Heute ist der Name und das Gesicht von Ulrike Folkerts untrennbar mit Lena Odenthal verbunden. Für Millionen von Zuschauern verkörpert sie die Ludwigshafener Tatort-Kommissarin nicht nur, sie ist Lena Odenthal. "Zum Glück wusste ich nicht, was auf mich zukommt", kommentiert sie die Kapitel in ihrem Buch dazu. Denn gerade am Anfang sei für jemanden, der vor allem eins nicht wollte – "sich preisgeben" – die Trennung zwischen ihr, der Schauspielerin und der öffentlichen Person gar nicht so einfach gewesen, bekannte Ulrike Folkerts dem Syker Publikum. Mittlerweile frage sie sich aber auch, ob Lena nicht langsam auch auf sie abfärbt. Die Unterscheidung zwischen ihr und Lena werde daher wohl immer ein Thema ihres Lebens bleiben.

In der "dritten Phase" ihres Lebens angekommen, im Mai 60 Jahre alt geworden, sehe sie die Rolle der Lena daher eher als Segen: "Lena hat mich vor allen doofen, langweiligen Frauenrollen gerettet", verriet sie dem Syker Publikum, das ihr mit lang anhaltendem Applaus für einen höchst unterhaltsamen und aufschlussreichen Abend dankte.

Wer den Abend verpasst hat oder noch mal erleben möchte, hat am Dienstag, 30. November, die Chance dazu. Radio Bremen 2 strahlt am Dienstag ab 21.05 Uhr einen Mitschnitt der Lesung und des Interviews aus.

Zur Person

Ulrike Folkerts wurde 1961 in Kassel geboren. Sie wuchs mit zwei Geschwistern in einem Dorf in der Nähe auf, machte 1980 das Abitur und wurde ab 1982 an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover zur Schauspielerin ausgebildet. Danach spielte sie Theater in Oldenburg ehe sie 1988 als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal gecastet wurde. Sie war nach Nicole Heesters und Karin Anselm erst die dritte Frau in der Rolle einer Ermittlerin. Heute ist sie die dienstälteste Fernsehkommissarin überhaupt. Darüber hinaus spielt sie Theater und ist in vielen weiteren Rollen im deutschen Fernsehen zu sehen. Sie ist seit 2013 mit der Künstlerin Katharina Schnitzler verheiratet und lebt in Berlin.

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