Ärzte-Schlagzeuger in der Music Hall Bela B: Ich entdecke ganz andere Seiten an mir

Am Donnerstag steht Ärzte-Schlagzeuger Bela B. mit seiner Band ab 20 Uhr in der Worpsweder Music Hall auf der Bühne. WESER-KURIER-Redakteur Lars Fischer sprach vorab mit ihm über sein Solo-Unternehmen.
20.11.2014, 00:03
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Von Lars Fischer

„Ist das noch Punkrock?“ fragten Die Ärzte mit dem gleichnamigen Song vor zwei Jahren. Das, was Schlagzeuger Bela B auf seinem dritten Solo-Album „Bye“ spielt, ist es eher nicht. Die Stimme ist unverkennbar, die Songs die er mit Smokestack Lightnin‘ und Peta Devlin aufnahm, liegen zwischen Rockabilly und Country.

Am heutigen Donnerstag stehen die Musiker ab 20 Uhr in der Worpsweder Music Hall auf der Bühne. Tickets gibt es noch zu 33 Euro an der Abendkasse. Lars Fischer sprach mit Bela B über sein Solo-Unternehmen.

Worpswede ist kein Neuland für Sie?

Bela B: Nein, ein geschichtsträchtiger Ort! Ich war eingeladen, als Bear Family in der Music Hall seine Party zum 35. Geburtstag feierte. Damals haben mich die Verantwortlichen überredet, dass ich auch mal dort spielen soll. Ich fand den Laden sofort super und löse das Versprechen jetzt ein.

Sie sind mit Bear Family aus Hambergen und Labelchef Richard Weize sehr eng verbunden.

Ja, als ich mir vorgenommen hatte, etwas in Richtung Rockabilly und Country zu machen, habe ich mich oft mit Richard unterhalten. Der hat mir vieles vorgespielt und mir ungeheuer wertvolle Tipps gegeben. Als es dann darum ging, für die Platte Einzähler zu gewinnen, hat er seine Kontakte spielen lassen und mir unter anderem auch Ronda Jackson vermittelt. Fast hätte es auch mit Doris Day geklappt. Deswegen spielen wir auch als Dankeschön an Richard in Worpswede, denn er hat uns noch nie live gesehen.

Ihre ganze Karriere über gab es immer Projekte neben den Ärzten. Wann kam der Entschluss, eine Solo-Karriere zu verfolgen?

Das begann eigentlich ganz spielerisch. Als wir 1987 mit den Ärzten unser Abschiedskonzert auf Sylt gespielt hatten, stand Fabsi vom Weserlabel aus Bremen da und weinte. Ich habe ihm dann versprochen, etwas auf seinem Label zu machen, und habe dann ganz verschiedene Sachen einfach ausprobiert. Parallel habe ich mit Deep Jones weitergemacht und mich da so ein bisschen ausgetobt.

Was gab den Ausschlag zum ersten Solo-Album?

Als Farin mit seiner ersten Solo-Platte kam, habe ich noch gemeint: Das ist nichts für mich. Ich bin mit den Ärzten musikalisch vollends bedient. Die decken so ein weites Spektrum von Musik ab, wir haben ja von Country bis Jazz alles in unseren Songs verwurstet. Als dann Farins zweite Platte kam und bei mir noch so ein paar Songs einfach auf Halde lagen, habe ich sie dann doch mal mit ein paar Musikerfreunden aufgenommen und 2006 als mein erstes Soloalbum herausgebracht.

Ist das immer noch so, dass eher zufällig ist, ob ein Song bei den Ärzten oder auf einer Bela B-CD landet?

Das ergibt sich meist von selbst. Beim ersten Album hat sich vor allem das Aufnehmen sehr vom Arbeiten mit den Ärzten unterschieden. Bei der zweiten Platte habe ich dann ganz gezielt nur dafür Songs geschrieben. Für das letzte Die Ärzte-Album habe ich 19 Lieder geschrieben. Einige Demos davon habe ich den Jungs von Smokestack Lightnin‘ und Peta Devlin geschickt, um mal zu sehen, ob denen etwas dazu einfällt und sie das stilistisch so verändern können, dass es zu meinem aktuellen Album passt.

Hat das funktioniert?

Ja, bei vielen Titeln. „Sentimental“ ist zum Beispiel so entstanden. Andere Lieder sind dann dazugekommen. Wir hatten uns ja schon 2010 zusammengetan und immer mal zum Proben getroffen. Dadurch ist so eine Stilsicherheit für die Musik, die wir machen wollten, entstanden. Ende des vergangenen Jahres habe ich dann noch drei Stücke extra für die Platte geschrieben, die ich so auch den Ärzten nicht angeboten hätte. Im Moment schreibe ich auch ganz viele Songs, die in dieses Projekt passen.

Wie ist es als Songwriter für eine Band, die es schon vorher gab, zu schreiben?

Das war so gewollt, und das hat gefruchtet. Ich profitiere extrem von der Musikalität dieser Band. Die kommen auf die Bühne und funktionieren zusammen. Es sind eben nicht einzelne Musiker, wie bei meiner ersten Soloband Los Helmstedt, die alle für sich genial sind, die man aber immer erst wieder zusammenbringen muss, sondern das groovt sofort. Dadurch kommt man einfach viel schneller auf den Punkt. Ich habe das Gefühl, dass ich von denen noch wahnsinnig viel lerne.

Fällt es Ihnen als Schlagzeuger schwer, diese Position komplett zu räumen?

Überhaupt nicht. Mit meiner Art zu trommeln würde ich wahrscheinlich den kompletten Bühnensound kaputt machen. Mike spielt sehr viel filigraner als ich, und das kann ich ihm gut überlassen. Aber diese Melange macht das Ganze ja auch so besonders: meine Art zu komponieren und Musik zu machen mit dem Stilbewusstsein von Smokestack Lightnin‘ zu verbinden. Ich weiß um die Qualitäten der anderen Musiker, und es ergibt keinen Sinn, sich da reinzuzwängen. Außerdem spiele ich gerne Gitarre und habe mir auf den letzten Ärzte-Touren noch selbst Mandoline beigebracht. Ich entdecke da ganz andere Seiten an mir, und ich kann mich auch ganz anders aufs Singen konzentrieren.

Was fasziniert Sie an diesem Retro-Sound?

Ich fühle mich in diesem Musikstil total wohl. Auch Die Ärzte haben sich in ihren Anfängen ja viel in der Vergangenheit bedient. Damals haben wir Buddy Holly oder Eddie Cochran gehört, Jan war ein riesiger Brian Setzer-Fan. Aber bei den Ärzten ist eben immer diese Punk-Idee dabei, da können wir machen, was wir wollen. Wir haben uns schon unsere Freiheit erspielt. Ich habe ja sogar mal einen Techno-Song geschrieben, der wurde aber lächelnd abgelehnt.

Zur Person: Bela B wurde als Dirk Felsenheimer am 14. Dezember 1962 in Berlin geboren. 1982 gründete er gemeinsam mit Jan Vetter alias Farin Urlaub die Punkband Die Ärzte, die mit einer Unterbrechung zwischen 1988 und 1993 bis heute besteht. Dort spielt er vorwiegend Schlagzeug, auf seinen drei Soloalben „Bingo“ (2006), „Code B“ (2009) und „Bye“ (2014) tritt er überwiegend als Gitarrist auf. Bela B lebt in Hamburg und ist außerdem als Schauspieler, Autor und Sprecher aktiv. Einen eigenen Comic-Verlag gab er wieder auf. Außerdem engagiert sich der St. Pauli-Fan in zahlreichen Organisationen wie Attac oder Viva Con Aqua.

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