Interview mit Psychiater Carsten Petermann

„Das ist die Angst von allen“

Der Musiker und Psychiater Carsten Petermann aus Bülstedt präsentiert am Wochenende sein Buch „Kann man einem Psychiater trauen?“
18.10.2017, 17:36
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
„Das ist die Angst von allen“
Von Undine Zeidler
„Das ist die Angst von allen“

Profi-Gitarrist und Psychiater: Carsten Petermann informiert unterhaltsam über psychische Störungen. Darüber hat er ein Buch geschrieben, das er in Bülstedt und Ottersberg erstmals der Öffentlichkeit vorstellt.

Undine Zeidler

Muss man beide Veranstaltungen besuchen?

Carsten Petermann: Müssen tut man gar nichts. Wir Deutschen neigen dazu, immer alles zu müssen, deswegen werden viele depressiv. Der amerikanische Psychologe A. Ellis sprach in diesem Zusammenhang von „Mussturbationen“, eine der vier depressiogenen irrationalen Grundüberzeugungen. Wir haben drei Millionen depressive Deutsche.

So viele?

Ja.

Gibt es eine Dunkelziffer?

So steht es in den Lehrbüchern. Wahrscheinlich ist die Dunkelziffer noch höher. Damit ist nicht gemeint, ich bin mal ein bisschen schlecht drauf, ich bin ein bisschen depri, sondern eine klinische Depression. Es gibt zwischen 800 000 und 1,6 Millionen Menschen mit einer Borderline-Störung. Darüber spreche ich auch.

Sie haben die Veranstaltung aufgeteilt. Zwei Krankheitsbilder am Sonnabend und zwei am Sonntag. Wenn man alles wissen will, sollte man also beide besuchen?

Unbedingt. Und wenn man es ganz komplett wissen will, sollte man mein Buch kaufen. Da steht doppelt so viel drin. Im Anhang sind die psychopathologischen Grundbegriffe und die gängigen Medikamente für Laien erklärt, und das Glossar enthält Selbsthilfeadressen, Literaturhinweise für Patientenratgeber und wie man an den Facharzt kommt.

Das klingt erst einmal sehr schwer.

Ist es eben nicht! Weil ich gerade das nicht möchte. Der erste Teil jedes Krankheitsbildes ist sehr aufgelockert, sehr humoristisch, Satire, schwarzer Humor, Humoreske, mit sehr viel Wortwitz und auch die eigene Berufsgruppe aufs Korn nehmend. Das geht sehr ans Eingemachte.

Deshalb auch die Überschrift „Kann man einem Psychiater trauen“?

Genau. Und das alles auf der Grundlage eines gereimten Textes. Alle bisher Eingeweihten sind total begeistert und haben ihren Spaß.

Bewegen Sie sich damit nicht auf einem schmalen Grat?

Ja, das ist eine Gratwanderung.

Geht das nicht zu Lasten der Betroffenen?

Überhaupt nicht. Darauf habe ich geachtet. Das sind ganz wenig Stellen, wo ich im Buch mal ein bisschen scherzhaft etwas zu den betroffenen Krankheitsbildern sage. Es geht darum, wie damit umgegangen wird. Was die Betroffenen für Schwierigkeiten haben, wie sie sich fühlen. Ich habe die Reime ganz aus dem Blickwinkel der Betroffenen geschrieben. Aber es ist kein Klamauk. Vielmehr will ich den Menschen einen Zugang zu diesen Störungsbildern geben, die sagen, in die Klinik geh‘ ich nicht. Oder: Ich bin selber nicht betroffen, aber so genau weiß ich das nicht und zum Psychiater geh‘ ich noch lange nicht. Wenn ich mir aber ein Buch kaufe, ist das zu trocken. Es gibt ganz viel Bedarf darüber zu reden und Informationen zu bekommen. Ich spiele mit den Begriffen und zeige, wie auch im Alltagsdeutsch unglaublich leichtfertig damit umgegangen wird. „Ich war depri. Das ist doch total schizophren.“

Das ist doch Umgangssprache?

Ja, aber die Betroffenen – da man muss überlegen, wie es denen geht, wenn sie das hören. Da sollte man wissen, dass man damit vorsichtig sein sollte.

Wollen Sie mit Ihrem Buch und dem Programm Schwellenängste nehmen?

Genau darum geht es. Ich habe kein 600-Seiten-Werk geschrieben. Das Buch hat 200 Seiten. Es zu lesen ist sehr unterhaltsam und informativ. Im Programm wird es an bestimmten Stellen einen Break geben, denn ich bin auch Gitarrenprofi. Ich hab 25 Jahre Konzerte gegeben.

Sind Sie eigentlich ein Musiker, der aufgrund einer Krankheit gezwungenermaßen Mediziner geworden ist oder sind Sie ein Mediziner, der einen Ausflug in die Musik gemacht hat?

Weder noch. Beides ist kein Ausflug, sondern sowohl als auch. Ich habe zuerst Medizin studiert und mit 28 Staatsexamen gemacht. Drei Jahre später hab‘ ich in Luzern das Konzertexamen für Gitarre abgelegt und bin in der Musik geblieben, weil ich zu der Zeit das gut gehende Paganini-Duo für Violine und Gitarre hatte. Wir sind international aufgetreten. Paganini hat selber Gitarre und Violine gespielt und viel für diese Besetzung geschrieben. Der Geiger ist in Moskau ausgebildet, ein ganz großartiger Musiker. Ich hatte noch verschiedene andere Ensembles und dachte: In diese Mühle Krankenhaus, diese Hierarchie will ich nicht. Ich habe eine Konzertagentur gegründet. Ein bisschen unterrichtet. Das lief gut und ich habe in Meisterkonzerten und auf angesehenen Festivals gespielt. Dann habe ich eine fokale Dystonie bekommen und konnte nicht mehr so richtig spielen. Da haben mich Freunde überredet, in die Medizin zu gehen. Die Approbation hatte ich noch. Jetzt bin ich seit zwei Jahren Facharzt für Psychiatrie und habe eine super Stelle in Rotenburg.

Bleibt da überhaupt noch Zeit für die Musik?

Ich habe eine Teilzeitstelle und mache hin und wieder einen Wochenenddienst. Die verbleibende Zeit verbringe ich mit Musik und Schreiben. Ich mache Fotos, schreibe Gedichte und das Buch habe ich im vergangenen halben Jahr geschrieben.

Sitzen Sie dafür bis tief in die Nacht hinein am Schreibtisch?

Ja. Ich komme aus der Klinik, setze mich hin und arbeite teilweise bis in die Nacht. Nicht regelmäßig, sonst schaffe ich die Klinik nicht, aber es sprudelt so aus mir raus.

Macht für Sie das Künstler-Sein das Psychiater-Sein einfacher?

Was es einfacher macht, ist das Alter. Man bringt Lebenserfahrung mit. Ich bin vielleicht auch ein bisschen unkonventioneller in der Herangehensweise und habe einen guten Draht zu den Patienten.

Brauchen Sie einen Beruf mit Menschen?

Menschen brauchen sich gegenseitig grundsätzlich, und mir macht Teamarbeit einfach Spaß.

Verbinden Sie in dem Programm letztlich Ihre beiden Seiten?

Ja unbedingt und ich hoffe, dass ich damit in eine Nische komme, weil ich glaube, dass diese Fragen viele Menschen neugierig machen: Kann man einem Psychiater trauen? Wie soll so ein Programm funktionieren und dann mit Musik?

Mit dieser Frage implizieren Sie ja schon den Zweifel, oder?

Ich habe auch Zweifel.

Am Psychiater?

An Ärzten insgesamt und am Psychiater auch. Fehler machen wir alle, denn nur wo man handelt und Verantwortung übernimmt, passieren Fehler. Aber es kommt darauf an, wie wir mit unseren Fehlern umgehen, ob wir dazu stehen. Das ist ja zum Teil auch Kabarett, was ich mache. Eine Mischung von allem.

Warum haben Sie ein Thema gewählt, um das viele Menschen am liebsten einen Bogen machen?

Ich will neugierig machen. Was ist das? Dass die vielleicht denken, bin ich auch manchmal depressiv?

Ist das nicht die Angst der Normalen?

Das ist die Angst von allen. Von uns auch.

Wo hört eigentlich Normal auf?

Sie selber ziehen die Grenze. Wenn Sie das Gefühl haben, Sie leiden und kommen im Leben nicht zurecht, wenn Sie Schwierigkeiten in Beziehungen oder im Beruf haben, wenn Sie leiden oder nicht aus dem Bett kommen, dann gibt es einen Grund Hilfe zu holen. Alles andere nicht. Es gibt keine Norm in dem Sinne. Wir versuchen nur, es in Normen zu pressen. Aber dagegen wehre ich mich. Ein Mensch ist nicht nur eine Borderline-Erkrankung, wie ein Mensch mit einer Nierenerkrankung nicht nur eine Niere ist. Sondern wir sind eben ganz facettenreiche Persönlichkeiten und ich glaube daran, dass jeder Mensch eine faszinierende, gesunde und kreative Seite hat, an die man versuchen muss heranzukommen.

Wie wichtig ist Ihnen, dass der Patient sich informiert?

Ich möchte, dass der Patient aufgeklärt ist. Dass er weiß, warum er ein Medikament nimmt und mit welchen Nebenwirkungen er eventuell zu rechnen hat und wie lange. Aber sie haben das Recht darauf und ich ermutige sie, auch nachzufragen und ihre Bedenken zu äußern gegen die Einnahme eines Medikaments. Das Für und Wider zu erörtern finde ich ganz wichtig. Ich möchte einfach dieses Oben und Unten nicht haben. Ich möchte mit den Patienten auf Augenhöhe kommunizieren.

Wollen Sie also zum mündigen Patienten ermutigen?

Klar, denn das ist wichtig. Als zweites möchte ich deutlich machen, es sollte darüber gesprochen werden können, nicht mit jedem und überall. Aber es sollte genauso möglich sein, zu sagen, ich habe eine Depression oder psychische Schwierigkeiten, wie Sie sagen, ich habe mir ein Bein gebrochen. Ich will diese Schwellenangst ein Stück weit mit Humor nehmen und Mut zum Widerspruch machen, zum Nachfragen und zur Diskussion. Wir wissen nicht alles.

Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem Programm?

Da habe ich einfach Lust zu, deshalb möchte ich die Texte damit umrahmen. Außerdem wird es auch einen ruhigen Teil geben, wo ich mit einem Beamer die nackten Fakten an die Wand werfe zu den Störungsbildern. Das ist total spannend und gibt dem ganzen noch einmal eine ganz andere Wertigkeit.

Ihr Publikum geht also mit einer Menge Wissen nach Hause?

Mit Betroffenheit, Wissen und auch angeregt. Ich möchte, dass es zur Diskussion kommt.

Also nicht nur Konsumieren?

Nein. Ich glaube, man bekommt über die gereimten Texte ein Gefühl dafür, und ich habe nichts dagegen, wenn es auch zur kontroversen Diskussion kommt.

Die Fragen stellte Undine Zeidler

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+