Blue Note Bach

Die hohe Kunst der Improvisation

Blue Note Bach und Alina Rotaru begeistern in der Lilienthaler Klosterkirche mit einer gelungenen Verbindung von Bach und Jazz
24.10.2017, 14:43
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Die hohe Kunst der Improvisation
Von Undine Zeidler
Die hohe Kunst der Improvisation

Auf Einladung der Bachgesellschaft Bremen hat der Jazzpianist Jens Schöwing (rechts) Stücke von Johann Sebastian Bach bearbeitet und mit seinem Ensemble Blue Note Bach in einem mitreißenden Jazzkonzert in der Klosterkirche dargeboten.

Hans-Henning Hasselberg

Lilienthal. Anrührend klar perlen die Töne hell aus dem Cembalo. Es sind die Läufe der Chromatischen Fantasie von Johann Sebastian Bach. Mit ihnen zeigt die Berliner Musikerin Alina Rotaru den großen Meister der ornamentalen Kompositionskunst von seiner schlichten Seite. Zugleich setzen diese puristischen Klangwellen einen Kontrapunkt zur berauschenden Fülle ineinander verwobenener Töne, womit das Ensemble Blue Note Bach unter Leitung des Bremer Jazzpianisten Jens Schöwing den ganzen Kirchenraum ausfüllt. Bach trifft Jazz, zur Freude des Publikums. Glückseliges Seufzen, wippende Fußspitzen und schon zwischen den Stücken viel Applaus bekunden, dass dieser jazzig interpretierte Bach mit Vibrafon, Schlagzeug, Kontrabass und Flügel ebenso fasziniert wie ein traditionell gespielter. Im Reformationsjahr gehört Martin Luther mit ins Programm. St. Marien-Kantorin Renate Meyhöfer-Bratschke begründet: „Bach brauchte Luther als Vorlage.“ Und Blue Note Bach erschafft aus beiden in der Klosterkirche ein klanggewaltiges Konzert.

„Ohne Luther kein Bach“ titelt dieser Konzertabend. Wer der Einladung folgt, darf Johann Sebastian Bach und Jazz gleichermaßen neu entdecken. Dabei liegt beides dicht beieinander. Meyhöfer-Bratschke: „Bach wäre ein sehr guter Jazzmusiker gewesen mit seiner Improvisationskunst.“ Ebenso meisterlich und mit sichtlicher Freude am eigenen Tun entfalten anschließend Jens Schöwing (Piano), Matthias Entrup (Vibrafon), Christian Frank (Kontrabass) und Marcel Prietzel (Schlagzeug) die Bachschen Kompositionen zu einer anderen, nicht minder faszinierenden Tonfülle. Jens Schöwing hat dafür die Stücke auf Einladung der Bachgesellschaft Bremen bearbeitet.

Eines der ersten Stücke, die ein Klavierschüler lerne, sei das Menuett G Dur aus dem Notenbüchlein von Anna Magdalena Bach. Frisch und temporeich interpretiert Blue Note Bach es an diesem Abend. Mit einem Lächeln im Gesicht tanzt Matthias Entrups Kopf regelrecht zu den eigenen Tönen aus dem Vibrafon. Seine Bandkollegen umspielen diese Orgel des Jazz ganz in Bachscher Manier, und der alte Meister schimmert dabei immer wieder durch die Improvisation hindurch. So wird es auch in den Folgestücken sein. Teils gibt Cembalistin Rotaru die Originalmelodie vor, wie etwa bei der Bachs Bearbeitung des Lutherliedes „Eine feste Burg ist unser Gott“. Das Quartett übernimmt wenig später und steigert die Spannung dieses einfachen Liedes zu einer regelrechten polyfonen Leidenschaft. Wie das Publikum hätte der barocke Komponist sicher seine Freude daran gehabt. Im Ineinanderfügen, wieder Auseinanderziehen, mit abrupten Brüchen und neuerlichen Anfängen mitten im Stück, stehen Jens Schöwing und seine Mannen dem Altmeister in nichts nach.

Fünf Lieder Martin Luthers erklingen in diesem Konzert. Johann Sebastian Bach habe die Lehren Luthers in seiner Kindheit aufgesogen, heißt es im Programm. Später habe er 30 von dessen 37 Liedern vertont. Jens Schöwing hat sie bearbeitet und Klangwelten unterschiedlichster Färbung erschaffen. „Nun komm, der Heiden Heiland“ eröffnet beispielsweise mit einem bedrohlich, teils klagend anmutenden Schlagzeug und wird in dieser Wirkung von Kontrabass und Cembalo noch verstärkt. Dieses Thema scheint immer wieder durch Klavier-, Schlagzeug- und Kontrabasspassagen hindurch. Doch das ist bald nicht mehr wichtig. In ihrer elegischen Weise trägt diese Bearbeitung den Zuhörer in eine ganz eigene Welt, die keiner Vergleiche bedarf.

In „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ übernimmt Jens Schöwing das Lied von Alina Rotarus Cembalospiel. Das pochende Klavier, von Schlagzeug und Kontrabass verstärkt, greift die Verzweiflung des Textes auf und erlöst sie im Fluss des Flügels. Diesem ganz hingegeben, beugt sich Jens Schöwing tiefer und tiefer zu den Tasten herab, gleichsam, als wolle er in die Töne hineinkriechen. Aber weil nichts nur gut werden kann und in jedem Wasserlauf Stromschnellen lauern können, bricht das Ensemble das eigene Spiel mit ruckartigen Pausen auf. Mal friedlich und bedächtig kommen diese Bearbeitungen der Bachschen Luther-Lieder daher, mal überbordend in allen Klangfarben des Jazz, dann wieder maßvoll und liedhaft, und derart setzt sich dieses Programm fort.

Betörende Variationen

Die „Sinfonia 11“ kündigt Jens Schöwing als „unser liebstes Stück“ an. Ein russischer Komponist habe Blue Note Bach zu dieser Bearbeitung inspiriert. Ein anderer Musiker stand für das bereits an früherer Stelle im Konzert erklungene „Schach statt Bach“ Pate, erzählt Schöwing während einer seiner kurzen unprätentiösen Einleitungen. Einstmals habe der österreichische Pianist Friedrich Gulda in Salzburg ein Konzert geben sollen. Wer fehlte, war der Musiker. Eine Fernsehübertragung zeigte dessen Verbleib. Er saß im Publikum eines Schachwettbewerbs. Schöwing grinst. Das Lilienthaler Publikum lacht und genießt dessen Komposition. Später kündigt Schöwing „ein Sammelsurium aus den Goldberg-Variationen“ an und untertreibt mit dieser Bezeichnung für das was folgt. Egal, ob Alina Rotaru alleine am Cembalo oder alle fünf Musiker gemeinsam – jedes ihrer Stücke betört aus sich heraus und saugt den Zuhörer nahezu ein in ein rauschhaftes Hören. Bach ist Jazz. Jazz ist Bach.

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