Inklusion als Bereicherung "Eine Bereicherung für alle Beteiligten"

Seit 2009 gilt die EU-Behindertenrechtskonvention in Deutschland. Mit ihr wurde die Inklusion an den Schulen eingeführt. Die Lehrer der Ritterhuder Ganztagsschule sind von dem Konzept überzeugt.
21.06.2018, 19:01
Lesedauer: 6 Min
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Von Brigitte Lange

Für Heidrun Ehrhardt-Froese ist Inklusion keine ungeliebte, von oben übergestülpte Pflicht. Für die Rektorin der Ganztagsschule Ritterhude ist die Einbeziehung von Kindern mit Unterstützungsbedarf und Behinderungen in den regulären Unterricht eine Bereicherung, „und zwar für alle Beteiligten; davon bin ich überzeugt“.

Ehrhardt-Froese spricht aus Erfahrung. Seit sie 2003 als Leiterin an die Ritterhuder Grundschule kam, hat sie die Einbeziehung von Kindern mit Unterstützungsbedarf in den Regelunterricht vorangetrieben und holte dazu auch das Kollegium mit ins Boot. Heute sind das 36 Lehrer plus 21 pädagogische Mitarbeiter und Schulassistenzen sowie eine Lerntherapeutin und eine Schulsozialpädagogin. „Nur so funktioniert es“, betont die Rektorin. Zunächst arbeiteten sie mit dem Konzept der Integration. Seit in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten ist, geht es mehr: um Inklusion. Heute ist die Schule an der Jahnstraße nicht nur Ganztagsschule. Sie ist auch Ritterhudes Schwerpunktschule in Sachen Inklusion.

Voraussetzungen stimmen

Eine solche Schwerpunktschule soll allen Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf – nicht nur denen mit Lern- und Entwicklungsstörungen, sondern beispielsweise auch denen mit körperlichen und geistigen Behinderungen -, eine qualitativ hochwertige Unterstützung bieten. Etwas, das so noch nicht alle Schulen können, da ihnen entweder die räumlichen Möglichkeiten oder auch die Fachkräfte fehlen. Seit dem Umbau zur Ganztagsschule kann Ritterhudes Grundschule an der Jahnstraße beides sicherstellen.

In Zeiten der Integration mussten sich Kinder mit Behinderungen und Förderbedarfen noch dem Schulsystem anpassen, um eine Regelschule besuchen zu können. Der Gedanke dahinter: Die Gesellschaft sei eine weitgehend homogene Masse, an die sich diese Kinder – als Minderheit – anpassen müssten. Nur so würden sie vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Inklusion dagegen betrachtet die Gesellschaft von vornherein als eine bunt gemischte Menge mit sehr unterschiedlichen Individuen. Inklusion verlangt daher nicht, dass sich das Kind dem Schulsystem anpasst, sondern umgekehrt: Das System muss vielmehr so flexibel gestaltet sein, dass es jedem Kind ermöglicht, am Schulunterricht teilzuhaben.

Doch wie schafft Schule das? „So etwas braucht Zeit“, räumt Ehrhardt-Froese ein. Und gute Planung sowie ein Händchen dafür, die Rahmenbedingungen komplett auszuschöpfen. Insbesondere auch hinsichtlich der Förderschullehrerstunden. Diese Planung, dieses Tüfteln, ist etwas, das der Rektorin besonderen Spaß bereitet. „Alles was mit Statistiken und Zahlen zu tun hat, liebe ich; von Haus aus bin ich Mathematikerin“, verrät sie.

Ab 2013 inklusiv

Als sie an die Schule kam, ging es zunächst um die sonderpädagogische Grundversorgung: um Kinder mit Förderbedarf im Bereich des Lernens, der emotionalen- und sozialen Entwicklung sowie im Bereich der Sprache. Ab 2008 – mit der Einführung der ersten integrativen Klasse – kamen Kinder mit Förderbedarf im Bereich der geistigen Entwicklung hinzu. 2013 wurde schließlich das Konzept der Inklusion an allen niedersächsischen Schulen eingeführt.

Aktuell besuchen 376 Kinder in 18 Klassen die Ganztagsschule. Davon sind die ersten und zweiten Jahrgänge in der sogenannten Eingangsstufe zusammengefasst. Ab der dritten Klasse werden die Schüler getrennt nach Jahrgängen unterrichtet. 39 dieser Erst- bis Viertklässler haben in diesem Schuljahr einen sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf. „Die Zahl liegt immer zwischen 35 und 40“, so Ehrhardt-Froese. 19 von ihnen haben diesen Bedarf im Bereich Lernen, elf im Bereich emotionale- und soziale Entwicklung, weitere zwei werden im Bereich Sprache gefördert. Vier Kinder werden in ihrer geistigen Entwicklung unterstützt, eines braucht Hilfe im Bereich körperliche- und motorische Entwicklung. Zwei Kinder, die die Ganztagsschule besuchen, haben zudem Unterstützungsbedarf im Bereich Hören. „Ab dem Sommer kommt ein Kind im Rollstuhl mit einem Unterstützungsbedarf im Bereich körperlich-motorische Entwicklung dazu.“ Für die Schule – rein baulich betrachtet – kein Problem. Seit dem Umbau 2009 zur Ganztagsschule ist sie barrierefrei.

Für das nun endende Schuljahr ergab der Förderbedarf 63 zusätzliche Lehrerstunden pro Woche. Dabei unterscheidet die Behörde unterschiedliche Bedarfe. So stehen der Schule für Kinder mit Förderbedarf im Bereich Lernen, emotional-sozialer Entwicklung und Sprache je zwei Stunden pro Klasse zu. Für die Kinder mit einem Unterstützungsbedarf im Bereich geistige Entwicklung bekommt die Schule je Förderkind weitere fünf Stunden.

Als die Ritterhuder mit dem Förderunterricht starteten, standen ihnen somit nur die Stunden je Klasse zur Verfügung. 38 Stück. Nicht mehr. „Die Kollegen waren damals skeptisch“, erinnert sich Heidrun Ehrhardt-Froese. „Zwei Stunden pro Klasse, wie sollten wir das schaffen, fragten wir uns.“ Statt zu meckern, überlegten sie, wie sie das Beste daraus machen könnten. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir Schwerpunktklassen bilden werden.“ Kinder mit ähnlichem Unterstützungsbedarf kamen dazu in eine Klasse. Beispielsweise hatten von 20 Kindern im Klassenverbund fünf einen Förderbedarf.

Viel Team-Arbeit und Absprache

Auf diese Weise wurden die Stunden gebündelt, die Förderschullehrer einigen wenigen Klassen zugeteilt. „Davon profitieren alle“, sagt die Rektorin. Die Förderschullehrer, derzeit vier an der Zahl, kümmerten sich immer um ihre Schützlinge. „Das garantieren wir den Eltern.“ Aber sie würden auch den anderen Schülern in der Klasse helfen. Dadurch werde ihre Anwesenheit zu etwas Selbstverständlichem. Die Schüler mit Unterstützungsbedarf, stechen nicht länger aus der Menge hervor. Auch das unterstütze die Inklusion, meint Ehrhardt-Froese. Denn: „Wir wollen die Kinder nicht selektieren. Wir wollen, dass alle Kinder gemeinsam lernen.“

Die Schwerpunktklassen profitieren nicht allein von den Förderschullehrern. Neben ihnen und dem Klassen- oder Fachlehrer gehört auch eine Schulassistenz zum Klassen-Team. Ob ein Kind solche Hilfe braucht, weil es einen zusätzlichen sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf hat, lasse die Schule bei einem Verdacht durch ein Gutachten und eine Förderkommission klären. Mit den Eltern werde gesprochen. Diagnostiziere die Kommission den Förderbedarf, geht die Empfehlung an die Landesschulbehörde. Die müsse über den Assistenz-Bedarf entscheiden. Die Genehmigung müssten anschließend die Eltern beim Landkreis beantragen. „Zurzeit haben wir fünf Schulassistenzen an unserer Schule.“ Alle hätten einen unbefristeten Vertrag und kämen auf insgesamt 126,25 volle Stunden. Ein Pilotprojekt im Landkreis. Diese Förder- und Assistenzstunden bilden einen Teil des Inklusionskonzepts. Hinzu kommt die Form des Unterrichts. „Die Lehrer müssen auf jedes Kind individuell eingehen können“, sagt die Rektorin. Es werde mit Wochenplänen, mit Stationsunterricht und offenen Unterrichtsformen gearbeitet. Schüler, die mehr leisten können, würden ebenso gefördert, wie jene, die Hilfe benötigten. „Jeder arbeitet auf seinem Lernstand.“ Wichtig dabei: Die Kinder müssten selbst gesteuertes Lernen lernen. Sie müssten wissen, wie sie sich selbst organisieren. „Sie brauchen diese Kompetenz, sonst fallen sie später hinten runter.“

Für die Lehrer bedeutet dies im Umkehrschluss: „Alles muss genau durchorganisiert sein“, so Ehrhardt-Froese. „Je klarer, desto besser.“ Zielgerichtetes Arbeiten sei Voraussetzung dafür. Ständig würden sie sich austauschen, sich intern fortbilden, Berater ins Haus holen. Damit es zum Beispiel zu keinem Bruch beim Übergang von der Eingangsstufe in die dritte Klasse komme, arbeiteten die Klassenlehrer des dritten Jahrgangs mit den Kollegen und Kindern der Eingangsstufe zusammen. Auch sei nichts in Stein gemeißelt: Es gebe ein Leitungsteam, das sich regelmäßig zusammensetze, Arbeitsweisen diskutiere, abwäge und anschiebe. Ob ihre Ideen funktionieren, spiegelten die Klassen zurück in die Lehrer-Teams und bis hinauf zum Leitungsteam. Ehrhardt-Froese beschreibt es als einen Wachstumsprozess, der niemals abgeschlossen ist. Um Inklusion erfolgreich umzusetzen, müssten Schulleiter zudem vorausschauend arbeiten, meint sie. Denn: „Allgemein sind Lehrer knapp, Förderschullehrer erst recht.“ Schulleiter müssten daher Veränderungen im Kollegium im Blick haben und frühzeitig Lehrer-Nachwuchs an ihre Schulen binden.

Dass sie auf dem richtigen Weg seien, dieses Gefühl vermittelten die Rückmeldungen der Eltern. „Die Mutter eines der ersten Kinder mit Down-Syndrom an unserer Schule sagte mir, ihr Kind habe bei uns so viel aus sich rausgeholt, das hätte es an einer Förderschule nicht geschafft“, so Ehrhardt-Froese.

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