Medienschulung an der IGS Lilienthal

Augen auf im Internet

Die Lie Detectors haben den sechsten Klassen der IGS Lilienthal einen Besuch abgestattet. Die Organisation will Kinder mit Hilfe von Vorträgen und einem Konzept sensibilisieren, Falschnachrichten zu erkennen.
24.03.2021, 09:00
Lesedauer: 3 Min
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Augen auf im Internet
Von Mario Nagel

Auf einem Bild ist ein Hai zu sehen, der auf einer überfluteten Autobahn schwimmt. Fotografiert wurde er aus einem Auto, das sich ebenfalls auf der Straße befindet. „Das ist doch nicht echt“, ruft ein Schüler durch den Klassenraum. „Woran erkenne ich denn, dass das Bild nicht echt ist?“, fragt Katharina Kühn. Die Schüler der sechsten Klasse der IGS Lilienthal rätseln munter, bringen verschiedene Vorschläge ein: Man müsse das Bild und die Quelle genau überprüfen, letztlich einfach seinen Verstand einschalten, ist der Tenor.

Katharina Kühn hat eine Idee: „Wir benutzen die Google-Rückwärtssuche und gucken, ob es noch andere Quellen gibt. Wenn ein Hai auf einer Autobahn schwimmt, würden schließlich mehrere Medien darüber berichten.“ Über die Bildersuchfunktion kann das Foto hochgeladen werden, anschließend durchforstet Google das Internet. Das Ergebnis ist schnell gefunden: Das Bild wurde mit Photoshop bearbeitet und ist gefälscht, die Schüler hatten den richtigen Riecher.

So wie in diesem Beispiel läuft es vor allem bei Kindern und Jugendlichen aber nicht immer. Seit Jahren wächst die Zahl der Falschnachrichten im Internet, vor allem auf Social-Media-Plattformen wie Facebook, Tiktok oder Twitter. Die Organisation Lie Detectors hat sich deshalb auf die Fahne geschrieben, mithilfe eines eigens entwickelten Konzepts Aufklärung zu betreiben: Woran können Falschnachrichten erkannt werden und was macht guten Journalismus eigentlich aus? Um diese Fragen zu beantworten, halten die knapp 200 Journalisten des Netzwerks Vorträge in deutschen, belgischen und österreichischen Schulklassen.

Katharina Kühn, die als freie Moderatorin und Journalistin unter anderem Beiträge für das Radio und den TV-Sender Phoenix macht, ist eine von ihnen. Sie führt an diesem Tag an der IGS Lilienthal durch die etwa einstündige, digitale und für die Schule kostenfreie Veranstaltung. Kühn ist live aus Berlin per Videokonferenz ins Klassenzimmer geschaltet, auch die Hälfte der Schüler sitzt zu Hause vor dem Computer. Dazu sitzen zehn der 23 Schüler im Raum verteilt.

Nun will Kühn von ihnen wissen, was für die Arbeit eines Journalisten wichtig ist. Die Schüler haben sich in einer kurzen Runde beraten und kommen zum Ergebnis: Kamera und Mikrofon, ein Thema und der Zugang zu Webseiten, also ein Computer. „Das ist korrekt, aber Journalisten müssen in erster Linie gewisse Prinzipien beachten“, sagt Katharina Kühn. Genauigkeit, Unabhängigkeit, Unparteilichkeit, Menschlichkeit und Verantwortlichkeit seien die fünf Grundsätze, die es zu beachten gelte. Das sagt die Journalistin nicht ohne Grund: Denn jetzt sollen sich die Schüler selber ein Mal als Medienschaffende versuchen.

Im fiktiven Beispiel arbeiten sie für das Haustier-Magazin. Die erste Frage, ob das Thema der Hund oder die Katze sein soll, beantworten die Schüler mit einem klaren Votum für den besten Freund des Menschen. Nun sollen sie Adjektive nennen, die einen Hund beschreiben. Lebensfroh, verspielt, lustig, treu, niedlich und aggressiv werden genannt. „Nun haben Journalisten meistens nur einen begrenzten Platz. Wenn sie also schreiben: Hunde sind treu, lebensfroh und lustig. Sind Hunde dann ausreichend beschrieben?“, fragt Kühn.

Auf das schallende Nein folgt ein zweiter Versuch: Hunde seien aggressiv, verspielt und niedlich. „Ist das besser?“, fragt sie. Wieder antworten die Schüler mit Nein und begründen dies damit, dass es unterschiedliche Hunde gebe und nicht alles auf jeden Hund zuträfe. Für Katharina Kühn ist genau das die Lektion: „Auch im Journalismus wird manchmal nur eine Seite der Geschichte erzählt oder die Geschichte wird subjektiv wiedergegeben, etwa weil mehr positive als negative Aspekte genannt werden.“

Sie hält die Kinder deshalb dazu an, die Hintergründe einer Information zu prüfen und sich selbst Fragen zu stellen. „Ist das logisch? Macht das Sinn?“, sagt Kühn. Von den Lie Detectors haben die Schüler neun „Werkzeuge“ erhalten, mit deren Hilfe sie wahre Meldungen von den Falschen unterscheiden können. Nach einer Fragestunde, in der die Schüler die Journalistin ausquetschen können, ist die Veranstaltung beendet. Von der Klasse gibt es Applaus.

Mathe- und Sportlehrer Alexander Kellermann, der die Unterrichtsstunde begleitet hat, ist von der Idee der Lie Detectors begeistert. „Ich finde es super wichtig, die Kinder im Hinblick auf Falschinformationen zu sensibilisieren.“ Die Kinder seien überall aktiv, würden aber oftmals zu naiv an bestimmte Themen herangehen.

Eine Umfrage von Katharina Kühn zu Beginn der Unterrichtsstunde hatte bereits gezeigt, wie vernetzt die Kinder sind. Alle zehn anwesenden Schüler besitzen ein Smartphone, sieben von ihnen sind auf Social-Media-Plattformen wie Instagram oder Snapchat aktiv. Das deckt sich mit einer Bitkom-Umfrage aus dem Jahr 2019, laut der 95 Prozent der 12- bis 13-Jährigen ein Smartphone besitzen. „Ich denke deshalb, dass die Kinder gar nicht früh genug aufgeklärt werden können“, sagt Kellermann.

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