Handball

Ungarn als Spielverderber

Handballer aus der Region machen die 28:29-Vorrundenniederlage einhellig für das frühe WM-Aus verantwortlich
24.01.2021, 14:45
Lesedauer: 5 Min
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Von Olaf Kowalzik

Das Viertelfinale war das ausgegebene Ziel. Das hat die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Ägypten verpasst. Vor dem heutigen Spiel gegen Polen steht fest, dass das Team des DHB-Trainers Alfred Gislason keine Chance mehr auf die dafür maßgeblichen vordersten beiden Plätze seiner Gruppe hat. Weder den Europameister Spanien noch die ungarische Equipe kann die deutsche Mannschaft noch abfangen.

Ist das ein Grund zum Trübsal blasen? Mitnichten, meint André Franke, Nachwuchs- und Männer-Trainer bei der TSV Farge-Rekum. „Die deutsche Nationalmannschaft hat sich unter den Umständen sehr gut verkauft, aber unter Wert geschlagen“, ist er überzeugt. Mit den besonderen Umständen meint er das Fehlen von wichtigen Spielern wie den früheren Schwaneweder Finn Lemke sowie Jannik Kohlbacher, Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler, Steffen Weinhold, Fabian Wiede, Tim Suton und Franz Semper. Vier von ihnen sagten verletzungsbedingt ab, vier aus familiären Gründen. „Die Absagen waren alle nachvollziehbar“, findet Jörg Rutenberg, Trainer des SV Grambke-Oslebshausen II in der Männer-Landesklasse.

Der DHB-Torwart Andreas Wolff hatte für die „Familienabsager“ weniger Verständnis und attackierte insbesondere seine früheren Kieler Mannschaftskameraden Wiencek, Pekeler und Weinhold. Sie seien in der Champions League ja schließlich auch permanent unterwegs, so seine Kritik. „Ich verstehe nicht, warum Wolff das Fass direkt vor WM noch einmal aufgemacht hat“, fragt sich Jörg Rutenberg dazu. Von den Absagen war vor allem der deutsche Abwehr-Innenblock betroffen, dem Kanten wie Lemke, Pekeler und Wiencek fehlten. „Phasenweise konnte man sehen, dass Johannes Golla, Sebastian Firnhaber und Co. die Lücken schließen können“, sagt Henning Schomann, Oberliga-Trainer der HSG Schwanewede/Neuenkirchen. „Aber um die Absprachen und die Kompaktheit dauerhaft hinzubekommen, dazu fehlte die Vorbereitungszeit und ein Tick Erfahrung“, schiebt er hinterher. Letztlich entscheidend war für den deutschen Hauptrunden-K.o. die 28:29-Vorrundenniederlage gegen Ungarn, so die einhellige Meinung aller von der NORDDEUTSCHEN darauf angesprochenen Handballer. Deren Minuspunkte wurden mit in die Hauptrunde genommen und fehlen in der Endabrechnung schmerzlich. „In dem Spiel hätten wir in der Abwehr präsenter sein müssen. Und bei den vielen Torchancen wäre sowieso mehr drin gewesen“, stellt André Franke fest.

In mindestens einem Nordbremer Haushalt wurde trotz der 28:29-Niederlage des DHB gegen Ungarn gejubelt, zumindest teilweise. Denn während Carsten Blum, Trainer der HSG Vegesack-Hammersbeck in der Bremenliga der Frauen, auf das deutsche Team setzte, feuerte seine Frau Aniko die Magyaren an. Die frühere Waller Bundesliga-Spielerin hat unter ihrem Geburtsnamen Geczi einige Länderspiele für ihr ungarisches Geburtsland absolviert, ergo drückte sie natürlich auch ihrer Nation die Daumen. Während des Spiels unterhielten sich die beiden hier und da schon mal angeregt über die ein oder andere Schiedsrichterentscheidung. „Das ist so, als wenn im Spiel zwei gegnerische Trainer aufeinandertreffen“, schildert Carsten Blum vergnügt das Geschehen. Sekunden vor Schluss durfte Aniko Blum dank des finalen Treffers des ungarischen Teams jubeln. „So ein Mist“, entfuhr es ihrem Mann in dem Moment. Aniko Blum hofft nun, dass ihre Mannschaft noch weiter nachlegt. „Bei dieser WM befinden sich viele Teams auf Augenhöhe, mit viel Glück kann es bis ins Finale gehen“, wünscht sie sich.

Schließlich hätten die Ungarn in den beiden starken Halbangreifern Dominik Máté (21 Jahre) und Zoltán Szita (22) junge Spieler, die in die Verantwortung gehen. „Die haben das Spiel in die Hand genommen, bei uns hat so ein Leader während des Turniers gefehlt“, stellt Jörg Rutenberg fest. Wer hat im deutschen Team gefallen? Henning Schomann nennt im Angriff die beiden Außen Marcel Schiller und Timo Kastening. Den Erstgenannten wegen seiner erfrischenden Art und der guten Strafwurfquote, Kastening generell mit seinem schnellen Antritt und seiner Spielweise. Im Tor machte für ihn Jogi Bitter wenig Fehler und bot eine gute Leistung. Abseits des Spielfelds amüsierte Henning Schomann der Instagram-Account von Silvio Heinevetter mit dessen hohen Kreativität und Unterhaltswert. Wenn es für die deutsche Mannschaft im März um die Qualifikation für die Olympischen Spiele geht, dann hoffen die Angesprochenen zumindest auf einen Teil der acht Absager als Rückkehrer.

Und wie ist das deutsche Team generell für die Zukunft aufgestellt? „Es wachsen gute Spieler nach“, blickt André Franke positiv nach vorne und denkt vor allem an den 20-jährigen Juri Knorr. Der spielt in Ägypten seine erste WM. Jörg Rutenberg gibt zu bedenken, dass viele der bei dieser Weltmeisterschaft eingesetzten Deutschen nicht gerade bei den Topklubs spielen. Aber: „Da werden mittelfristig Leute nachkommen, mit denen wir zurzeit noch gar nicht rechnen“, behauptet er. Und richtet den Blick auf Bundesligisten wie die TSV Hannover-Burgdorf und GWD Minden, die beide auf viele junge, deutsche Spiele setzen. Auch die Füchse Berlin verfügen über einen starken Nachwuchs.

Wer holt sich den WM-Titel? „Mit Spanien, Dänemark und Frankreich die üblichen Verdächtigen zu nennen, ist mir zu einfach. Die haben sich einige Male schwer getan“, analysiert Henning Schomann. Von den Ungarn war der Trainer der HSG Schwanewede/Neuenkirchen angetan: „Sie sind für mich der Geheimfavorit, es wird aber wohl nicht zum Titel reichen.“ Schomanns Oberliga-Torjäger Karlo Oroz bangt noch um das Weiterkommen „seines“ kroatisches Team. Zwei starke Rückraumspieler sind verletzt, nach der jüngsten Niederlage gegen Argentinien braucht der Mit-Favorit auf die Handballkrone für den Viertelfinaleinzug unbedingt einen Sieg gegen den Titelverteidiger Dänemark. Und Schützenhilfe obendrein. Der kroatische Nationaltrainer war von der Leistung seiner Mannschaft derart enttäuscht, dass er die Brocken noch am Sonnabend vor laufender Kamera während eines Interviews hinschmiss. „Und der Kieler Bundesligaspieler Domagoj Duvnjak ist nach seiner Corona-Erkrankung nicht in Top-Form“, seufzte Oroz.

Womit der Bogen zum Covid 19-Virus geschlagen wurde. Ist die Durchführung einer Weltmeisterschaft während der Pandemie ein gutes Signal? „Ich weiß nicht, ob es geschickt ist, sie in dieser Zeit durchzuführen. Auch wenn da natürlich viel Geld drin steckt “, bezieht Stefanie Fleckenstein, Bremenliga-Spielerin der HSG Lesum/St. Magnus, Stellung. „Zum Glück wurde kurz vorher noch auf die Zuschauer in der Halle verzichtet, denn das hätte der Außenwirkung des Handballs gar nicht gut getan“, ist sie überzeugt. Das Thema Corona selbst trat nach dem freiwilligen Ausscheiden der vom Virus besonders betroffenen Mannschaft Kap Verdes mit zunehmender Turnierdauer zumindest öffentlich in den Hintergrund.

Wie kommt das erstmalige Ausweiten der Weltmeisterschaft auf 32 Mannschaften an? Stefanie Fleckenstein ist zwiegespalten. Prinzipiell findet sie es gut, dass auch kleinere Nationen in den Genuss von solchen Titelkämpfen kommen. Vor allem, wie die Demokratische Republik Kongo ihren ersten Weltmeisterschaftssieg gefeiert hat, wie das durch die sozialen Medien rauschte, ist an ihr hängengeblieben. „Das macht natürlich solch eine WM aus“, sagt sie. Andererseits fragt sie sich, „ob es dafür nicht die Olympischen Spiele gibt.“

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