Baugebiet Ritterallee "Schwenk um 180 Grad"

Statt weiteres Bauland an der Ritterallee auszuweisen, will die Kirchlintler Ampel alternative Gebiete entwickeln und den Innenraum verdichten. Die CDU sieht die Gemeinde gegenüber dem Investor in der Pflicht.
19.01.2022, 16:35
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Kein Thema hat in den vergangenen Jahren für soviel politischen Zündstoff im Kernort Kirchlinteln gesorgt wie die Erweiterung des Baugebiets Ritterallee. Die neue Mehrheitsgruppe im Gemeinderat (SPD, Grüne und Freie) will nun die Pläne dafür per Ratsbeschluss endgültig begraben und alternative Bebauungsmöglichkeiten in der Ortschaft Kirchlinteln prüfen. Der entsprechende Antrag soll bereits in der nächsten Sitzung des zuständigen Fachausschusses beraten werden. Die Christdemokraten hingegen bedauern außerordentlich, dass somit "eine gute Entwicklungsmöglichkeit für Kirchlinteln" zerschlagen werde und werfen den Sozialdemokraten einen "Schwenk um 180 Grad" vor.

Gegen Abholzung des Waldes

"Das mit einer Waldrodung verbundene Baugebietsvorhaben Ritterallee II ist politisch von Anfang an sehr umstritten gewesen und hat auch durchgängig zu viel Unmut in der Öffentlichkeit geführt", begründen Gruppenvorsitzender Richard Eckermann (SPD) sowie seine beiden Stellvertreter Wilhelm Haase-Bruns (Grüne) und Frank-Peter Seemann (Freie) ihren Vorstoß. 

Bei dem Waldstück Ritterallee II handelt es sich um ein rund 2,7 Hektar großes Areal. Zur Erinnerung: Die Planungen für die Bebauung wurden 2018 aufgenommen, jedoch aufgrund verschiedener Fragestellungen und Bedenken bislang nicht mit einem Satzungsbeschluss abgeschlossen. Im Planungsgebiet sollten vornehmlich kleinere und barrierefreie Wohnungen entstehen.

Die Erweiterung des Baugebiets sei damals mit höchster Priorität versehen worden, erinnert Torsten Blanke, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Kirchlintler Gemeinderat und ergänzt: "Die Fläche wurde von den Landesforsten aktiv angeboten, mögliche Ausgleichsflächen standen zur Verfügung und den Landwirten wurden keine hochwertigen Flächen entzogen." Blanke betont, dass der damalige Beschluss mit Ausnahme der Grünen einstimmig gefasst worden sei. Aufgrund des klaren Bekenntnisses zum Baugebiet sei der Investor zudem bereit gewesen, Planungen und Gutachten vorzufinanzieren. 

Voraussetzung für Ampel-Bündnis

Bereits die von SPD und Grünen gemeinsam aufgestellte parteilose Bürgermeisterkandidatin und heutige Ratsfrau Sabine Mandel war im Wahlkampf von den ursprünglichen Bebauungsplänen abgerückt. Sie hatte sich im Spätsommer zu einem Gedankenaustausch mit den Vertretern der Bürgerinitiative (BI) Ritterallee getroffen. Mitglieder von Naturschutzbund (Nabu) und BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) hatten in den vergangenen Jahren immer wieder Front gegen die mögliche Abholzung der Bäume gemacht. Die Ablehnung des Bauvorhabens an der Ritterallee sei eine Voraussetzung für die Zusammenarbeit gewesen, erklärte Frank-Peter Seemann, Vorsitzender der Freien im Kirchlintler Gemeinderat, bei der Vorstellung des Bündnisses gegen die CDU.

"Die klimapolitisch gestiegene Bedeutung des Waldes beim Schutz vor Wasser- und Winderosion, der Grundwasserbildung, der Sauerstoffproduktion und gleichzeitiger Bindung von Kohlendioxid sowie der Reinigung der Luft, erfordert ein Umdenken", begründet Richard Eckermann den neuen Standpunkt der SPD. Der Wald biete unzähligen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Gerade die in der Ritterallee vorkommende Roteiche erfülle eine Vielzahl wichtiger klimarelevanter Funktionen.

Lückenbebauung im Kernort

Laut Gruppenantrag soll die Gemeindeverwaltung nun Alternativvorschläge für eine weitere Baugebietsausweisung in der Ortschaft Kirchlinteln prüfen und dabei möglichst geringe Eingriffe in den Naturhaushalt und insbesondere auch für die Landwirtschaft (Stichwort Kompensationsflächen) berücksichtigen. Darüber hinaus solle das Rathaus Vorschläge unterbreiten, wie im Kernort Kirchlinteln eine innerörtliche Verdichtung in Form von Umnutzungen von Bestandsimmobilien und Lückenbebauung realisiert werden könne. Sei es durch die Anpassung von Bebauungsplänen oder durch ein Modellprogramm zur Wohnraumförderung.

Für die CDU-Fraktion ist der Kurswechsel der SPD jedenfalls nicht nachvollziehbar, zumal der Bedarf an Bauflächen in der Heidegemeinde weiterhin bestehe. Die Konservativen werfen der Gruppe nun vor, mit ihrem Richtungswechsel die Glaubwürdigkeit der Gemeinde Kirchlinteln nachhaltig zu beschädigen, da sich Dritte auf mehrfache sehr eindeutige Zusagen plötzlich nicht mehr verlassen könnten. "Wir sind gespannt, wie die bereits aufgelaufenen Kosten des Investors beglichen werden sollen, ob es dadurch zu einer Forderung gegenüber der Gemeinde kommen wird oder diese Kosten als Belastung auf ein potenziell neues Baugebiet umgelegt werden", erklärt Blanke.

Die Kirchlintler Ampel, SPD, Grüne und Freie, hat bereits im Visier, wo ein zusätzliches Baugebiet ausgewiesen werden könnte, und zwar im im Bereich Sonderkamp – sowohl im Bereich der bislang für eine mögliche Umgehungsstraße freigehaltenen Trasse als auch angrenzend an die Bebauung in Richtung
Westen.

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