Vor 50 Jahren Warum Bundespräsident Heinemann den Bürgersinn in Fischerhude lobte

Spontan und volksnah präsentierte sich Bundespräsident Gustav Heinemann am 24. Juni 1972 in der Fischerhuder Dorfmitte. Eher zufällig wurde der Staatsmann an jenem Tag vor 50 Jahren zum Gast einer Einweihung.
28.06.2022, 14:46
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Warum Bundespräsident Heinemann den Bürgersinn in Fischerhude lobte
Von Lars Köppler

Als einflussreicher Staatsmann reiste Gustav Heinemann rund um den Globus. Dass der ehemalige Bundespräsident jedoch nicht nur die deutsche Politik und das große Weltgeschehen im Blick hatte, beweisen die Aufzeichnungen des Fischerhuder Ortsarchivars Hans Blanken, der immer wieder gerne auf die Ereignisse des 24. Juni 1972 zurückblickt. Denn das damals 73-jährige Staatsoberhaupt war es, das die Einweihung des neu gebauten Feuerwehrhauses der hiesigen Brandschützer in der Fischerhuder Dorfmitte mit seinem spontanen Besuch für alle Beteiligten zu einem besonderen Ereignis werden ließ. Der Zufall wollte es, dass Heinemann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Seit sieben Jahren verrichtete der junge Hans Blanken an jenem Tag vor 50 Jahren bereits seinen freiwilligen Dienst bei der örtlichen Feuerwehr. Doch wie seine Kameraden litt auch er schon lange unter den beengten Platzverhältnissen des alten Spritzenhauses auf der Dorfweide. Nach jahrelangen Bemühungen des damaligen Brandmeisters Hans Schlobohm hatte sich die damalige Gemeinde "Flecken Fischerhude" dann endlich entschlossen, für das alte Spritzenhaus ein neues Feuerwehrhaus "Im Krummen Ort" zu bauen. "Auch der damalige Bezirksbrandmeister Albert Reinders aus Worpswede hatte die Unterbringung der Feuerwehr immer wieder beanstandet", erinnert sich Hans Blanken an die zahlreichen Diskussionen in den späten 1960er-Jahren zurück.

Besuch beim Schwager

Mit sehr viel Eigenleistung der Feuerwehrkameraden und auch mithilfe der Gemeinderäte konnte der Bau schließlich verwirklicht werden. Fischerhude und Quelkhorn hatten sich vor der Gebietsreform zu einer selbstständigen Gemeinde zusammengeschlossen und der Bau des Feuerwehrhauses sollte die letzte Baumaßnahme werden, bevor sich die beiden Orte zur Einheitsgemeinde Ottersberg gesellten. "Das Bauholz kam aus der Surheide", weiß Blanken zu berichten. Aus jenem Quelkhorner Idyll also, zu dem auch der im Jahr 1976 verstorbene Bundespräsident Gustav Heinemann eine besondere Beziehung hatte. Denn an diesem Juni-Wochenende war Heinemann mal wieder zu Gast bei seinem Schwager Conrad Ordemann, der sich in der Surheide niedergelassen hatte.

Die Besuche des deutschen Staatsoberhauptes waren derweil jedes Mal von besonderen Sicherheitsvorkehrungen begleitet. "Wenn Heinemann mit dem Hubschrauber gebracht wurde, musste die Feuerwehr mit einem Tanklöschfahrzeug den Landeplatz vor dem Haus von Ordemann sichern", hat Blanken diese seltenen Momente noch genau vor Augen. Doch Heinemann zeigte sich trotz aller Schutzmaßnahmen um seine Person überaus nahbar und gesprächsbereit. Auf die Frage von Gemeindebrandmeister Hans Schlobohm, ob er zur Einweihung des Feuerwehrhauses kommen wolle, soll Heinemann mit einem klaren "Selbstverständlich!" geantwortet haben.

Mit einem Umzug durch das Dorf begann die feierliche Zeremonie. Der Bundespräsident war beim Eintreffen des Umzuges bereits vor Ort. "Herr Bundeskanzler: Feuerwehr angetreten", meldete der sichtlich nervöse und unruhige Gemeindebrandmeister. "Es war für ihn ein besonderer Tag. Alle Leute hatten Verständnis für den Versprecher", nimmt es Hans Blanken mit Humor. Nach Ansprachen des Architekten Hans Drechsler und des Bürgermeisters Klaus Ruschmeyer erfolgte die symbolische Schlüsselübergabe an Hans Schlobohm, ehe auch Bundespräsident Gustav Heinemann das Wort ergriff. "Er sprach von Bürgersinn, der sich in dem neuen Feuerwehrhaus zeigte", erinnert sich Blanken. Gemeint hatte der Politiker damit vor allem die Eigenleistung und die Mithilfe der Feuerwehrleute und Einwohner beim Bau des Hauses.

Party mit Personenschützern

Auch habe er über den freiwilligen Dienst der Feuerwehren gesprochen. Ohne Heinemann, der sich mit seiner Ehefrau von den Feierlichkeiten zurückgezogen hatte, startete in Peters Scheune schließlich eine wilde Einweihungsparty, die abends mit dem Tanz auf der Tenne ihren Höhepunkt erreichte. "Die Personenschützer feierten lustig mit. Sie waren in Bellmanns Gasthaus untergebracht. Der Porsche mit Maschinenpistole stand vor der Tür. Nach der RAF-Zeit war dies so alles nicht mehr möglich", blickt Blanken zurück. Inzwischen ist die Feuerwehr Fischerhude-Quelkhorn seit 2009 im neuen Feuerwehrhaus an der Wilhelmshauser Straße untergebracht.

Der Bundespräsident ließ sich diesmal zwar nicht blicken, dafür aber der damalige Niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann. "Das Feuerwehrhaus in Fischerhude ist wohl das einzige in Deutschland, welches ein Bundespräsident eingeweiht hat", mutmaßt Hans Blanken. Das alte Feuerwehrhaus auf der Dorfweide (Im Krummen Ort) hat derweil längst eine andere Bestimmung gefunden. Die ortsansässige Keramikerin Katharina Bertzbach erwarb das Gebäude im Jahr 2009 vom Flecken Ottersberg und nutzt es seitdem als Keramikwerkstatt.

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